Einmal Liebe und zurück

Als Autorin verfüge ich über eine besondere Gabe: Ich bin in der Lage, meinen Roman auch in der allerersten Rohfassung zu lieben. Ich kann mein unfertiges Buch lesen, als wäre es der heißeste Scheiß, und mein Innerer Kritiker lobt das Potenzial der Geschichte und ist ganz begeistert, wie viel man da noch rausholen kann. Wenn es drauf ankommt, bin ich mein größter Fan. Das ist, habe ich gelernt, nichts Selbstverständliches – viele Autoren tun sich schwer, ihre Bücher zu lesen, ohne nur über die Schwächen zu stolpern. Aber ich bin sehr gut darin, meine Bücher von vorn bis hinten zu lieben.

Natürlich, auch ich habe immer wieder Tage, wo ich mein Buch an die Wand klatschen möchte, wo ich mit einer Entwicklung absolut unzufrieden bin oder eine Szene hasse: Dann gehe ich ein bisschen auf Abstand, suche die Stelle, wo ich den Schnitt setzen muss, schmeiße raus, was mir nicht gefällt, und schreibe die entsprechende Szene neu. Das ist normal – auch wenn ich mein Buch unterm Strich liebe, muss ich doch immer imstande sein, die Schwächen darin zu finden. Schließlich will ich, dass es das Beste Buch der Welt wird. Aber mein Innerer Kritiker ist üblicherweise in der Lage, den Finger auf das zu legen, was verbessert werden muss und kann.

Nur wenn ich das dann plötzlich nicht mehr kann – dann wird es ernst. Und ausgerechnet mit dem »Gefälschten Land«, diesem Buch, das nicht scheitern darf, weil ich einen Vertrag dafür habe, auf das Agentin, Verlag und Leser warten, ist es mir passiert. Von einem Tag auf den anderen bin ich zu dem Schluss gekommen, dass das Buch missraten ist, durch und durch und strukturell. Strukturelle Probleme sind die schlimmsten. Die kann man nicht mal eben beheben, indem man eine Szene oder ein Kapitel neu aufsetzt. Das zieht sich durch das ganze Buch und lässt sich eigentlich nur dadurch beheben, nochmal komplett von vorn anzufangen.

Aber »Das gefälschte Land« soll im kommenden Frühling erscheinen, geht im Juni ins Lektorat, und mir fehlen doch eigentlich nur eine Handvoll Szenen und dann eine gründliche Überarbeitung, bevor ich es abgeben kann – ich habe dieses Buch nach den ersten 200 Seiten schon einmal komplett neu angefangen, noch einmal ist wirklich nicht drin. Noch schlimmer aber war, dass ich zu dem Schluss gekommen bin, überhaupt nicht imstande zu sein, es jemals zu schreiben, nicht so, wie es das verdient hat.

Nichts schien zu stimmen. Das Tempo – völlig falsch. In der ersten Hälfte Kapitel über Kapitel, in denen überhaupt nichts passiert, alles zerredet, und dann der epische Kampf am Schluss – wo ich doch gar keine epischen Kämpfe kann … Was hatte ich mir angetan, so ein Buch überhaupt schreiben zu wollen? Aber ich kam nicht vor und nicht zurück – das, was ich aufzulösen habe, habe ich im spätestens zweiten Band so angelegt, der ist veröffentlicht, den kann ich nicht mehr umschreiben, und hier stehe ich mit einem völlig missratenen Buch, alle werden es hassen, alle werden mich hassen, alles ist furchtbar …

Mit buchstäblich noch einer Woche Arbeit vor mir legte ich eine Vollbremsung ein. Nichts ging mehr. Ich hatte das Gefühl, mit allem, was ich tat, das Buch nur immer schlechter und schlechter zu machen, und die Schwöchen waren so tief verwurzelt, dass ich sie nie wieder loswerden würde. Am liebsten hätte ich das ganze Buch in die Tonne gekloppt, oder das Buch für ein, zwei, drei Jahre auf Eis gelegt, um mich ihm langsam wieder anzunähern, wenn ich ein besserer Autor geworden bin und dieser Aufgabe besser gewachsen …

Nur, das konnte ich mit »Geisterlied« machen, und mit dem »Glasaugenaus«, und den »Stadtkindern«, und mit anderen Büchern, von denen niemand weiß und auf die niemand wartet. »Das gefälschte Land« hat diese Zeit nicht. Und so ähnlich ich Kevron bin, so gern ich mir die Decke über den Kopf ziehen möchte und hoffen, dass die Probleme dann von selbst weggehen – ich kann nicht verlangen, von anderen wie ein Profi behandelt zu werden, wenn ich nicht selbst bereit bin, mich wie ein Profi zu verhanten. Was tut ein Profi? Er geht zum Angriff über.

