Der Romanfriedhof: »Wo ist dein Schädel, Mädel?«

Heute geht der Rückblick auf meine gescheiterten Werke zurück ins Jahr 1993, als ich, gerade volljährig geworden, Ideen hatte, aber keinen Geschmack. Der Hintergedanke ist schnell erklärt: Wenn Terry Pratchett der »Douglas Adams der Fantasy« (unter diesem Slogan wurde er seinerzeit tatsächlich vermarktet) war, wer war dann der Douglas Adams des Krimis? Mir erschien der Posten vakant, und in meinen Augen hatte ich die besten Voraussetzungen, diese Marktlücke zu füllen.

Immerhin waren meine allerersten abgeschlossenen, wenn auch kurzen, Werke Kriminalparodien. Ich hatte so viele Krimis gelesen, wie das irgendwie möglich war, ich kannte alle Versatzstücke und Klischees des klassischen Krimis, und dass ich witzig sein konnte, das hatte ich zumindest mir selbst bewiesen – aber einen richtigen, ernsten Krimi hatte ich, trotz vieler Ansätze, noch nie fertigbekommen. Zuletzt hatte ich »Alibi für einen Geist« zu Grabe getragen, und ich wollte dringend endlich einmal einen Roman fertigstellen. Wenn es mit ernsten Krimis nicht klappte – dann musste ein witziger Krimi die Lösung sein!

Aber mit Witz allein war es nicht getan. Ich wollte subversiv sein, meinen richtig finsteren schwarzen Humor auspacken, und den zahllosen Klischees begegnen mit einem Detektivduo, wie es noch nie jemand gesehen hatte. Nach dem Fiasko mit dem »Alibi«, das an der völligen Charakterblässe seiner Hauptfiguren krankte, wusste ich, dass ich Helden von Format brauchte. Aber Format allein genügte mir nicht. Ich wollte den einen Schritt weitergehen. Detektive, die so ein bisschen verrückt sind, gab es in der Literatur schon zu genüge – Sherlock Holmes, Lord Peter Wimsey, Albert Campion, um nur ein paar Namen in den Raum zu schmeißen. Mit »ein bisschen verrückt« lockt man keinen Hund hinterm Kamin hervor. Mein Detektiv sollte mehr als nur das werden: Völlig, komplett, hundert Prozent wahnsinnig. Denn woraus kann man besser Humor ziehen als aus einer schweren psychischen Erkrankungen?

Ich war achtzehn Jahre alt und dabei, meinen Verstand zu verlieren. Es sollte noch Jahre dauern, ehe ich das erste Mal beim Nervenarzt sitzen würde, und noch einige Jahre mehr bis zur Diagnose »Schizophrenie«. Aber in meinem Kopf ging alles drunter und drüber, ich hatte Bilder hinter der Stirn, über die ich mit niemandem als meinem Tagebuch reden konnte, pendelte zwischen Panik und Größenwahn, ich fürchtete mich panisch vor dem Vergehen der Zeit und dem Kontrollverlust, und ich wusste, ich gehöre nicht auf die normale Seite der Bevölkerung. Einmal in die Irrenanstalt eingewiesen zu werden war noch eine romantische Vorstellung, die Diagnose »geisteskrank« erschien mir als Bestätigung für etwas, das ich schon lange ahnte, aber ich wusste noch nicht, was das wirklich bedeutet, verrückt sein.

Natürlich, ich war ein Teenager. Teenagergehirne sind schon so fragile Dinger. Bei mir ging es wirklich weit über das normale Maß hinaus, doch wenn ich versuchte, mit meinen Freunden darüber zu reden, lachten sie entweder, weil sie doch schon seit Jahren wussten, dass ich einen Knall habe, oder unterstellten mir, mich nur wichtig machen zu wollen und ein scheinbar verrücktes Verhalten nur aufzusetzen, um im Mittelpunkt zu stehen. Niemand, den ich kannte, war wie ich – aber ich fand Figuren in Büchern, mit denen ich mich mehr identifizieren konnte, als mir lieb war. Solche Figuren wollte ich auch schreiben – aber ich wusste nicht, wo man anfängt und wann man übers Ziel hinausschießt, und ich traute mich nicht, es irgendwo anders zu versuchen als in einem völlig abgedrehten humoristischen Setting – es war Selbstschutz und Selbstfindung in einem, aber davon wurde das Ergebnis nicht zu einem guten Buch.

