Der Romanfriedhof: »Das Erbe brach in Brüllen aus«

Da habe ich gerade, wieder mal, einen neuen Roman angefangen und bin jetzt schon erfolgreich bald mit dem zweiten Kapitel von Die Schattenuhr aka Percys Rückkehr – ja, ich habe den Arbeitstitel geändert zu dem, den ich schon die ganze Zeit haben wollte und erst nicht genommen habe, weil es schon ein Buch dieses Titels auf dem Markt gibt, aber hey, es ist ein Arbeitstitel, und bis das Buch mal den Markt sieht, grht noch viel Wasser den Rhein runter. In den letzten zwei Jahren hat sich meine Quote angefangener zu beendeter Bücher erfolgreich verbessert, aber ich schreibe jetzt bald seit dreißig Jahren und blicke auf einen großen Friedhof begrabenere Werke zurück, manche davon hunderte von Seiten lang, andere nur wenige hundert Wörter. Ich stehe zu meiner Vergangenheit und denke, es ist vielleicht ganz interessant, in diesem Blog auch mal diejenigen Bücher zu beleuchten, die es nicht geschafft haben und warum. In willkürlicher Reihenfolge picke ich mir nun also die Leichen heraus und präsentiere sie zumindest für ein einziges Mal der Außenwelt. Den Anfang macht das Buch mit dem zweitungewöhnlichsten Titel meiner Karriere (nur übertroffen vom ebenfalls begrabenen Sie sind schon tot, sagt Phoebe, auf das ich ein andermal zu sprechen kommen werde): Das Erbe brach in Brüllen aus.

Entstanden zirka im Sommer/Herbst 1991, erzählt das Buch die Geschichte der jungen Studentin Mia »Mai« Birkelund, die selbständig und frauenbewegt weder Mann noch Kind in ihrer Lebensplanung vorsieht, bis sie das Erbe einer bis dato unbekannten Großtante antreten muss und sich plötzlich mit Benjamin wiederfindet, einem drei Monate alten Säugling. Besser gesagt: Einem seit über dreihundert Jahren drei Monate alten Säugling, denn dessen Mutter, die nach der Geburt des zwanzigsten Kindes einen Feenwunsch frei hatte, wollte verhindern, dass der Junge seinen in früher Kindheit verstorbenen Geschwistern nachfolgen sollte, und wünschte sich für den Kleinen die Ewige Jungend. Was die Fee wörtlich nahm und das Kind von dem Tag an nicht mehr altern ließ. Da ein unsterblicher Säugling anerkannterweise Schutz bedarf, erweiterte die Fee später diese Gabe um eine Art Geas, das jeweils die älteste Tochter der jüngsten Generation die Pflege des Kindes zu übernehmen hat. Ohne Ausnahmen. Und so versuchen Mia und ihre Mitbewohnerin und Freundin Christine, das Kind wieder loszuwerden – doch weder Aussetzen noch Mordversuche wollen fruchten, bis sie sich schließlich mit ihrem Schicksal abfinden und den Säugling für Babysitterkurse und Mütterschulungen vermieten – immerhin, das Kind ist unkaputtbar.

Insgesamt hat das Buch eine Länge von etwas über sechzig handschriftlichen Seiten erreicht und gehört zu dem großen Stapel karrierter Blätter, die zwei Ordner füllen und niemals abgetippt worden sind. Dass es gescheitert ist, lag sicher nicht am Plot, den ich, für mich schon damals ungewöhnlich, bis zum Schluss durchgeplant hatte. Aber ich kann zwei Faktoren eindeutig festmachen: Das eine ist Angst vor meiner eigenen Courage, das andere mangelnde Lebenserfahrung. Es ist eine Sache, mit einer Überdosis schwarzen Humors gesegnet zu sein, Krimis voller ebenso kreativer wie blutrünstiger Morde zu planen und Bücher zu leben, in dem die handelnden Figuren nach dem Zehn-Kleine-Negerlein-Prinzip auf möglichst spaßige Weise aus dem Leben scheiden, aber eine andere, einen wehrlosen Säugling zu töten. Selbst wenn das Kind unsterblich ist: Szenen, in denen die Frauen versuchen, das Kind mit einem Kissen zu ersticken, aus dem Fenster zu werfen oder in der Badewanne zu ertränken sind nicht lustig. Sie waren es schon damals nicht, als noch nicht jede Woche irgendwelche toten Babys durch die Medien geisterten, und sie sind es heute noch immer nicht. Es gibt Tabus, an die zumindest ich nicht rühren mag. Dazu gehört heute der erste Plotentwurf für die Puppenzimmer-Fortsetzung, in denen Nazifeen in KZs Seelen ernten und den ich erst aus dem Kopf bekommen habe, als meine Agentin ihn mir um die Ohren gehauen hat, und dazu gehört dieses Buch, das ein Kapitel mit dem humorigen Namen »Babykillers« hatte.

