Im neuen Jahr bleibt alles anders

Ich bin gut ins neue Jahr gekommen, aber irgendwie klingt das wie eine Untertreibung. Noch vor ein paar Wochen habe ich mich in meinem Zimmer eingeschlossen, um keinen Menschen zu sehen aus Angst, ich könnte ihn anspringen und mit dem Kopf so lange gegen die Wand hauen, bis der sich nicht mehr rührt. Und zu Silvester? Habe ich mit meinem Freund und sechs Autoren den ganzen Abend lang und die halbe Nacht gesessen, gelacht, gelesen, diskutiert, und vor allem: Spaß gehabt. Jetzt fühle ich mich stark genug, um am Montag auch wieder zur Arbeit zu gehen, ohne unterwegs jemanden anzugreifen oder unter dem ständigen Stress zu stehen, mich zusammenreißen zu müssen.

Es war eine wunderschöne Silvesterfeier. Ich habe lecker gekocht, wenn auch etwas scharf, und wir haben solche Unmengen an Kaffee und Tee vernichtet, daß am Ende von einem ganzen Kasten Cola nur eine halbe Flasche gefehlt hat und auch der Wein mir im kommenden Jahr noch lange Spaß bereiten wird, aber ich habe noch nie erlebt, daß ein Tintenzirkeltreffen in ein Besäufnis ausgeartet wäre, ungeacht der Tatsache, daß es dort von Autoren nur so wimmelt. Und Gäste. Ich hatte wirklich die besten Gäste der Welt. Lavendel und Grey, die Wölfin und Romy, die nicht Romy Wolf ist, und zum ersten Mal bin ich auch AngelFilia und dem Schreinhüter begegnet, hoffentlich nicht zum letzten!

Mein Erfolgserlebnis des Abends war, aus Geigenzauber zu lesen, die Szene mit dem Feenkreis, auf die ich so stolz bin, und sie hat den anderen so gut gefallen wie mir selbst. Die Kritik, die ich bekommen habe, war detailliert und ist leicht umzusetzen und richtete sich nicht gegen Stil oder Struktur, sondern nur einzelne Stellen, an denen ich gerne ein bißchen rumschrauben werde. Natürlich sind mir beim Lesen entsetzliche Fehler aufgefallen, und das, nachdem ich schon eine erste Version an meine Agenten geschickt habe – zum Glück wissen sie, daß es sich dabei um eine unredigierte Version gehandelt hat – aber ich habe mir versichern lassen, daß ist allen anderen mit ihren Texten auch so gegangen. Jedenfalls habe ich genug Lob bekommen, um für den Rest des Jahrs davon zu zehren.

Es war nicht das erste Jahr, in dem ich Silvster mit dem Tintenzirkel verbracht habe, sondern das vierte oder fünfte, und doch war es anders. Normalerweise stehen wir um Mitternacht auf der Straße, strahlen einander an und versichern uns, daß das kommende Jahr unser Jahr wird, daß der große Erfolg endlich kommt und daß jemand von uns den großen Deal an Land ziehen wird – aber in diesem Jahr war Grey dabei, und die hat genau diesen großen Griff schon getan (und das ausgerechnet in einem Jahr, das sie nicht auf der Straße vor meinem Haus getan hat), und so haben wir uns nur versprochen, 2011 selbst mit einem vergleichbaren Erfolg nachzuziehen. Wenn ich das mit meinem ersten Autorensilvester vergleiche, 1996, als ich noch an meinem ersten Roman schrieb und die heute legendären Worte »Reich und berühmt!«, die immer noch unser Trinkspruch sind, mehr ironisch und vor allem illusorisch gemeint waren…

In jedem Fall steht mir 2011 viel Arbeit ins Haus. Den T12 von 2010 habe ich glorios gewonnen, wie auch Grey, die tapfer ihre letzten zweineinhalbtausend Wörter in meiner Küche geschrieben hat, während ich mit dem Linsencurry am Herd stand – aber weil ich ja unbedingt eine Schippe drauflegen mußte, ist mein Jahresziel für 2011 fast fünfundzwanzig Prozent höher. Und mir geht jetzt schon der Plot für die Gauklerinsel aus. Dafür gibt es ein paar neue Ideen, und ich denke, ich kann auch 2011 wieder den T12 gewinnen. Und meine Arbeit in der Bibliothek so gut wie nur irgendwie möglich machen. Und dreißig Kilo abnehmen. Und die Wohnung noch schöner machen, jetzt wo endlich die Bilder über dem Sofa hängen…

Also, wenn es nach mit ginge, könnte 2011 ruhig 500 Tage haben. Oder mehr. Nur eine Sache wäre dann schade: Daß es dann noch länger hin wäre, bis ich wieder mit den liebsten und besten Autoren der Welt Silvester feiern kann.

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