Einspruch, euer Ehren!

Eigentlich sollte »Wie Haut so kalt« schon im letzten Herbst fertig werden, noch vor dem Nano, das war der Plan. Daraus geworden ist – nichts. Damit reiht sich WHSK nahtlos in die Reihe der Bücher ein, die 2022 unbedingt hatten fertigwerden sollen und das, aus den unterschiedlichsten Gründen, nicht getan haben. Hier habe ich mich in einer juristischen Zwickmühle verfangen: Varda hat zwei Prozesse vor sich, einen, in dem er selbst angeklagt ist, und einen, in dem er als Zeuge aussagen soll, dahinein fällt dann auch noch der dramatische Höhepunkt des Buches, ich bin mir immer noch nicht sicher, wie ich die Handlung auflösen soll, und ohne einen roten Faden sollte man als Autor ohnehin nicht an ein Buch rangehen, aber ganz sicher nicht an einen dramatischen Gerichtsprozess.

Jetzt bin ich kein Jurist. Alles, was ich über Strafprozesse weiß, habe ich bei »Richterin Barbara Salesch« gelernt. Damit klinge ich jetzt unfähiger, als ich wirklich bin. Denn bei Barbara Salesch war ich nicht nur Zuschauerin, ich habe auch selbst als Laiendarstellerin mitgewirkt – und, was noch mehr ist, selbst Fälle geschrieben. Das war meine erste richtige bezahlte Autorentätigkeit. Und nachdem ich das lange als irgendwie peinlich unter den Teppich gekehrt habe, bin ich heute doch wieder ganz anständig stolz darauf.… Weiterlesen

Der Romanfriedhof: »Zirkus in der Stadt«

Neues Jahr, neues Glück: Es ist wieder an der Zeit, zurückzublicken auf diejenigen Geschichten, die auf die eine oder andere Weise, aber immer spektakulär, gescheitert sind. Heute: Ein Werk, das den Titel »Roman« nicht verdient hat, aber die Weichen gestellt hat für Jahrzehnte voller vor die Wand gefahrener Geschichten.

Ich war gerade acht Jahre alt geworden und ging ins zweite Schuljahr, als ich anfing, ein Buch zu schreiben. Ich weiß noch, dass ich während einer Schulstunde damit anfing: Wahrscheinlich im Förderunterricht, weil ich mich in diesem Fach meistens selbst beschäftigen durfte (und es über alle Maßen genoss, einmal etwas Zeit für mich allein zu haben). Jedenfalls malte ich ein Bild von einem Clown, der mit Bällen jongliert, und schrieb den Titel »Zirkus in der Stadt« dazu, und wo ich gerade dabei war, fing ich auf der Rückseite des Blattes an, die Geschichte dazu aufzuschreiben. Diese Version ist nicht erhalten, auch wenn weder ich, noch meine Eltern sie jemals weggeworfen hätten, aber ich war nie der ordentlichste Mensch, und irgendwann muss sie verlorengegangen sein.

Es war nicht die erste Geschichte, die ich mir ausgedacht hatte, wohl aber die erste, die ich aufschrieb. Und es geschah aus einer Laune heraus, ohne lange Planung, Plotten oder auch nur eine Idee .… Weiterlesen

Wat kütt? Dat kütt! VIII

Das Karussell dreht sich unerbittlich, und schon ist das nächste Jahr herum und wieder an der Zeit für den Ausblick, was ich in diesem Jahr alles schreiben will. Und ich frage mich allmählich, warum ich das jedes Jahr aufs Neue mache, nur um mich dann doch nicht daran zu halten. Von den Büchern, die ich letztes Jahr auf diese Liste gesetzt habe und die eigentlich schon 2021 »unbedingt und ganz sicher« fertig werden sollten, ist auch 2022 kein einziges fertiggeworden. Und so sieht meine Liste für dieses Jahr praktisch identisch aus zu der Liste vom letzten Jahr, die identisch aussah zur Liste von 2021, die nur deswegen nicht so aussah wie die Liste von 2020, weil ich in den Jahren 2019 und 2020 praktisch nicht gebloggt habe und dementsprechend auch keinen Jahresausblick gepostet habe.