Vieles machte ich besser als beim letzten Mal, oder allen anderen Malen davor: Ich plottete meinen Roman bis zum Schluss, eine bahnbrechende Idee, die mir wie die Lösung all meiner Schreibprobleme erschien – dass das bei mir nicht immer gut funktioniert, dass ich wenig Spaß habe, etwas zu schreiben, das mich nicht mehr überraschen kann, konnte ich ja noch nicht wissen. Es war allemal besser, als völlig ohne Plot und Plan in ein Buch zu starten und es komplett vor die Wand zu fahren. Ich entwickelte meine Figuren über den bloßen Namen hinaus, noch etwas, womit ich wenig Erfahrung hatte. Und hätte ich nicht das selbstauferlegte Ziel gehabt, dass es der lustigste Krimi aller Zeiten werden müsste, ich wäre vielleicht deutlich besser damit vorangekommen.

Aber weil ich so witzig war, nahm ich alle Namen bis auf die der beiden Detektive aus öffentlichen Toiletten in Großbritannien, wo ich gerade mit einer großartigen Interrailtour Land und Leute lieben gelernt hatte. Toilettenhumor zieht doch immer, nur zu offensichtlich darf es nicht sein – da kam mir gelegen, dass die Markennamen von Toilettenpapierspendern und Handtrocknern klangen wie ganz normale Personen. Kimberly Clark. Deb. Scott. Tork. Dan Dryer. Ich reiste heim mit einer langen Liste. Über Markenrechte machte ich mir keine Gedanken – und übehaupt, Satire darf alles. So wurde Kimberley Clark dann mein Mordopfer, Dan Dryer zum mörderischen Hausarzt, weil immer der Arzt der Mörder sein muss. Deb war die Schwester, Scott der schwule Cousin – von dem ich noch ehrlich dachte, dass er als Musicaldarsteller eine Scheinehe eingehen muss, weil er nicht out sein darf. Ja, das war 1993. Dinge ändern sich. Zum Glück.

Aber diese Figuren, so fragwürdig ihre Namen auch waren, brachten nicht dieses Buch zum Fall. Es war das Ermittlerduo. J. Hemlock Briddle übernahm die Rolle des Detektivs, sein Sidekick bekam den Namen Irving Walliscotte, weil ich dunkel im Hinterkopf hatte, es gäbe bereits einen echten Menschen mit dem Namen Irving Wallace-Scott, wie ich die Figur ursprünglich nennen wollte. Und an diesen beiden Figuren ist nichts, was man noch irgendwie als guten Geschmack abtun könnte. Hemlock, Spross einer Familie, die für ihren generationenübergreifenden Wahnsinn bekannt ist, mag keine lebenden Menschen, die Toten sind ihm viel lieber, und er verdient sich sein Geld als Leichenräuber. Irving, im Hauptberuf Lehrer, ist Vegetarier – wenn ihm nach einem leckeren Steak ist, bevorzugt er Menschenfleisch – aus ethischen Gründen, natürlich, denn ein junger Mensch, durch einen Unfall aus dem Leben gerissen, stammt sicher aus artgerechter Haltung.

So durchsucht der menschenfreundliche Menschenfresser (oder Menschenesser, wie er sich selbst bezeichnet) die Todesanzeigen nach geeigneten Kandidaten, setzt dann den platonisch nekrophilen Leichensammler darauf an, und freut sich auf sein Festmahl. Als ihm Hemlock hingegen die angelblich verunfallte Kimberly anbringt und der Toten der Kopf fehlt, bringt das Irving in moralische Bedrängnis: Kann er jemanden, mit dessen Tod offenbar etwas nicht mit rechten Dingen zugegangen ist, noch guten Gewissens essen? So trägt er Hemlock auf, sich des Falles anzunehmen und aufzuklären, was wirklich mit der reichen Erbin passiert ist – und der Krimiplot kann kommen.

