Ein wildes Jahr, ein wirres Jahr

2013 war das erste Jahr seit Gründung dieses Blogs, in dem ich überhaupt keine neuen Artikel verfasst habe. Dann muss jetzt wenigstens noch Zeit sein für einen kleinen Rückblick – oder Nachruf, wie immer man es sehen mag – denn tatsächlich war 2013 für meine schriftstellerische Karriere das bisher bedeutungsvollste Jahr überhaupt. Aber es hatte neben erfreulichen Höhen auch große Tiefen, die ich hier nicht aussparen möchte. Das Positive ist schnell erzählt: Ich bin eine veröffentlichte Autorin. Den Vertrag für das Puppenzimmer, das im Juli bei dotbooks erschienen ist, habe ich bereits letzten November unterzeichnet, und angebahnt hatte es sich schon früher, aber ich musste natürlich stillschweigen, bis alles in trockenen Tüchern war – ich hätte zu gerne über die große Nachrricht gebloggt, als die Zusage aus München kam, aber ich durfte nicht. Und dann musste ich mich fragen: Wie viel darf ich jetzt überhaupt noch bloggen? Ich bin eine veröffentlichte, richtige Autorin. Ich stehe im Rampenlicht. Ich bin eine Person des Öffentlichen Lebens. Alles, was ich von mir gebe, kann von der Bildzeitung gegen mich verwendet werden – und von Verlegern und Lektoren. Schreibe ich jetzt zu viel über den Inhalt meiner in Arbeit befindlichen Werke, ist später die Spannung raus. Schreibe ich zu viel über meine Drepressionen, will vielleicht niemand mehr mit mir zusammenarbeiten, weil ich unzuverlässig wirke. Schreibe ich zu viel über mein Leben, gebe ich Dinge preis, die nicht in die Öffentlichkeit gehören, und was ist, wenn die Fans fanatisch werden sollten?

Also besser gar nichts mehr bloggen? Das ist auf die Dauer keine Alternative. Ich blogge gerne. Ich habe etwas zu erzählen, von mir, von meinen Geschichten, manchmal sogar zur Gesellschaft, und von meinen eigenen Befürchtungen einmal abgesehen, hat niemand versucht, mir den Mund zu verbieten. Aber ich muss jetzt mehr achten als früher darauf, was ich blogge, das ist nicht von der Hand zu weisen. Ich kann schlechter als früher über Erfolge oder Misserfolge sprechen, weil es nicht mehr nur meine eigenen sind, sondern zu viel andere involviert sind – meine Agenten, die Verlage, die Leser … Ich könnte, wie es manche Autoren tun, wöchtentlich (oder sogar täglich, das gibt es wirklich!) meinen Amazon-Verkaufsrang twittern. Oder jede neue Rezension auf Facebook teilen, naürlich nur, wenn sie positiv ist. Beides will nicht zu mir passen. Ich bin nicht gut darin, mich selbst zu verkaufen – und wehe, das liest jetzt ein Verlag. Autoren gehören zu den wichtigsten Marketinginstrumenten, die ein Verlag hat, gerade in den Zeiten sozialer Netzwerke. Und ich sehe jeden Tag Autoren, die sich das linke Beine ausreißen, um ihr Buch zu promoten. Ich kann das nicht. Das ist eine der bittereren Erkenntnisse dieses Jahres: Ich habe nicht genug Kraft.

Tatsächlich hat es das Schicksal – oder mein Können – gut mit mir gemeint. Nachdem ich so lange auf einen Vertrag warten musste, sind 2013 gleich zwei Bücher von mir erschienen, im Abstand von nur einem Vierteljahr: Erst, wie erwähnt, Das Puppenzimmer bei dotbooks und dann, im September, Geigenzauber im neu gegründeten Ebook-Label Impress von Carlsen. Beides Bücher, die schon fertig waren, nur noch überarbeitet werden mussten, aber das ’nur‘ ist ein wirklich sehr kleines ’nur‘. Lektoratsarbeit ist anstrengender als das Schreiben selbst. Beim Schreiben ist alles im Fluss. Ich weiß, dass ich jeden Satz, jede Szene noch einmal umstellen kann, wenn mir etwas besseres einfällt. Aber im Lektorat wird es dann plötzlich ernst. Ich muss die Worte und Wörter auf die Goldwaage legen, jedes einzelne von ihnen, es ist meine letzte Chance. Jede Formulierung muss präzise sitzen, in ihrer bestmöglichen Form, und alles, was mir nach der Druckfreigabe – die auch bei Ebooks so heißt – noch einfällt, kommt zu spät, schafft es nicht mehr ins fertige Buch, und ich muss bis ans Ende meiner Tage damit leben, dass ich es eben doch hätte besser machen können. Das stresst mich. Das Puppenzimmer zu überarbeiten, hat gefühlt so lange gedauert, wie es zu schreiben. Und ich hatte Riesenglück, dass ich ausgerechnet für mein allererstes Lektorat mit einem großartigen Profi zusammenarbeiten durfte, der all meine Nervosität und Nervenzusammenbrüche mit unvergleichlichr Geduld ertragen hat und mir geholfen, noch wirklich viel aus dem Buch herauszuholen. Und es war toll zu sehen, wie viel Arbeit und Mühe die in ein Buch stecken, das am Ende ’nur‘ als Ebook erscheint.

