Stubenhocker

Es ist lange her, dass ich ein Waldkind war. Damals, als ich im Ruhrgebiet gelebt habe, war ich wirklich viel draußen. Wir hatten über eine längere Zeit keinen Garten – unser Vermieter hatte das Grundstück, wo unser erster Garten war, als Bauland verkauft – aber das hat mir nicht so viel ausgemacht: Auf unserer Straße gab es etwas viel besseres. Sie endete in einer Sackgasse, danach kam ein Brennesseldickicht, dann ein Stück Brachland, wo ein alter Tiefbunker war, in dem wir Mutproben abhielten, und hinter dem Brachland kam ein riesiger Wald, der Kärling. Wenn man »kindheit im Ruhrgebiet« hört, denkt man wahrscheinlich erst einmal an dreckige Häuserschluchten, aber ich hatte wirklich viel wildes Grün, um dort zu spielen, und das habe ich, allein oder mit meinen Freunden oder Geschwistern, wirklich gern getan. Später bekamen wir dann noch einen neuen Garten, aber der war keine Konkurrenz zu dieser wunderbaren Wildnis.

Wir sind da weggezogen, als ich acht Jahre alt war, und ich trauere meiner Straße, meinen Freunden und meinem Kärling immer noch nach. Stattdessen landete ich im Münsterland, wo wir einen wirklich großen Garten hatten, aber keinen Wald mehr, wo die Kinder zu sauber und ordentlich waren, um eine Wildnis zum Spielen auch nur zu vermissen, und wo ich mich schwer tat, Fußzufassen.… Weiterlesen

Die Spur des Noir

Im Rahmen von »wieder mehr lesen« bin ich bei einem langjährigen Lieblingsbuch von mir angekommen, das – zusammen mit seiner Verfilmung – meinen schriftstellerischen und persönlichen Werdegang mehr geprägt hat als kaum ein anderes. Ich werde es rezensieren, so wie ich alles, was ich zur Zeit lese, rezensiere – aber es würde den Rahmen einer Rezi sprengen, da auch noch auf alles, was dieses Buch Ende der Achtziger mit mir gemacht hat, einzugehen, insbesondere, weil ich meine eigenen Werke üblicherweise aus den Rezensionen raushalte, so dass ich das hier in mein Autorenblog auslagere. Die Rede ist von Dashiell Hammetts Roman »The Maltese Falcon« und seiner 1941er Verfilmung, die hierzulande unter dem Namen »Die Spur des Falken« gelaufen ist.

Es war wahrscheinlich 1989 und ich um die vierzehn Jahre alt, als ich diesen Film das erste Mal gesehen habe. Und er war anders als alles, was ich bis dahin gesehen hatte. Das war meine erste Begegnung mit dem Film Noir, mit Geschichten, in denen niemand wirklich gut ist und sich alles in einer moralischen Grauzone bewegt. Und es hat mich geflasht. Bis dahin hatte ich nur englische Krimis gelesen, vorzugsweise von Dorothy L. Sayers und Agatha Christie – Bücher, in denen ein mehr oder weniger schrulliger Detektiv einen Mord aufklärt und Ende des Buches das Gute siegt.… Weiterlesen

Stehenbleiben

Manchmal ist es leichter, weiterzulaufen als stehenzubleiben. Im letzten Jahr, am ersten Januar, fing ich an zu laufen. Nicht mit meinen Füßen, nicht draußen – ich wünschte, ich könnte endlich meine Probleme, das Haus zu verlassen und mich zu bewegen, überwinden, aber noch ist es leider nicht so weit – aber beim Schreiben. Ich setzte mir ein Ziel, wie ich in dem Jahr zu schreiben gedachte, und jeden Tag, den ich 1/365 dieses Jahreszieles schaffte, zählte für meinen Lauf. Meine Hoffnung war, den Lauf so lang wie möglich durchzuhalten, um endlich, zum ersten Mal seit nicht weniger als zwölf Jahren, mein Ziel auch zu erreichen.

