Der Romanfriedhof: »Alibi für einen Geist«

Wie ich schon in meinem letzten Beitrag zum Thema Genres schrieb und auch schon das eine oder andere Mal davor, wollte ich immer eine Krimiautorin werden. In keinem Genre, noch nicht mal in der Fantasy, habe ich soviel gelesen, bin mit allen Mustern und Techniken vertraut und mit den Klassikern aufgewachsen. Ich kenne S.S. van Dines Regel des fünften Kapitels, habe erweiterte Kenntnisse in Sachen Toxikologie und Gerichtsmedizin, kenne die meisten Serienmörder der letzten zweihundert Jahre mit Vor- und Nachname und selbstverständlich ihren Lieblingsmordmethoden. Man kann sagen, ich bin ein rechter Nerd, wo es um Tote geht, und gepaart mit meinem schriftstellerischem Talent liegt eigentlich nichts näher, als das Ganze zu kombinieren und mir mein Brot als Krimiautorin zu verdienen. Theoretisch. Denn zwischen mir und diesem Ziel steht ein Hindernis, oder besser gesagt, liegt eine Leiche: das Romanfragment Alibi für einen Geist.

Das Buch war nicht mein erster Versuch, einen Krimi zu schreiben, und auch nicht mein letzter, aber derjenige, der in Sachen Seitenzahl am weitesten fortgeschritten ist – lange Zeit war es mein längster zusammenhängender Text überhaupt. Mehr als zweihundertsiebzig handschriftliche Seiten sind schon ein Brocken, und auch heute, wo ich auf eine ganze Reihe abgeschlossener Romane zurückblicken kann, hat ein Buch, das diese Länge erreicht, den Point of no Return eigentlich überschritten, und wenn es dann doch liegenbleibt, ist das sehr traurig. Man sollte meinen, man merkt früher, wenn ein Projekt zum Scheitern verdammt ist. Bei Alibi für einen Geist wusste ich das eigentlich schon längst, aber ich habe trotzdem weitergeschrieben, grimmig drei Seiten am Tag zu Papier gebracht, bis nichts mehr ging. Ich habe in der Schule geschrieben und sogar, als ich eine Freundin zum Friseur begleitet habe; mich der Lächerlichkeit preisgegeben und jedes Autorenklischee bedient – letztlich für nichts als Enttäuschung. Denn der Fehler, den ich begangen habe, lag vom ersten Tag auf der Hand: Ich hatte keinen Mörder.

Es war im Sommer 1991, als mir die Idee kam. Zu dem Zeitpunkt hatte ich schon zwei Krimiserien konzipiert, die sogenannten »Stümperkrimis« und die Abenteuer des fabelhaften Orion West, wobei keines dieser Werke über eine Länge von zwanzig bis maximal sechzig Seiten hinausgekommen war. Die neue Idee sollte für sich alleine stehen können, ein klassischer Krimi mit einem Haus, in dem jeder jeden verdächtigt – ganz abgedroschen auf den ersten Blick, aber mit Pfiff. Denn in dem schönen alten Haus spukt es. Noch nie hat jemand eine Nacht in dem Geisterzimmer überlebt, von Mitternacht bis ein Uhr geht dort ein namenloses Grauen um, das niemand so genau kennt, weil bis jetzt jeder gestorben ist. Familie Pew, der das Haus gehört, respektiert, dass ein Zimmer nicht genutzt werden kann, und lebt sonst ein sehr normales Leben – etwas zu normal, denn weswegen ausgerechnet einem Lehrerehepaar mit zwei Kindern eine stattliche Villa gehört, habe ich nie so recht beantwortet, noch, wie die Pews zu dem Geist und der Geschichte des Hauses stehen.

Aber offenbar sind sie in Geldnöten, denn als ein Mr. Deforest kommt, der mit Freunden gewettet hat, eine Nacht in dem aus Funk und Fernsehen bekannten Spukzimmer zu verbringen, lassen sie sich tatsächlich breitschlagen, ihn dort übernachten zu lassen. Offenbar sind sie hartgesottene Leute, die keine Angst haben, wegen Beihilfe oder fahrlässiger Tötung belangt zu werden, noch über so etwas wie ein Gewissen verfügen. So gellt dann prompt kurz nach Mitternacht Mr. Deforests Todesschrei durchs Haus, und das einzige, was man den Pews zugute halten muss, ist, dass sie zwar sofort die Polizei rufen, aber versuchen, den Sergeant davon abzuhalten, vor ein Uhr das Todeszimmer zu betreten. Wegen schlechten Timings öffnet der jedoch um schlag ein Uhr die Tür und stirbt ebenfalls, so dass nun ein Inspector von Scotland Yard auf den Fall angesetzt wird. Denn der Geist, wie sich herausstellt, hat ein Alibi: Er richtet sich nach der tatsächlichen, nicht nach der Sommerzeit, und war zum Zeitpunkt von Mr. Deforests Tod überhaupt noch nicht auf. Den Sergeant hat er umgebracht – aber Deforest starb an einer Dosis Zyankali.