Das ist jetzt ein etwas größeres ’nur‘. Ich mag Ebooks und finde sie praktisch, auch wenn sie für mich nie das schöne, wohlriechende, handschmeichelnde gebundene Buch ersetzen können. Aber es haben einfach zu viele Leute noch keinen Ebookreader, und als ich auf Lovelybooks für meine Leserunde geworben habe, mussten diverse Interessenten wieder abspringen, weil sie keine Möglichkeit hatten, das fertige Produkt zu konsumieren. Solange nicht jeder Leser einen Reader hat – und das ist noch lange hin – sind mir einfach Teile der Leserschaft verschlossen, und ich ihnen. Ich kann keine Bücher signieren, auch wenn ich superschicke Werbepostkarten habe, mit denen ich das statt dessen tun kann, ich konnte meinen Eltern und Betalesern keine liebevoll gewidmeten Exemplare schenken, und ich komme nicht an Autorenlesungen. Letzteres ist das Ärgerlichste. Wenn eine Anfrage beantwortet wird mit dem Hinweis »Es tut uns sehr leid, aber mit reinen Ebooks machen wir das nicht, Sie brauchen schon eine richtige Veröffentlichung«, dann ist das zum Heulen. Ich habe richtige Bücher. Richtig geschrieben, richtig lektoriert. Aber natürlich, viele Autorenlesungen laufen über oder in Kooperation mit Buchhandlungen, und die allerwenigsten Ebooks werden über den stationären Buchhandel verkauft. Ich kann nicht malerisch hinter einem Tisch voller Bücher sitzen – das heißt, kann ich schon, nur nicht mit meinen eigenen. Und es ist ein Unterschied, ob ich Autogrammkarten signiere oder Bücher. Ist einfach so. Meine Veröffentlichungen waren für mich nicht weniger aufwendig als die von gedruckten Büchern, und doch gibt man mir immer wieder das Gefühl, eben keine richtigen Bücher herausgebracht zu haben. Und das Gefühl, das eigene Werk in Händen zu halten … Es ist etwas anderes, eine Mail mit einem Downloadlink zu bekommen, als eine Kiste voller Belegexemplare. Vor allem, wenn ich dann mein Freiexemplar herunterlade und es den Vermerk hat, dass es ein Rezensionsexemlar ist und ich es auf keinen Fall weitergeben darf. Da bin ich fast Amok gelaufen. Ich bin Autor, kein Rezensent. Ich will ein Autorenexemplar, und wenn ich das nicht kriege, will ich wenigstens eine richtige, vollwerige Ausgabe meines Buches und keine mit dem Hinweis »Raubkopierer sind Verbrecher.«

Raubkopien sind so eine Sache. Ich bin Bibliothekarin. Es ist für mich selbstverständlich, dass Leser die Möglichkeit haben müssen, Bücher lesen zu können. ohne dafür bezahlen zu müssen. Kein Vielleser, namentlich jung, kann sonst ohne Beschaffungskriminalität seinen Bedarf befriedigen. Für Ebooks gibt es die Möglichkeit der Onleihe, und das finde ich gut. Das Buch lesen und hinterher wieder zurückgeben, damit auch andere etwas davon haben, oder das Buch kaufen und behalten, der Leser hat die Wahl. Raubkopien sind etwas anderes. Der Leser bezahlt nicht – weder meinen Verlag, noch mich – und behält das Buch trotzdem. Ich habe Das Puppenzimmer in diversen Foren und Tauschbörsen zum Download gefunden (bei Geigenzauber habe ich dann gar nicht mehr gesucht), und natürlich ärgert mich das. Mir entsteht kein echter finantieller Schaden – natürlich, das Buch wird so-und-so-oft runtergeladen, aber wer das tut, hätte es ohnehin nicht gekauft – aber es ist unfair, mir und meiner Arbeit gegenüber, und auch den Lesern gegenüber, denen meine Bücher eben doch etwas wert sind. Und bitte, sie sind nicht teuer. Beide kosten jeweils nur 3,99 Euro, dafür bekomme ich bei Starbucks noch nicht mal den großen Frappuccino mit Sahne, und von den Büchern hat man länger etwas. Ich bin selbständig. Ich bin auf das Geld, das ich mit meinen Büchern verdiene, angewiesen. Ich leiste eine Arbeit, ich tue sie gerne, ich möchte, dass sie anerkannt wird, und ich möchte dafür bezahlt werden. Das ist nichts Unmoralisches. Ich esse einfach gerne. Täglich.