Anfangs fiel es mir schwer. Ich war aus der Übung, hatte in den vergangenen Jahren nur wenig, zu wenig, geschrieben, und musste erst einmal wieder in Übung kommen. Aber ich biss mich durch, lief tapfer jeden Tag mein Pensum, und als das Frühjahr kam, hatte ich mich eingegroovt. Ich lief durch das ganze Jahr, und was eine Stütze gewesen war, wurde zum Selbszeck. Mein Lauf half mir, zum ersten Mal seit Ewigkeiten tatsächlich mein ehrgeizig gestecktes Jahresziel zu erreichen, und, weil ich einfach nicht zu laufen aufhören wollte, bei weitem zu übertreffen.

Ich lief, egal was sonst auch passieren mochte.… Weiterlesen

Bücherliebe, Bücherangst

Noch im Dezember habe ich mich darüber ausgelassen, wie ich als früher leidenschaftlicher Bücherfresser aus dem Lesen rausgerutscht bin – jetzt, wenige Wochen später, hat es mich zurück. Ich bin an das Lesen rangegangen mit der gleichen eisernen Disziplin, mit der ich seit Anfang letzten Jahres schreibe – jeden Tag, egal was sonst noch passiert sein mag, greife ich zu meinem Buch und lese. Das absolute Minimum sind fünfundzwanzig Seiten, und normalerweise höre ich nicht auf, bevor ich fünfzig Seiten gelesen habe. Und an den ersten Tagen hat sich das wirklich sehr nach Arbeit angefühlt.

Das Lesen fiel mir so viel schwerer als früher, ich konnte mich schlecht darauf konzentrieren, nicht gut bei der Sache bleiben, und wo ich früher bis zu drei Bücher an einem Tag gelesen hatte, kam es mir so vor, als würde ich jetzt für meine täglichen fünfzig Seiten so lange brauchen wie früher für ein ganzes Buch. Dazu kam, dass ich mir zum Wiedereinstieg vielleicht das falsche Buch ausgesucht hatte. »The Gilded Crown« von Marianne Gordon war dann doch ganz anders, als der Klappentext mich hatte glauben lassen – ich hatte auf eine düster-makabre Romanze gehofft, stattdessen geriet ich an ein Buch, das mich einmal von innen nach außen krempelte und mich aufgewühlt und zornig zurückließ – und nach Jahren, in denen ich praktisch kein Buch gelesen hatte, war dieses Gefühl zu viel für mich.… Weiterlesen

Wat kütt? Dat kütt! IX

Eben noch habe ich meinen Rückblick auf das vergangene Jahr 2023 veröffentlicht, da ist auch schon die Fortsetzung da: Der Ausblick auf das neue Jahr. Traditionell ist dies der erste Beitrag, den ich jedes Jahr veröffentliche, und manchmal ist danach auch nicht mehr viel gekommen, aber jetzt bin ich gut dabei, im Fluss, und will einfach nur da weitermachen, wo ich aufgehört habe. 2023 war ein Schreibjahr, in dem ich mehr geschrieben habe als in jedem anderen Jahr meines Lebens, in dem ich an jedem einzelnen Tag mein Pensum geschrieben habe, und in dem das Schreiben mich einfach glücklich gemacht hat – glücklich genug, um in einer auseinanderbrechenden Welt überleben zu können.

Für 2024 sind meine Pläne dann erstmal: Weiterschreiben. Ich habe 2023 vier Romane fertiggestellt, aber meine Liste Büchern, an denen ich arbeiten will, ist ungebrochen lang. Da sind Bücher, die ich aus 2023 mitnehme; Bücher, an denen ich seit Jahren nicht geschrieben habe, und Bücher, die mir schon lang als Ideen im Kopf herumspuken, und sie sollten mir helfen, über die Runden zu kommen. Genug Projekte, um, wenn ich an einem hänge, einfach mit einem anderen weiterzumachen. Mein Plan ist, 2024 wieder mindestens drei Romane fertigzustellen, wobei ich heute noch nicht genau sagen kann, welche das sein sollen – ich lass es einfach drauf ankommen und schaue, was gut läuft.… Weiterlesen

Ein Jahr der Superlative

Normalerweise habe ich in diesem Blog Jahresrückblicke aus einem einfachen Grund gepostet: Weil ich entgegen vollmundiger Versprechen aus dem Januar, dieses Jahr endlich wieder mehr zu bloggen, spätestens ab März keine Beiträge mehr verfasst habe und Nachholbedarf hatte. Aber der Rückblick für 2023 ist anders. Er ist für die Leute, die nicht das ganze Jahr über diesem Blog gefolgt sind, damit die sich nicht durch die rund fünfzig Beiträge, die ich dieses Jahr geschrieben habe, arbeiten müssen, um zu wissen, was bei mir Sache war. Und auch wenn das Jahr noch nicht ganz rum ist, kann ich jetzt schon sagen: 2023 war ein Jahr der Superlative.