Wie schon im Katastrophenjahr 2021 war auch 2022 mein Schreibjahr, gelinde gesagt, bescheiden. Es ging mir über weite Teile des Jahres psychisch sehr schlecht, ich war im Frühling drauf und dran, mich selbst in die Psychiatrie einzuweisen und habe es nur deswegen nicht getan, weil das mit der Premierenlesung des »Gefälschten Landes« kollidiert wäre. Danach ging es mir zwar ein bisschen besser – geschrieben habe ich trotzdem praktisch nichts, bis ich Ende des Jahres einen Lichtblick-Nanowrimo hatte, der mich auf Spur zurückgebracht hat und mir das einzige fertiggestellte Buch des Jahres eingebracht hat – aber das hatte ich im Nano neu angefangen, es stand nie auf meiner Jahresplanliste, und das ist letztlich auch nur ein Grund mehr dafür, die Existenz dieser Liste zu hinterfragen.… Weiterlesen

Verloren – gefunden

Vor einem Jahr hatte ich einen gewonnen Nanowrimo in der Tasche und konnte mich nicht darüber freuen. Dabei hätte ich allen Grund gehabt, stolz auf mich zu sein: Nicht nur hatte ich in einem Monat knapp über 50.000 Wörter an meiner »Neunten Träne« geschrieben – ich hatte parallel dazu im gleichen Monat auch noch das gesamte Lektorat des »Gefälschten Landes« absolviert. Es hatte mich kräftemäßig in die Knie gezwungen, das schon, meine Energie war noch nie überragend, aber ich hatte trotzdem all das bewältigt, ohne mich davon kleinkriegen zu lassen … Und doch war ich am Boden. Ich hatte den Nanowrimo gewonnen, aber etwas für mich viel, viel wichtigeres verloren: Die Kunst zu schreiben. Und ich war überzeugt, sie so schnell nicht wiedergewinnen zu können.

Den Schuldigen hatte ich schnell im Verdacht. Im gleichen Herbst war die Medikation für meine Schizophrenie umgestellt worden, von dem Mittel, das mich zehn Jahre lang aus dem Biorhythmus rausgekickt hatte zu einem, mit dem ich einen regelten, fast schon normalen Tagesablauf fahren konnte: Nun fürchtete ich, für diese Normalität den für mich höchsten Preis gezahlt zu haben. Meine Phantasie war versiegt. Ich hatte keine Ideen mehr. Und wo sonst im Nanowrimo ein Einfall den nächsten jagt, schindete ich einen Monat lang nur Wörter auf Basis von einem groben Plotkonstrukt, das ich Monate vorher geplottet hatte.… Weiterlesen

Starr vor Angst

Ich bin hilflos. Ich bin verzweifelt. Mir fehlt jede Kraft. Und ich habe Angst. Ich denke, das sind Worte, die kann gerade jeder unterschreiben – das Gefühl, ausgeliefert zu sein, machtlos zuschauen zu müssen, wie ein böser, machtgeiler Mensch die Welt in den Abgrund reißt.

Schon seit Monaten habe ich das Bedürfnis, die Welt anzuhalten und auszusteigen, seit das Hochwasser letztes Jahr meine Heimatstadt verwüstet und alle Infrastruktur zerstört hat. Jetzt hat sich das »Ich will nicht mehr« zu einem »Ich kann nicht mehr« gesteigert. Ich kann nicht mehr glauben, dass es jemals wieder besser wird, dass in diesem Krieg noch eine Deeskalation möglich ist und es nicht auf die völlige Zerstörung der Welt hinausläuft. Ich wollte einen ausführlichen Blogartikel darüber schreiben, wie ich die Situation erlebe, aber mir fehlen die Worte.