Nun gut, ich war sechzehn und vielleicht ein wenig unbedarft in Sachen Kinderschutz oder dachte, im Namen der Satire ist alles erlaubt, und so habe ich über dieses Kapitel hinausgeschrieben, wenn auch mit dem Gefühl, dass der Text nicht einer meiner besten war. Was mir dann den Rest gegeben hat, waren Alltäglichkeiten. Meine Heldin war einundzwanzig, studierte und hatte eine eigene Wohnung. Ich war im zehnten oder elften Schuljahr, wohnte bei meiner Familie und hatte keine Ahnung, was eine Studentin so macht, wie sie ihren Tag verbringt (außer mit dem Aufhängen feministischer Plakate, um frauenfeindliche Äußerungen eines Profs zu geißeln) oder auch nur einen Plan, was die gute Mia überhaupt studieren sollte. Mehr oder weniger geschickt habe ich diese Hürden umschifft und eine durchaus nette Szene geschrieben, in der Mia eine große blaue Babybadewanne auf dem Sperrmüll findet und nach Hause schleppt unter ständiger Angst, die Nachbarn könnten sie damit sehen – die einzigen Studenten, die ich kannte, waren meine Eltern, und deren Studien lagen schon eine Weile zurück. Mia studierte also 1991 auf dem Stand von 1971. Sei’s drum. Das hätte man mir sicher noch nachgesehen.

Aber der Todesstoß wurde dem Buch versetzt, als sich Mia, wie es der Plot vorsah, in Christine verliebte. Ich fand es extrem progressiv, eine lesbische Bezieuhung einzubauen, und war ja ohnehin dabei, Tabus mit dem Rasenmäher niederzuwalzen, aber nicht nur hatte ich mich damals noch nie in eine Frau verliebt – ich hatte mich noch nie in irgend jemanden verliebt. Und während man sich noch irgendwie vorstellen kann, wie das Studentenleben so ist, kann man sich nicht die Liebe vorstellen, ohne jemals geliebt zu haben. Weswegen ich es auch gar nicht versuchte. Ich wollte ja auch die Frauenbeziehung als völlig normal darstellen, aber sie beiläufig mit dem Satz abzuhandeln »Mia und Christine verliebten sich ineinander«, nur um dann weiter im Text zu machen, hat mir und dem Buch das Genick gebrochen. Jenseits dieses Satzes folgte vielleicht noch eine halbe Seite Text, dann kam die Arbeit zum Erliegen und wurde nie wieder aufgenommen.

Heute blicke ich auf Das Erbe brach in Brüllen aus zurück als meinen ersten Versuch, gesellschaftskritische Satire zu schreiben und denke nicht, dass ich mich seiner schämen muss. Bis auf die Babykillers. Das war wirklich daneben. Von der geplanten Handlung habe ich vielleicht ein Drittel bis die Hälfte umgesetzt; die Wahrscheinlichkeit, dass ich dieses Buch noch einmal von Friedhof hole, wiederbelebe oder neu schreibe, liegt bei Null. Ich mag immer noch die Idee, was passiert, wenn man sich die Ewige Jugend wünscht, ohne genau zu spefizieren, wie jung oder nicht jung es denn sein darf, aber Bücher über die schwierige Situation alleinstehnder Studentinnen mit Kind sollen alleinstehende Studentinnen mit Kind schreiben oder zumindest Leute, die sich mit dem einen oder anderen auskennen. Alle anderen, vor allem die sechzehnjährigen Romanautorinnen, dürfen das unter Jugendsünde abtun.

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