In den vergangenen Jahren habe ich viele Rückschläge einstecken müssen. Der Abschlussband meiner »Neraval-Sage« ist sang- und klanglos versandet, was schade ist um die Arbeit, die ich in die Trilogie gesteckt habe. Ich bin weit hinter meinen schreiberischen Plänen zurückgeblieben, und die Gesundheit hat auch nicht mitgespielt. Als ich mir daher für 2023 das Ziel gesetzt habe, 500.000 Wörter zu schreiben, war das eher utopisch. Und vor meiner anstehenden Veröffentlichung, meinem ersten Kinderbuch, hatte ich in erster Linie Angst. Ich wusste, noch einen Flop kann ich mir nicht leisten, sonst bin ich weg vom Fenster.… Weiterlesen

»Ich hasse Bücher!« III

Als wir vor nunmehr acht Jahren in unser Haus gezogen sind, haben uns unsere Möbelpacker verflucht. Hochgerechnet zehntausend Bücher mussten mit, eingepackt in Bücherwannen und stabilen Pappkartons, und auch wenn wir dem Umzugsunternehmen gesagt hatten, dass wir viele Bücher besitzten, ja, wirklich viele, hatten die sich darunter eher etwas um die fünfhundert Bücher vorgstellt als das Zwanzigfache davon. Ich liebe meine Bücher. Ich kann mich nicht von ihnen trennen, ich mag nicht aussortieren, ich habe sie gern um mich herum, und ich kann auch nicht damit aufhören, mir neue Bücher zu kaufen. Zumindest, solange noch Regalplatz da ist, und was den angeht, haben wir uns extra ein großes Haus gekauft, damit Platz für Bücher da ist.

Wir haben so viele Bücher im Esszimmer, dass wir es als Bibliothek bezeichnen. Wir haben Bücher im Wohnzimmer und Bücher im Flur. In meinem Arbeitszimmer ist ein großes Bücherregal, mehr Regale stehen im Gästezimmer, und in meinem Schlafzimmer habe ich nicht nur ein Regal direkt neben dem Bett, sondern auch noch ein kleines Wandregal auf der anderen Seite, Bücherstapel auf dem Fußboden neben dem Bett, und mindestens zwei, drei Bücher liegen im Bett neben meinem Kopfkissen. Ich lebe, ich atme Bücher. Ich liebe sie wirklich.… Weiterlesen

Nach dem Nano II

Viel habe ich in diesem Jahr vor dem Nanowrimo über meine Vorbereitungen gepostet – und dann den ganzen Monat November lang nichts. Zwar hatte ich vor, hier über meine Fortschritte zu berichten – aber auch wenn ich das ganze Jahr über fleißig gebloggt habe, musste ich doch merken, dass neben einem Doppelnano-Pensum wenig Zeit bleibt, irgendwas anderes zu schreiben, auch keine Blogartikel. Und so gibt es hier statt eines fortlaufenden Berichts jetzt ein Recap des Monats, auf den ich mich das ganze Jahr über gefreut habe.

Das wichtigste vorweg: Ich habe gewonnen, zweimal, so wie ich mir das erhofft hatte. Aber nach einem Jahr, in dem ich kaum einen Monat lang nicht ein Nanopensum von mindestens 50.000 Wörtern geschrieben habe, wäre alles unter einem Doppelsieg auch eine Niederlage gewesen, wollte ich doch dem ohnehin schon erfolgrechen Schreibjahr die Krone aufsetzen. Und diese Voraussetzung hat mir einen Druck reingebracht, den ich besser nicht gehabt hätte.