Wenn ich mit dem Schreiben nicht weiterkomme, wenn ich nicht im März mit der Rohfassung fertig werde, sondern erst im April, dann muss ich Arbeit, die für April angesetzt war, in den März vorziehen, um nicht mit meinen Kapazitäten ins Schwimmen zu geraten. Und so sehr ich bereit war, dieses Buch zu hassen, machte ich mich mit zusammengebissenen Zähnen an die Überarbeitung der ersten Kapitel. Ich wusste ja, dass sie schlecht sind, dass sie schleppen, dass nichts passiert …

Und dann passierte etwas. Ich las diese völlig missratenen ersten Kapitel, und ich fand sie nicht mal schlecht. Genauer gesagt, ich fand sie ziemlich gut. Also, echt gut. Richtig geile Scheiße. Dramatisch. Psychologisch dicht. Klar, da war viel Blah, das ich mit Freuden rausgestrichen habe – das Buch in Rohfassung ist zu dick, ich muss anständig kürzen beim Überarbeiten, und je mehr Blah ich finde und rausschmeiße, desto besser ist das. Aber das, was kein Blah war, das stellte sich als richtig, richtig gut heraus. Ich hatte den ältesten Autorenfehler überhaupt gemacht. Gedacht, ich müsse das Buch eines anderen Autoren schreiben anstelle meines eigenen.

Die Neraval-Sage, das ist nicht irgendeine Fantasy-Serie. Das sind Maja-Bücher, und sie werden nicht besser, wenn ich plötzlich versuche, jemand anderes zu sein. Natürlich, der erste Band hat Leser enttäuscht, die mehr die epische Breite eines »Herrn der Ringe« erwartet hatte oder eines »Game of Thrones«, viele große Kämpfe, die sich heldenhafte Helden herbeisehnten und sich stattdessen vier Verlierern gegenüberfanden, denen man das Schicksal der Welt lieber nicht anvertrauen möchte – aber wer bis zum dritten Band durchgehalten hat, der sucht darin das, was ich stattdessen im Angebot habe: Psychologie, zwischenmenschliche Konflikte, unerwartete Wendungen.

Und von denen ist dieses Buch voll. Es hat Längen, es hat Anschlussfehler, es hat Ungereimtheiten, es hat Wiederholungen und Wiedersprüche – aber dafür überarbeite ich es ja, und das sind alles Sachen, die sich verbessern lassen. Ich schulde meinen Lesern, und mir selbst, die Reihe so abzuschließen, wie es zu mir und den ersten beiden Bänden passt. Nicht irgendein Fantasy-Roman, sondern ein Maja-Buch, mit allem, was mich ausmacht, und das so gut, wie ich irgendwie kann.

Buch und ich sind nicht perfekt. Und wir werden es vielleicht nie werden. Aber ich bin wieder da, wo ich hingehöre: Da, wo ich überzeugt bin, das beste, tollste, großartigste Buch der Welt zu schreiben. Und die dreieinhalb fehlenden Szenen – die schaffe ich auch noch. Da ist nur eine Kleinigkeit: Dafür müsste ich diese tollen Kapitel, an deren Überarbeitung ich gerade so viel Spaß habe, aus der Hand legen. Kann ja nicht beides gleichzeitig. Aber so oder so: Das wird ein tolles Buch. Ich zumindest liebe es. Wieder. Heiß und innig. Bis zum nächsten Mal. Oder für immer.

One thought on “Einmal Liebe und zurück

  1. Liebe Maja,
    ich freue mich schon richtig dolle auf das Buch 😀
    Du wirst das schon hinkriegen, Teil 1 und 2 waren ja auch so toll!
    Ganz liebe Grüße
    Silke

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