Weniger ist mehr

Mit keinem Entschluß meiner Autorenlaufbahn tue ich mich auch im Nachhinein noch so schwer wie mit meiner Entscheidung 2008, nach weniger als einer Woche aus dem Nanowrimo auszusteigen. Es hatte damals vor allem gesundheitliche Gründe, ich befürchtete, daß ich eine Psychose bekommen könnte, und doch, es schmeckt bis heute bitter. Geisterlied, eine Idee, auf die ich immer noch stolz bin, ist bis heute nicht geschrieben, und ich traue mich kaum heran, es doch endlich zu versuchen, so groß ist die Angst, die Geschichte zu ruinieren. Wäre ich heute in der gleichen Situation, ich würde mich anders entscheiden. Das Problem damals war nicht der Nano, es war die Arbeit, und die Psychose habe ich damals, wenn auch um zwei Monate nach hinten versetzt, doch noch bekommen. Und doch habe ich jetzt eine Entscheidung getroffen, die mir genauso schwer gefallen ist und genauso schlecht schmeckt.

Fünfhunderttausend Wörter, ein stolzes Ziel hatte ich mir für dieses Jahr gesetzt, und nachdem es im ersten Monat noch ganz gut ging, habe ich bald zu kämpfen angefangen – natürlich, ich bin ein Kampfschreiber, aber es soll Spaß machen und nicht zu einer ständigen Belastung werden. Ich bin mir immer noch sicher, daß ich in der Lage bin, eine halbe Million Wörter in einem Jahr zu schreiben – wenn ich mal Berufsautorin bin und meinen Lebensunterhalt damit verdiene. Aber jetzt, neben meiner Arbeit in der Bibliothek, schaffe ich das nicht. Ich muß den Tatsachen ins Auge blicken. So professionell ich mich auch fühlen mag als Autorin, ich bin immer noch eine Bibliothekarin, davon lebe ich und diese Arbeit will ich auch gut machen. Das kann ich nur, wenn ich genug geschlafen habe, und meine Schlafstörungen haben sich in den letzten Wochen wieder als echtes Problem rausgestellt. Wenn ich bin zwei Uhr in der Frühe über meinen Texten brüte, krampfhaft versuche, noch irgendwo ein paar hundert Wörter rauszuquetschen, kann ich nicht am anderen Morgen um halb zehn volle Leistung bringen.

Ich stand schon kurz davor, alles hinzuschmeißen, den ganzen T12, und nie wieder gegen ein Ziel anzuschreiben, aber ich habe mich jetzt nach langem Hin und Her entschieden, weiterzumachen, mit einem reduzierten Ziel von vierhunderttausend Wörtern, von denen ich aus Erfahrung vom letzten Jahr weiß, daß ich die schaffen kann. Keine leichte Entscheidung, wirklich nicht, aber es ist das oder scheitern, und scheitern kann ich nicht. Jede Niederlage frißt sich in mir fest und sucht mich heim, noch Jahre später – und aufgeben ist eine Niederlage wie alle anderen. Meine Freunde halten mich für einen sturen Hund, aber sowas passiert mit Menschen, die nicht verlieren können. Was am längsten gedauert hat bei dieser Entscheidung jetzt war also, mir einzureden, daß ich mein T12-Ziel nur der Realität angleiche und das mitnichten etwas mit einer Niederlage zu tun hat.

Plötzlich bin ich also wieder im grünen Bereich, mein Tagesziel ist erreichbar – 750 Wörter schreibe ich ja sowieso, und dann muß ich noch eine gute Normseite drauflegen, und fertig ist der T12. Alle haben mir dazu geraten, keiner der anderen T12er hält mich für einen Versager, ich glaube, meine Freunde freuen sich, daß ich mich zu diesem Schritt entschieden habe, und jetzt, wo ich es verkündet habe und es kein Zurück mehr gibt, fühle ich mich plötzlich richtig gut, erleichtert, das Schreiben macht wieder Spaß, alles ist schaffbar, und daß sich ein Jahresziel von immerhin vierhunderttausend Wörtern plötzlich einfach anfühlt, ist auch schön. Ich bereue nicht, die halbe Million versucht zu haben, und ich werde noch genug Gelegenheit bekommen, es wieder zu versuchen. Nur nicht in diesem Jahr. Auch mit sechsunddreißig bin ich noch hinreichend jung, und ich werde meine Chance noch haben. Nur was 2011 angeht, backe ich jetzt ein paar kleinere Brötchen – und das heißt, ab jetzt wird in diesem Blog viel, viel weniger gejammert. Versprochen.

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