Stockholm, wir kommen!

Also, ein paar Tage lang habe ich prokrastiniert. Als bekennende Kampfschreiberin bin ich sogar beim Prokrastinieren fleißig, nämlich indem ich ganz viel schreibe, nur nicht das, was ich sollte: Keine Elomaran, keine Fälscher, dafür habe ich mir ein Projekt von der Warteliste genommen und mich endlich – die Idee ist aus dem letzten August – an das erste Kapitel vom Haus der Puppen gesetzt. Bis – natürlich – ich auch da nicht mehr weiterkomme. Jetzt müßte ich nämlich das Haus beschreiben, und das kann ich noch nicht. Also, wer hätte das Gedacht: Plötzlich habe ich Plot für das Gefälschte Herz. Dank sei wieder mal den Tintenzirklern, die immer die richtigen Fragen stellen und so genug Handlung für die ersten ein, zwei Kapitel aus mir rausgekitzelt haben. Jetzt geht das Schreiben fast genauso flott voran wie zuletzt beim Siegel. Ich weiß zwar über den Großteil des Buches immer noch nichts. Dafür habe ich aber einen akuten Fall vom Stockholm-Syndrom.

Der erste, den es getroffen hat, war Kevron. Der Bursche ist paranoid, und er hat Grips im Kopf – er hat also zwei und zwei zusammengezählt und ist zu dem Schluß gekommen, daß, wenn er sich jetzt gegen Tymur stellt, der ihn vermutlich umbringen wird. Womit er recht hat, das ist eines meiner Probleme mit diesem Buch. Umgekehrt wird aber Tymur einen Kev, der sich nützlich macht, ihm den Rücken freihält und Ärger von ihm abwendet, länger am Leben lassen. Und nachdem wir schon Tymur in seiner Paraderolle als Frodo erlebt haben, gibt uns jetzt also Kevron den Renfield. Also, nicht daß er lebende Fliegen äße oder so, aber er tut doch alles, was ein braver Ghul tut, um seinen Herrn aus Schwierigkeiten rauszuholen. Nur Kevs organisatorischem Geschick ist zu verdanken, daß Tymur jetzt auf freiem Fuß ist und die zwanzig Alfeyn-Soldaten nichts von der toten Zauberin im Turm wissen. Kev ist nicht glücklich damit, versteht sich. Er weiß, daß er seine Seele verkauft hat, um sein nacktes Leben zu retten. Ich muß dafür Sorge tragen, daß er bald wieder an Alkohol kommt, sonst geht der mir noch ein.

Aber es gibt noch einen zweiten Stockholm-Patienten, und das bin ich selbst. Nachdem ich das erste Kapitel, aus Kevrons Sicht, fertig hatte, ging es mit dem nächsten aus Tymurs Sicht weiter. Ich habe lange gezögert, ob ich das tun soll – schließlich verrate ich damit ziemlich viel, nämlich, daß der Bursche sehr wohl weiß, was er tut, und mit viel Kalkül seine Gefährten manipuliert. Lasse ich ihn nicht zu Wort kommen, handelt das Buch von den Bemühungen von Tymurs Gefährten, ihren von einem bösen Dämon besessenen Freund zu retten. Wenn hingegen der Schurke spricht, handelt das Buch von einem bösen Menschen, der die Welt an der Nase herumführt, und das hat natürlich auch Auswirkungen auf die Rezeption beim Leser – der soll das Buch und die Figuren darin schließlich mögen.

Letztlich habe ich mich also entschieden, daß es an der Zeit ist, Tymurs Stimme zu hören. Wir haben die Leser das erste Buch über gefoppt, irgendwann müssen die auch mal erfahren, was Sache ist, und vielleicht, wenn ich ganz genial bin, kann ich es so darstellen, daß die Leser selbst dann noch glauben, der arme Tymur ist besessen. Und so galt es, beim Schreiben allen Schaden von Tym fernzuhalten: Das kann ich so doch nicht schreiben! Das rückt ihn in ein viel zu schlechtes Licht! Das kann ich nicht machen! Die erste Hälfte des zweiten Kapitels war ein einziger Eiertanz, und ich hatte das Gefühl, mit Tymur um jeden Satz ringen zu müssen, bis der ihn autorisiert hatte – als Autor hat man es ja oft mit Figuren zu tun, die tun, was sie wollen, aber das ist erst der zweite Fall einer Figur, bei der ich tue, was sie will; der erste Fall war Morren in der Flöte aus Eis, und die liegt immerhin bald fünfzehn Jahre zurück.

Ich war schon drauf und dran, das Experiment »Tymur spricht« für gescheitert zu erklären, das Kapitel abzubrechen und zu den Akten zu legen, aber dann ist plötzlich der Knoten geplatzt, und auf einmal stimmt alles. Tymur hat seine Erzählstimme gefunden. Er kommentiert zynisch und kalkulierend, manchmal etwas selbstmitleidig und immer selbstverliebt, und es ist ihm egal, was die Leser über ihn wissen und denken. Er droht auch nicht mehr, mich oder die Leser als Mitwisser umzubringen. Der Knoten ist geplatzt. Von mir aus kann der Rest des Buches jetzt kommen –
Wenn ich denn Plot hätte…

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