Mir fehlt auch die Kraft, irgendetwas zu tun. Alles erscheint so sinnlos, nichts ändert mehr etwas. Meine Krankheit hat mich voll im Griff, und wo ich mich früher aufgebäumt hätte, kann ich mich jetzt nur noch unter meiner Decke verkriechen und nach Gründen suchen, überhaupt noch am Leben zu bleiben. Ich mag in dieser Welt nicht mehr leben, und ich habe Angst. Ich lebe mit dieser Angst vor dem Krieg, seit ich sieben Jahre alt war, seit ich die ersten Kriege in den Nachrichten miterlebt habe, seit meine Grundschulklasse einen Preis gewonnen hat im Wettbewerb »Kinder malen den Frieden.«… Weiterlesen

Allein unter Büchern

Jede Bibliothek, jede Bücherei ist etwas Besonderes. Allein die Vorstellung, dass es da einen Hort von Büchern gibt, Geschichten, Geheimnissen, Wissen, und nur darauf wartet, entdeckt zu werden … Ich habe nie aufgehört, Bibliotheken zu lieben. Natürlich freue ich mich über jeden, der sich eines meiner Bücher kauft, weil ich damit meinen Lebensunterhalt verdiene – aber ich freue genauso über jeden, der/die meine Bücher in einer Bücherei ausleiht. Ich wäre geistig verhungert, hätte ich damals meine Stadtbücherei nicht gehabt, und hätte meinen Durst nach Geschichten ohne Beschaffungskriminalität ohne nicht stillen können.

Büchereien sind wichtig und kostbar. Und auch wenn ich, trotz wahrer Leidenschaft im Studium, nie über Praktika hinaus in einer öffentlichen Bibliothek gearbeitet habe – nur dreieinhalb Jahre in einer Unibibliothek, und das hatte sehr wenig mit Büchern zu tun – werde ich nie aufhören, in meinem Herzen Bibliothekarin zu sein. Um so mehr hat mich die Chance gefreut, im Rahmen meines gewonnenen PAN-Stipendiums zwei Wochen als Gast in einer Bücherei zu wohnen, die noch mal eine Ecke besonderer ist als andere: Der Phantastischen Bibliothek in Wetzlar.

Ich war noch nie vorher dort, auch wenn Wetzlar von Köln, wo ich studiert und lange gelebt habe, gar nicht so weit weg ist.… Weiterlesen

Der Romanfriedhof: »Der Siegelstein«

Die meisten Bücher, die auf dem Romanfriedhof landen, schlafen einfach irgendwann friedlich ein, und nach einigen Jahren des Brachliegens finde ich sie wieder und stelle fest, dass sie in der Zwischenzeit gestorben sind. Nicht so »Der Siegelstein«. Das Ableben dieses Romans war laut und tosend und führte schließlich zu einem Happy End, von dem das Buch selbst nichts mehr hatte.

Es war 1997, ein für mich in jeder Hinsicht bedeutsames Jahr. Im Frühling hatte ich meine Diplomarbeit zeitgleich mit meinem ersten Roman beendet – also nach zig Projekten, aus denen nichts geworden war, dem ersten Roman, der es bis zum Ende schaffte – und stand im Sommer, zweiundzwanzig Jahre alt, mit einem Diplom in der Tasche und einem Roman in der Schublade und ohne etwas zu tun. Ich schrieb Bewerbungen, aber die Berufsaussichten für Bibliothekarinnen waren schlecht, und ich wusste nicht viel mit mir anzufangen. Wieder etwas schreiben, natürlich – nur das wollte, fand ich, gut geplant sein.

So viele Bücher hatte ich vor die Wand geschrieben und nur ein einziges fertig, und ich suchte die Schuld in der Projektauswahl: Nach all den Romanwracks, die ich aus dem Bauch und einer Laune heraus angefangen hatte, sollte beim Nachfolger der »Flöte aus Eis« nichts dem Zufall überlassen werden – von nun an sollte jedes Buch, das ich anfing, auch fertig werden, und die Lösung dafür darin bestehen, dass ich einen nicht hundertprozentig erfolgsversprechenden Kandidaten gar nicht erst anfangen durfte.… Weiterlesen