Was mir hingegen überhaupt keine Probleme bereitet, sind Rezensionen. Das hatte ich gehofft. Ich habe das Glück, dass der überwiegende Teil der Rezis positiv ist, aber es waren auch ein paar wirklich üble Verrisse dabei – und das ist okay. Zum einen habe ich selbst als Rezensentin schon heftig ausgeteilt, da kommt bis jetzt keine dieser Rezensionen auch nur in die Nähe, und ich denke, wer austeilen kann, muss auch einstecken können. Ich denke auch, jeder Leser hat das Recht, ein Buch nicht zu mögen, und wenn sich ein Leser über ein Buch ärgert und gerne seine vergeudete Zeit wiederhätte, dann darf er das auch äußern. Ich finde es schade, wenn ich eine negative Rezi finde, weil mir die Leser leid tun; ich wünsche meinen Lesern eine schöne Zeit, keinen Ärger, aber ich will niemandem vorschreiben, meine Bücher gefälligst toll zu finden. Dafür lege ich zu wenig Wert darauf, gefällig zu schreiben. Ich schreibe so, dass es mich selbst begeistert, und wenn ich dann andere mitreißen kann, um so besser, aber ich weiß, dass ich einen oftmals verqueren, manchmal antiquierten, Stil schreibe; dass ich die vorsichtige Frage meiner Redakteurin, ob ich wenigstens dieses eine Mal eine normalere Formulierung benutzen könnte, mit »Nein« beantwortet habe, und dass ich dem Puppenzimmer einen Schluss verpasst habe, der vielen Lesern wirklich nicht gefallen hat: Das waren Entscheidungen, die ich bewusst getroffen habe, hinter denen ich jetzt stehe, und die mir nicht wehtun, genausowenig wie Kritik daran. Im Gegenteil, ich bin begeistert, wie viele Rezensenten meinen Stil lobend hervorgehoben haben und ihn gerade ob seiner Schrulligkeit mochten. Ich hatte Schlimmeres erwsartet. Die meisten Rezensenten sind viel, viel netter zu mir, als ich es selbst bin. Weh tut es mir nur, wenn ich das Gefühl habe, dass ein Buch sang- und klanglos und weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit untergeht.

Da kommt jetzt das Marketing ins Spiel, und meine Schwäche. Ich bringe gute Anlagen mit, ich bin eine wirklich gut vernetzte Autorin, mit vielen Kollegen befreundet, die bei ihren Lesern für mich Werbung machen können und das auch getan haben. Und als das Puppenzimmer erschienen ist, habe ich mich auf mein Onlinemarketing gestürzt, als gäbe es kein Morgen. Facebook, Leserunde, neue Internetseite, Reklame im Forum, Verteilung von Werbepostkarten, etc. Ich nehme meine Veröffentlichung ernst, und ich habe einen Vollzeitjob draus gemacht. Und ungefähr sechs Wochen lang durchgehalten. Als dann das zweite Buch rauskam, zu schnell nach dem ersten, als dass die Leser schon wieder nach neuem Material von mir gedürstet hätten, fehlte mir die Kraft, das gleiche noch einmal zu tun. Vor allem aber fehlte mir die Kraft, noch irgendetwas neues zu schreiben. Womit habe ich 2013 verbracht? Mit Überarbeiten, Lektorat, Marketing. Aber ich bin Autorin. Ich will, ich muss schreiben. Lektorate sind notwendig, und Überarbeiten gehört zur Autorenaufgabe, die Zeit muss ich einkalkulieren. Aber mit dem Vermarkten verhält es sich anders. Wenn ich meine Bücher selbst vermarkten wollte, hätte ich mir keinen Verlag gesucht, sondern wäre unter die Selfpublisher gegangen – dann hat man alle Arbeit selbst an der Backe, kann aber auch alle Gewinne selbst einstreichen. Wenn ich mit einem Verlag zusammenarbeite, dann bedeutet das für mich eine Teilung von Arbeit und Lohn: Ich schreibe das Buch, ihr verkauft es. Dass ich dabei mitwirke, dass ich Kontakt zu meinen Lesern pflege, Lesungen mache etc., dagegen habe ich nichts. Aber ich will nicht eine Leserunde nach der nächsten betreuen, Facebookkampagnen, Blogtouren, Klinkenputzen, Klappern und Klopfen, und dabei nicht mehr zu dem kommen, wofür ich eigentlich da bin: Nämlich Bücher schreiben.

