Einmal Frankfurt und zurück

Ich war schon mal in Frankfurt auf der Buchmesse, vor zehn Jahren, als ich als Buchhandelsauszubildende mit meiner Berufsschulklasse da war. Sie hat Eindruck auf mich gemacht, aber nicht den Besten – ich erinnere mich an wehe Füße, an tonnenweise Verlagsvorschauen, die ich ein Vierteljahr später ungelesen entsorgt habe, und an kein einziges Buch, das es geschafft hätte, mich aus der Masse heraus anzusprechen. Dementsprechend gering war eigentlich mein Interesse, da noch einmal hinzufahren. Zumindest, um mir Bücher anzusehen. Aber jetzt bin ich ja keine Buchhändlerin mehr, und als Bibliothekarin habe ich mit Dingen zu tun, die nichts mit der Buchmesse zu tun haben – aber ich bin eine Autorin, eine, die einen Agenten hat.

Meine Agenten waren schon Anfang des Jahres auf der Leipziger Buchmesse und haben dort die Elomaran vorgestellt, und das Verlagsintersse, das dort durchaus vorhanden war, hat mich doch sehr hoffnungsvoll gestimmt. Anfang letzter Woche bekam ich eine Mail von der Agentur mit einer Einladung, sie am Samstag auf der Buchmesse zu treffen – und ich konnte nicht nein sagen. Schließlich will ich meine Agenten endlich einmal persönlich kennenlernen, und von Aachen nach Frankfurt ist es nicht so weit wie nach München, selbst wenn noch Eintrittsgeld dazukommt. Ich habe also zugesagt.

Was dann kam, war eine Tour de Force, wie ich sie mir nicht öfter als einmal im Jahr antun mag, aber jede Sekunde davon hat sich gelohnt. Angefangen hat es mit einem Wecker, der um halb fünf in der Früh ging und mich um viertel vor fünf in der Küche mit müden Augen zum Kaffeekochen schlurfen ließ. Um halb sechs saß ich dann im Auto und war glücklich, nicht selbst fahren zu müssen – Christoph, gepriesen sei er, kann zu jeder Tages- und Nachtzeit fahren. Und an diesem Tag sollten wir beides brauchen.

Ich war aufgeregt und hatte Angst. Meine guten Klamotten hatte ich mir schon am Vorabend rausgelegt, beim Friseur war ich auch noch – zwar hatte ich den Agenturvertrag schon und mußte nicht zu einem Vorstellungsgespräch, aber trotzdem wollte ich einen guten Eindruck machen. Zum Glück war ich einigermaßen wach, als wir um kurz nach acht in Frankfurt ankamen, viel zu früh – Einlaß auf der Buchmesse war für Besucher erst um viertel vor neun. Und was für Besucher das waren! Heerscharen! Ich war ja seinerzeit am Fachbesuchertag da und vor allem von der Menge an Büchern erschlagen. Aber am Privatbesuchertag kommt man gar nicht erst so weit, daß einem die Bücher auffallen. Man ertrinkt in Menschenmassen. Und ich hasse Menschenmassen.

Aber ich hatte meinen Agenturtermin um 10, und dafür durfte ich ins Agenturzentrum. Das ist sowas wie das Allerheiligste der Messe, so heilig, daß niemand hinein darf außer den Agenten und Leuten, die eine Einladung haben. Da kann nicht einfach ein Autor mit seinem Manuskript reinmarschieren und sich umsehen! (Genau so sinnlos ist es übrigens, mit seinem Manuskript an einen Verlagsstand zu gehen und zu versuchen, dort mit einem Lektor ins Gespräch zu kommen – da trifft man nämlich keine Lektoren, nur Vertriebsmitarbeiter, und die haben wenig bis nichts mit dem Lektorat zu tun). Ich saß im Café vor dem Agenturzentrum und taxierte jeden, der rauskam, ob er wohl mein Agent wäre – und dann war es endlich so weit.

Ich war geschlagene zwei Stunden im Agenturzentrum, auch wenn es mir nicht so vorkam. Statt irgend ein Detail zu erzählen, auch wenn ich das gerne würde, denn all das Tolle will aus mir hinaus – aber das bringt nicht nur Unglück, sondern darf auch sonst nicht sein – richte ich das Augenmerk auf den armen Christoph, der unten saß und auf mich wartete, zwei Stunden lang. Zum Glück traf er dabei meine Autorenfreundin Elena (man stelle sich das vor: Zwei Menschen treffen sich zufällig in diesem Gewühl!) und hatte wenigstens jemanden zum reden. Aber obwohl ich die allergrößten Stücke auf ihn halte und auch auf Elena, kann das Gespräch unmöglich so großartig gewesen sein wie das, was ich gleichzeitig hatte. Ich gebe ja immer gerne mit meinen Agenten an, aber jetzt weiß ich auch, warum.

Danach ging es weiter mit dem großen Autorentreffen. Erst Elena, dann Rune aus dem Tintenzirkel, dann eine Handvoll brandneuer Forenmitglieder – wir verzogen uns in einen unausgebauten Seitentrakt, um uns ungestört unterhalten zu können, denn das war im Gewühl sonst nicht möglich. Die Halle mit den interessanten Verlagen wimmelte nicht nur von Lesern auf der Suche nach dem neuen Bestseller, sondern auch von Cosplayern, jungen Manga- und Animefans, die sich als ihre Lieblingsfiguren verkleidet hatten. Angeblich gab es dort die deutsche Cosplay-Meisterschaft. Auch das noch. Uff.

Aber der Tag war noch lange nicht zuende. Um vier flohen wir von der Buchmesse und fuhren weiter nach Dreieich, wo die Buchmesse-Convention (kurz BuCon) stattfand. Dort trifft sich die Phantastikszene, es sind die fantasyrelevanten Kleinverlage vertreten, die keinen Stand in Frankfurt haben, aber wenigstens ihre Zielgruppe direkt erreichen wollen, und es wird der Deutsche Phantastikpreis verliehen. Wir hatten uns entschieden, den Abstecher zu machen, als ich feststellte, daß ich so ziemlich in jeder Kategorie einen der Nominierten kannte, allen voran die Filkerin Ju Honisch, die mit ihrem Obsidianherz als bestes Debüt nominiert war. Ich traf noch mehr Tintenzirkler, hörte Ju lesen und fieberte mit, als sie auch wirklich ausgezeichnet wurde – und wurde dabei müder und müder, während der Tag voranschritt.

Am Ende konnte ich einfach nicht mehr. Ich war am Ende meiner Kraft und Aufnahmefähigkeit angelangt. Die Füße hätte ich gern gegen ein anderes Paar eingetauscht, die Schultern taten mir weh von der Tasche, die ich die ganze Zeit mit mir rumschleppte und die schwer genug war, auch wenn ich diesmal keine einzige Verlagsvorschau mitnahm. Ich hatte Hunger, ich fror, ich wollte heim, und war froh, als wir uns dann endlich auf den Rückweg machten, durch die Nacht nach Aachen.

Den Sonntag über habe ich eigentlich nur geschlafen und geschwelgt in den Ereignissen des Vortags. So einen tollen Tag habe ich lang nicht erlebt, und so einen anstrengenden. Und ich hoffe, nicht nur die Buchmesse hat ihren Eindruck bei mir hinterlassen – sondern auch die Elomaran auf die Buchmesse.

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