In anderen Jahren bin ich hungrig in den Nano gestartet, um nach einer Durststrecke ein neues Schreibjahr kaltzustarten und mir Schwung zu holen für die nächsten zwölf Monate. Dieses Jahr war ich zum Start des Nanos schon vergleichsweise verbraucht. Ich hatte seit Beginn des Jahres mehr als 500.000 Wörter geschrieben, den T12 fertig in der Tasche, und an jedem einzelnen Tag mein Pensum von mindestens 1.370 Wörtern geschrieben, werktags, sonntags, feiertags.… Weiterlesen

Leb wohl, du schöne Welt!

In wenigen Stunden startet der Event, auf den ich seit Wochen, wenn nicht seit Monaten, hingefiebert habe: der Nanowrimo. Zum achtzehnten Mal nehme ich in diesem Jahr teil, aber auch wenn mein Nano damit volljährig wird, freue ich mich da doch jedes Jahr aufs Neue drauf wie ein kleines Kind. Während anderswo Halloween gefeiert wird, sitze ich über den letzten Vorbereitungen  für mich und meine beiden Romane sowie für das Tintenzirkel-Forum. Die tägliche Statistik für in diesem Jahr fünfundachtzig Teilnehmer:innen gehört ebenso dazu wie die akribische Planung, wie die ersten Sätze in jedem Projekt lauten werden. Vor allem aber verbringe ich ein letztes bisschen Qualitätszeit mit meinem Mann. Traditionell gehen wir am 31. Oktober indisch essen, und das ganze steht unter dem Motto »Leb wohl, du schöne Welt!« – denn von der Welt im Großem und meinem Mann im Kleinen werde ich im November herzlich wenig zu sehen bekommen.

Ich nehme den Nanowrimo ernst. Wer mich kennt, findet, ich nehme ihn zu ernst. Selbst einige Leute, die schon mal oder jedes Jahr den Nanowrimo geschrieben haben, finden das – ich ordne einen Monat lang dem Schreiben alles unter. Schränke meine sozialen Kontakte ein, reduziere alle Aktivitäten, die nicht Schreiben sind, und verbringe im Schnitt acht Stunden am Tag nur mit meinen Büchern – nicht nur mit dem Schreiben, sondern auch mit intensivem Plotten, mit Lesen des bisher geschriebenen, und mit der Zeit nachts vor dem Einschlafen, die bei mir schon mal zwei Stunden dauern kann, während derer ich in meinen Geschichten spazieren gehe und versuche, das zu Schreibende für den nächsten Tag auf die Reihe zu bekommen.… Weiterlesen

Stipenditastisch IV

Hier kommt mein persönlicher Abschlussbericht zum PAN-Stipendium, bei dem ich dieses Jahr in der Kategorie »Debüt« in der Jury sitzen durfte. Da heute auf der Frankfurter Buchmesse die Preisträger:innen bekanntgegeben wurden, darf ich endlich mein Schweigen brechen und ganz herzlich gratulieren.

Nachdem ich innerhalb von acht Wochen nicht weniger als 106 Debüt-Romane durchgesehen und meine Bewertung dazu beim Jurybüro abgegeben, war die Arbeit noch lange nicht am Ende. Denn jetzt galt es nicht nur, zusammen mit den anderen Debüt-Juror:innen die Shortlist unserer eigenen Kategorie zu erstellen, sondern auch die Shortlists der anderen Kategorien durchzusehen. Sprich, noch mehr Leseproben und Exposés, die ich dann in meine persönliche Reihenfolge bringen durfte.

Für die Debüt-Shortlist haben wir uns in einem Zoom-Call zusammegesetzt und so lange diskutiert, bis wir auf zehn Titel runter waren. Zehn Titel, das klingt wie eine echt lange Shortlist, und wir hatten auch von allen Kategorien die längste, aber vier Juror:innen bewerten völlig unterschiedlich, wir hatten noch deutlich mehr Lieblingsbücher, die es am Ende nicht auf die Liste geschafft haben, und am Ende haben es zum Beispiel von meinen drei absoluten Favoriten nur zwei (aber immerhin zwei) auf die Shortlist geschafft, während sich an meinem dritten Lieblingsbuch die Geister so sehr schieden, dass es dafür nicht gereicht hat – und das galt entsprechend auch für Lieblingsbücher anderer Juror:innen.… Weiterlesen