Ich bin aus dem Berufsleben ausgeschieden, obwohl ich wirklich gerne Bibliothekarin war, weil ich zu wenig Kraft dafür hatte. Ich litt unter jährlichen Psychosen, chronischen Kopfschmerzen und ständiger Erschöpfung. Die Selbständigkeit war eine weise Entscheidung. Aber auch wenn ich jetzt den Beruf habe, den ich immer haben wollte, ist meine Kraft davon nicht mehr geworden, und nur mit Liebe schreibt man keine Bücher, wenn der Rest des Körpers nicht mitspielt. Das habe ich 2013 lernen müssen, auf die harte Tour. Das Schreiben macht mich glücklich, aber es macht mich nicht gesund. Ich muss mir meine Zeit, und meine Kraft, einteilen – und neben dem Schreiben gibt es einen Haushalt, der versorgt werden will, ein Leben, das gelebt werden will, Freunde und Familie, die mich manchmal mehr brauchen als die Figuren in meinen Geschichten. Ich wäre gerne die Superautorin, die jedes Jahr drei neue Bücher schreibt, zwei weitere durchs Lektorat bringt, in den sozialen Medien omnipräsent Reklame für die eigene Bücher macht und nebenbei noch für die der befreundeten Autoren, die schließlich das gleiche für mich tun. Aber statt dessen hat es gerade mal mehr für einen einzigen Blogartikel gereicht. Ich habe 2013 keinen Roman fertiggeschrieben, mein produktives Jahresziel noch nicht einmal zu einem Drittel geschafft, und das Jahr mit den schwesten Depressionen seit über zehn Jahren beendet, in einer Situation, wo ich selbst an meiner Fähigkeit, jemals wieder irgend etwas zu Ende zu schreiben.

Insofern habe ich große Pläne für 2014. Ich will meine Lehren ziehen aus diesem Jahr, mir meine Zeit besser einteilen, detaillerter im Vorfeld plotten, und mich weniger ins Bockshorn jagen lassen, wenn es um Lektorate geht. Man ist nur einmal eine nervöse Debüttantin, im Guten wie im Schlechten – einmal sehen einem die Verlage sowas nach. Spätestens beim dritten Mal gilt man als anstrengend. Ich muss, ich will lockerer werden. Ich will raus aus den Depressionen. Ich will, ich werde tolle Bücher schreiben. Und wenn schon 2014 voraussichtlich nichts neues von mir auf den Markt kommt – ehrlich, ich hoffe, dass 2014 nichts Neues von mir auf den Markt kommt, denn ich habe keine weiteren Verträge unterzeichnet, und alle Vorlaufzeit, die ein Buch vor seiner Veröffentlichung braucht, eingerechnet, wäre eine 2014er-Veröffentlichung nicht mehr ohne ganz große Hetze und Kraftakt zu stemmen; Kraft, die ich gerade nicht besitze – will ich zumindest an meinen Baustellen arbeiten. Ich habe mir ein moderates Ziel von 400.000 Wörtern gesetzt und eingerechnet, dass ich gedenke, ein oder besser zwei Verträge für 2015 zu unterschreiben, deren Projekte dann 2014 gemütlich und gründlich durchs Lektorat gehen können. Ich freue mich auf noch mehr tolles Feedback von meinen Lesern und auf noch mehr positive und negative Rezensionen (ehrlich, mehr auf die positiven, natürlich, aber Bücher, die nur Fünf-Sterne-Rezensionen haben, machen die Leser skeptisch, während ein paar deftige Verrisse das Bild einfach abrunden). Und, ganz einfach, ich freue mich auf 2014.

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