Rückblick auf ein stilles Jahr

Das Jahr 2025 war kein schlechtes Jahr für mich, das möchte ich direkt am Anfang feststellen. Aber es war ein seltsames Jahr für mich. Normalerweise lebe ich für meine Wortzahlen – aber 2025 habe ich sie, außer im Januar, überhaupt nicht gezählt. Geschrieben habe ich trotzdem, wenn auch deutlich weniger, als ich es geplant hatte. Und zum bloggen hatte ich auch keine Lust. Es ist nicht so, dass ich nichts zu sagen gehabt hätte – aber auch wenn ich immer wieder gedacht habe »Das könnte einen tollen Blogartikel abgeben!«, habe ich mich nicht aufraffen können, dann wirklich etwas zu schreiben. So bleibt es jetzt an meinem Jahresrückblick, verfasst am ersten Tag des neuen Jahres, das Jahr 2025 im Schnellverfahren zusammenzufassen. Nicht unbedingt chronologisch, ich weiß nicht mehr unbedingt, wann was war, aber die wichtigsten Sachen bekomme ich schon noch zusammen.

Was habe ich geschrieben? Vor allem »Die verborgenen Bilder«, ein Buch, das ich für meines meiner wichtigsten halte und vor dessen Veröffentlichung im kommenden Februar ich doch ein bisschen Angst habe. Ein Kinderbuch ab zehn Jahren, das den aufkommenden Nationalsozialismus der späten 1920er in Relation setzt zum aktuellen politischen Klima – das ist ein Buch, das mir beim Schreiben schwergefallen ist, ich habe wieder Hilfe meiner Agentin in Anspruch nehmen müssen, um erst beim Verlag eine Verlängerung der Deadline um vier Wochen zu erreichen und dann mit täglichem An-die-Hand-Nehmen das Buch zu seinem Ende zu bringen. Ich habe es geschafft, und mich noch dazu; meine Lektorin zeigte sich beeindruckt von der Geschichte, was mir viel bedeutet, und unterm Strich bin ich auch selbst sehr zufrieden mit dem Buch – aber wirklich, es macht mir Angst.

Ich habe mich zu lange nicht politisch betätigt, auch wenn ich das vorhatte – jetzt gibt es kein Zurück mehr. Dieses Buch positioniert sich sehr deutlich gegen rechts, und während ich hoffe, die richtigen Leute damit zu erreichen, aufzurütteln und zum Aufstehen zu bringen, fürchte ich doch, was passiert, wenn sich stattdessen ein Shitstorm über mich ergießen sollte. Ich bin in meinem Blog sehr offen, wo es um meine psychischen Probleme geht, um meine sexuelle Orientierung oder meine Genderidentität – und bis jetzt bin ich nie deswegen angefeindet worden, im Gegenteil, ich habe viel Bekräftigung bekommen. Aber damit biete ich auch viel Angriffsfläche, wenn mich wirklich jemand angreifen will. Soll ich hoffen, dass das Buch einfach nicht wahrgenommen wird, dass es still und heimlich verschwindet? Nein, ich wünsche diesem Buch Sichtbarkeit. Selbst wenn es Sichtbarkeit bei den falschen Leuten ist. Und im Zweifelsfall ist es mir das wert. Ich habe keine Lust, mich zu verstecken. Da bin ich störrisch.

Aber nachdem ich »Die verborgenen Bilder« fertig hatte, war schreibtechnisch erst mal die Luft raus. Das Buch hat mich erschöpft, und ich habe dann erstmal eine Pause eingelegt bis zum Nanowrimo. Den lasse ich mich nicht nehmen – nicht mal von der Tatsache, dass es ihn nicht mehr gibt. Anfang 2025 hat die Nanowrimo-Seite, erschüttert von den Skandalen der Vorjahre und de facto zahlungsunfähig, seine Pforten geschlossen. Aber der Nano war immer schon so viel mehr als nur eine Webseite, und auch ohne offiziellen Startschuss oder weltweite Organisation habe wir im November Tintenzirkel einen Event veranstaltet, den einige Novemberroman genannt haben und andere Nanowrimo – Hauptsache, alle sind dabei, alle haben Spaß, und alle schreiben ihre 50.000 Wörter in einem Monat.

Ich war etwas skeptisch, ob ich mit dem üblichen verbissenen Ernst an die Sache rangehen könnte, wenn der offizielle Nano weg ist, aber der Stimmung im Forum hat das keinen Abbruch getan, und sobald ich die ersten Wörter geschrieben hatte, war ich wieder ganz drin, so wie in den Jahren davor. 2025 war mein zwanzigstes Jahr Nanowrimo, ich war wie immer mit zwei Romanen am Start, und mit beiden habe ich gewonnen. Kein neuer Rekord, wie ich ihn 2024 hatte, aber solide, ohne jemals in die roten Zahlen zu rutschen, und das ist auch was wert. Vor allem aber haben mir meine beiden Projekte wirklich Spaß gemacht.