Wirklich weit bin ich mit dem Buch nicht gekommen, zum Glück. Gescheitert bin ich an ganz einfachen Dingen, wie meinem mangelnden Wissen über das Bestatterwesen zum Beispiel, mit dem man sich als Sargräuber schon irgendwie auskennen sollte, oder der Frage, ob Irving in der Lage ist, eine Leiche auch wirklich fachgerecht auszunehmen – die liegt ja nicht in Schnitzelform im Sarg. Aber die größten Probleme bereiteten mir, ausgerechnet, J. Hemlock Briddle und sein Wahnsinn. Hemlock wollte keine komische Figur sein und sperrte, wenn ich ihn in die entsprechende Richtung drängte. Hemlock hatte auch kein Interesse, Mörder der Gerichtsbarkeit zuzufügen, weil Tote doch so viel besser waren als Lebende – als Mordermittler war er eine Fehlbesetzung, es ging ihm nur darum, seinen Namen reinzuwaschen und zu beweisen, dass er den Schädel nicht selbst unterschlagen hatte.

Und obwohl ich diesmal alles im Vorfeld geplottet hatte, genau wusste, wer der Mörder ist, wer wann unter Verdacht gerät und wer wann weswegen stirbt, verebbte das Werk nach weniger als fünfzig Seiten. Was mich nicht davon abhielt, gleich eine ganze Serie von Büchern um Hemlock und Irving zu planen, die zwar dann noch keinen Plot hatten, aber immerhin schon Titel wie »Tote wechseln nie die Wäsche«. Eine Fortsetzung begann ich sogar zu schreiben: »Lunatic Park«, ein wunderbar subversiver Roman über die Folgen der Privatisierung, bei der die Heilanstalt, in der Hemlocks Bruder Hugh lebt, zu einer Touristenattraktion umgewandelt wird – eigentlich ein deutlich besserer Plotansatz als der mit der enthaupteten Erbin, hätte ich nicht einen kapitalen Fehler begangen: Ich wechselte meine Hauptfigur.

Anstelle von Hemlock, dem Verrückten, Verschrobenen, Sperrigen, gab ich die Perspektive von »Lunatic Park« seiner Cousine Marion und ihrem Freund Robert. Marion, das schwarze Schaf der Familie, ist normal. Kein bisschen verrückt. Ihre Familie kommt darum nicht mit ihr zurecht, und Marion nicht mit ihrer Familie, sie will studieren und ein normales Leben führen – und damit verschenkte ich meine Chance, die Perspektive auf das Andere zu lenken, das vielleicht nur scheinbar verrückte, und eine Geschichte zu erzählen, wie es sie sonst nirgendwo gab.

Die Wahrheit ist, ich hatte Angst – Angst vor mir selbst, vor dem, was hinter meiner Stirn lauerte, die Angst, dass es vielleicht gar nicht so romantisch wäre, den Verstand zu verlieren. Ich wagte mich an Hemlock nicht mehr heran, machte ihn zu einer von außen betrachteten Nebenfigur, und wollte mich lieber mit Marion identifizieren, die so alt war wie ich und so normal, wie andere mich gern gehabt hätten, und sie vermittelte mir ein Gefühl der Sicherheit. Und der Langeweile. Marion und Robbes waren so öde, wie es nur irgendwie möglich war, ließen es an allen Ecken und Kanten vermissen, und wenn ich Helden ohne Profil wollte, hätte ich auch gleich »Alibi für einen Geist« weiterschreiben können. Die Arbeit an »Lunatic Park« kam über die ersten zehn Seiten nicht hinaus.

Das Projekt »Der Douglas Adams des Krimis« war gescheitert. Überhaupt war das Projekt Krimi gescheitert. Wenn ich es nicht ohne Plot schaffte und nicht mit Plot, dann war das einfach nicht das Genre, das zu schreiben ich bestimmt war. So oft hatte ich es versucht, so oft war ich gescheitert. Und so wandte ich mich dem anderen Genre zu, das ich liebte, und suchte mein Glück im Fantasyroman. Auch da sollten die nächsten Versuche vor der Wand landen. Aber immerhin, da schmiss ich nicht das Handtuch, sondern blieb dran, bis ich 1997 wirklich endlich einen ganzen Roman fertig hatte.

Ganz aufgegeben habe ich den Gedanken, Krimis zu schreiben, nicht. Und mit dem Thema Wahnsinn komme ich heute, wo ich mich besser kenne und andere Menschen besser verstehe, auch problemloser zurecht als mit normalen Figuren. Aber selbst wenn ich zu meinen Wurzeln zurückkehre und mich noch einmal an einen klassischen Krimi heranwage – ein Wiedersehen mit Hemlock und Irving ist nicht geplant. Und eines mit Marion erst recht nicht.

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