Der Inspector trägt leider den Namen Hennessy O’Calloran, und es ist wohl gut, dass er von Anfang an nur für dieses eine Buch konzipiert war. Im Unterschied zu meinen Stümpern oder Orion West wurde er nämlich bedauerlicherweise ohne Persönlichkeit geboren, was auch für seine Assistentin Nora Brown gilt, deren Rolle sich darauf beschränkt, schwarz zu sein und immer recht zu haben. Die eigentlichen Helden sind dementsprechend auch nicht die blassen Polizisten, sondern die heranwachsenden Kinder der Pews, die sechzehnjährige Annie und ihr ein Jahr älterer Bruder Llewellyn. Annie ist ein sehr schlecht kaschierter Abklatsch meiner Selbst, Brille im Preis inbegriffen, und Llewellyn wäre vermutlich so etwas wie ein Geek geworden, hätte ich damals auch nur die leistse Ahnung von Computern gehabt. Jedenfalls übernehmen beide den Fall und tun das, was sie am besten können: Sie stellen Theorien auf.

Statt die Verdächtigen zu befragen – warum auch, es ist ihre eigene Familie sowie eine befreundete, die zu Besuch ist, und die kennen sie auch so – gehen sie jeden einzelnen durch, fragen sich, wie derjenige an das Gift gekommen sein könnte und wie es wohl verabreicht wurde, und natürich muss auch ein Motiv gesucht werden. Was bei Sayers‘ Fünf Falsche Fährten gut gekappt hat, war von dieser sechzehnjährigen Autorin wohl etwas viel verlangt, und das Buch verliert sich in Folge völlig in Dialogen und blinden Vermutungen, ohne dass die Handlung dabei auch nur einen Schritt vorankäme. Während ein Verdächtiger nach dem nächsten ausgeschlossen wird – und für einen anderthalbjährigen Junge sogar eine Option auf Zeitreise berücksichtigt wird – kristallisierte sich mehr und mehr heraus, dass ich keine Ahnung hatte, wie, warum und durch wen Mr. Deforest sterben musste. Etwas halbherzig entschied ich mich schließich für dessen Tante, die zwar zur fraglichen Zeit nicht am Ort war, aber das Zyankali in den Salzstreuer gefüllt hatte, mit dem Mr. Deforest sein Tomatensandwich salzen sollte.

Es ergab allerdings keinen Sinn, warum er das Brot ausgerechnet um kurz nach Mitternacht in einem Spukzimmer essen sollte, ein Motiv hatte die Tante auch keines, und hatte ich nicht schon vorher nachgewiesen, dass der Todesschrei gar nicht von Deforest kommen konnte, weil dem das Zyankali den Rachen so verätzt hatte, dass er nur noch röcheln konnte? Ganz zu schweigen davon, dass die Tante und die Pews sich nie auch nur kennenlernen konnten… Ich ließ also auch diese Version wieder fallen. Über zweihundertfünfzig Seiten, und ich war dem Mörder keinen Schritt nähergekommen. Meine letzte Verzweiflungstat war, die vierte Wand endgültig fallen zu lassen. Ich hatte schon vorher damit gespielt, als z.B. Annie nach einer Rückblende verlangt, um die Hintergründe von Deforests Aufenthalt im Spukzimmer zu beleuchten, und so war es nur logisch, diese Idee wieder aufzugreifen: Die Mörderin war also ich. Ich, die Autorin, hatte Deforest umgebracht, um den perfekten Krimi schreiben zu können.

Gemessen am verschwurbelten Rest gar nicht mal so eine schlechte Auflösung, hätte ich denn das Format gehabt, das durchzuziehen. Aber zu dem Zeitpunkt war das Buch schon so zerredet, so durch und durch missglückt, dass ich es nicht mehr retten konnte – geschweige denn mir irgend etwas nachweisen. Ich war jung und meine eigene Genialität offenbar zu groß für mich. Ich verlor mich ein paar Seiten später dann gänzlich, als Annie und Llewellyn versuchen wollten, durch Messung der Schatten herauszufinden, wann exakt an ihrem Standort Mittag und Mitternacht begannen, als ob das noch irgend einen Einfluss auf die Lösung des Verbrechens haben konnte, und dann warf ich das Handtuch. Übrig blieben ein dickes Fragment und eine frustrierte Autorin. Ich erkannte, dass ich niemals eine Krimiautorin werden sollte, ging sogar noch einen Schritt weiter und dachte, dass ich im Leben niemals einen Roman vollenden würde, und war drauf und dran, das Schreiben ganz an den Nagel zu hängen.

Bis zum ersten fertigen Roman sollten noch fast sechs Jahre vergehen, und für einen fertigen Krimi hat es bis heute nicht gereicht. Die Idee mit dem wegen der Zeitumstellung unschuldigen Geist hing mir noch eine Weile nach, ich versuchte, das Buch neu zu konzipieren, alles über Bord zu werfen und den Fall dem schillernden Orion West zu überlassen, was der Idee sicher gut tat – aber ich war von der Erfahrung noch zu geschädigt, um einen weiteren Versuch zu wagen. Vielleicht mache ich eines Tages noch etwas daraus, und aus Orion West, aber nicht ohne vorher zu plotten, nicht ohne Mörder, und nicht ohne Konzept, wie ich den überführen kann. Wenn ich auf eine Sache stolz sein kann, dann darauf, dass es zumindest ein produktives Wrack war, meine erste Begehnung mit dem Kampfschreiben. Alles in allem habe ich nur ein Vierteljahr meines Lebens an diese Geschichte vergeudet. Und in Anbetracht dessen sollte ich endlich in der Lage sein, diesem Buch, und mir selbst, zu verzeihen.

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