Das erste, »Eine Tasche voll Nebel«, habe ich in der Hoffnung geschrieben, dass es mein nächstes Kinderbuch für Oetinger wird, und auch das alles noch nicht spruchreif ist, sieht es doch im Moment ganz gut für die Geschichte aus. In dem Buch trifft Lila, deren Vorstellungskraft ganz ohne Bilder auskommt, auf den rätselhaften Milo, der auf dem Marktplatz herumlungert und der aus seiner alten speckigen Doktortasche einen Nebel beschwören kann, in dem Bilder und Geschichten zum Leben erwachen. Lila ahnt nicht den düsteren Hintergrund des Schauspiels, das sie sich wieder und wieder anschauen geht: Milo stiehlt anderen ihre Erinnerungen, in der Hoffnung, damit die Löcher seiner an Demenz erkrankten Mutter stopfen zu können. Und als er Lilas Freund Rasmus die Erinnerung an den Unfalltod seines Bruders stiehlt, nimmt eine Tragödie ihren Lauf …

Dieses Buch ist für ein Kinderbuch ziemlich düster, behandelt ernste Themen und hat viel Tiefgang, und auch wenn es im November nicht ganz fertig geworden ist, fehlt doch nicht mehr viel, bis ich es – wahrscheinlich noch im Januar – zu seinem Ende bringen kann. Das gleiche kann ich von meinem anderen Nanoroman nicht sagen. Da stehe ich am Ende des Novembers mit zwar gut über 50.000 Wörtern da, aber ohne eine Idee, wie es weitergehen soll. Und das passiert mir ja leider nicht zum ersten Mal. So reiht sich »Paradise Mall« nahtlos ein bei seinen Vorgängern, die nach gewonnenem Nano auf der Halde landen und mir nicht verraten, wo sie hinwollen. Hier hoffe ich auf einen Geistesblitz 2026 – ich habe zu viele unfertige Romane, ich würde am liebsten 2026 jeden Monat eins fertigschreiben, und selbst dann wäre meine Liste noch nicht leer. Aber der Ausblick kommt noch. Dies ist ja nur der Rückblick auf 2025.

In »Paradise Mall« finden sich sieben Jugendliche, die auf den ersten Blick nichts miteinander gemein haben, in einem verlassenen Einkaufszentrum wieder, das sie nicht verlassen können. Schnell verstehen sie, was sie wirklich verbindet: Jede:r einzelne von ihnen sollte eigentlich tot sein. Und wie sie statt im Jenseits in einer Mall gelandet sind, was man dort von ihnen will und ob sie vielleicht doch eine Chance haben, ins Leben zurückzukehren – diese wichtigen Fragen kann ich gegenwärtig nicht einmal selbst beantworten. Nimmt man dazu, dass ich das Buch aus sieben verschiedenen Perspektiven schreibe, wird es nicht einfacher. Aber ich denke, es ist eine tolle Geschichte, die es lohnt, zu Ende geplottet und geschrieben zu werden.

Dann sind 2025 zwei weitere Sachen passiert, deren Folgen mich über 2026 hinaus begleiten werden. Und beide sind toll. Das erste ist, dass ich einen Preis gewonnen habe – den Vielfalter Literaturpreis für das beste unveröffentlichte Manuskript, das zeigt, wie gelebte Diversität im Kinderbuch aussehen kann. Meine wie immer umtriebige Agentin hat hinter meinem Rücken meine »Gehörnte Prinzessin« eingereicht, und so fand ich mich erst auf der Shortlist und dann zur Preisverleihung in Kassel wieder, wo ich zusammen mit den anderen Nominierten saß und zitterte, bis tatsächlich mein Name aufgerufen wurde. Jetzt erscheint das Buch wahrscheinlich noch im Spätsommer/Herbst 2026 bei Arena, es wird ein Hörbuch geben, und ich freue mich wie Bolle darauf, dass diese tolle Geschichte endlich ein Zuhause gefunden hat.

Und das andere, was passiert ist … Ich habe mich beworben. Nicht als Autor – sondern als Bibliothekarin. Seit Ende 2011 war ich selbständig, habe das auch wirklich gern gemacht, aber auch wenn ich in der Zeit schöne Bücher veröffentlicht habe, verdiene ich einfach zu wenig mit der Schreiberei, um davon leben zu können. Mein Mann, der mich all die Jahre über immer unterstützt hat, ist aus gesundheitlichen Gründen auf eine Teilzeitstelle gewechselt, und jetzt ist es an mir, etwas zum Unterhalt beizutragen. Und an der Stelle muss ich sagen – ich brenne immer noch für das Bibliothekswesen. Dass ich nie dort Fuß fassen konnte, nie meinen Traumjob in einer Kleinstadtbücherei bekommen habe, war immer ein Wehmutstropfen für mich.

So habe ich mich auf eine Stelle beworben, von der ich fand, sie ruft meinen Namen – in einer Kleinstadtbücherei, im Nachbarort. Viel habe ich mir nicht von der Bewerbung versprochen, ich bin lang aus dem Beruf raus, mein Studium liegt dreißig Jahre zurück … Aber sie haben mich tatsächlich genommen. Und jetzt fange ich tatsächlich wieder an zu arbeiten, am 5. Januar. Neues Jahr, neues Glück. Ich bin freudig aufgeregt, habe gleichzeitig Angst, es zu verbaseln, aber was unterm Strich vorherrscht, ist die Freude. Das ist so eine wichtige Zäsur, dazu kommt nochmal ein eigener Artikel, wenn es nächste Woche Montag so weit ist.

Aber schreiben will und werde ich weiter. Es ist nur eine halbe Stelle, mehr traue ich mir auch gesundheitlich nicht zu, und so hoffe ich, dass ich auch meine Schreibziele ohne Einschränkung schaffen kann. 2026 soll ein tolles Jahr werden. Aber mit allem, was ich 2025 erreicht habe, de e ich nicht, dass ich mich über mein 2025 beklagen muss. Nur dass ich hier so still war – das bereue ich schon ein bisschen. Neues Jahr, neues Glück. Und ich freue mich, es mit euch teilen zu können.

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