Archiv am Abgrund

Wenn ich klaue, dann nur von den Besten: Von der Wirklichkeit, zum Beispiel. Manchmal ist es auch umgekehrt, manchmal klaut die Wirklichkeit bei mir, und das sind dann immer sehr beängstigende Momente – so wie damals, als ich festgestellt habe, daß die Prophezeiung, die ich für Die Spinnwebstadt geschrieben habe, bis auf den letzten Punkt eingetreten ist. Bei den Elomaran ist mir das zum Glück noch nicht passiert – dafür gibt es nun wieder ein Stück Wirklichkeit, daß ich in dieser Geschichte verarbeiten muß, nicht nur weil es so gut paßt, sondern auch, weil es mir schlaflose Nächte bereitet.

Wahrscheinlich verursacht durch den Bau einer U-Bahnlinine, ist vor knapp drei Wochen in Köln das Historische Archiv zusammengebrochen und in einen unterirdischen Krater gestürzt. Selbst wenn man davon absieht, daß dabei zwei Menschen ums Leben gekommen sind, ist das eine Katastrophe – soviel Wissen ist in diesem Augenblick für immer verlorengegangen, verschlungen von einem Abgrund, von Schutt und Wasser… Es berührt mich in vielerlei Hinsicht. Zum einen bin ich Bibliothekarin, da schmerzt so etwas immer. Ich hätte mir beinahe Urlaub genommen und wäre nach Köln geeilt, um dort bei der Bergung und Sichtung der Dokumente zu helfen, und habe es nur deswegen seingelassen, weil ich zeitgleich an einer dicken Bronchitis litt.

Zum anderen habe ich neun Jahre lang in Köln gelebt, und ein Teil meines Herzens lebt dort noch immer. Ich habe in der Südstadt studiert und meine Ausbildung gemacht, mein Bus fuhr über die Severinsstraße, und oft habe ich an einer Haltestelle gestanden, die schräg vor dem Archivgebäude lag. Und die U-Bahn – ich hatte mich auf die neue Strecke gefreut, auf die neuen Haltestellen, ich liebe U-Bahnen ganz besonders, aber hier war das Unheil schon so lange abzusehen, seit vor sich ein paar Jahren der Turm der Johann-Baptist-Kirche plötzlich zur Seite geneigt hatte. Und daß es dann ausgerechnet das Stadtarchiv treffen mußte, ist nur zu logisch: Wer einmal einem Büchersammler beim Umzug geholfen hat, weiß, was Papier wiegt. Und das Stadtarchiv hatte nicht weniger als achtzehn Regalkilometer davon – mit Sicherheit war entlang der ganzen U-Bahntrasse kein schwereres Gebäude zu finden.

Nun ist es also eingestürzt und ich fassungslos. Ich war nicht dabei, als es geschah – mein Vater wäre beinahe an dem Tag dortgewesen, um nach unseren Ahnen zu recherchieren, Material über meine Urgroßtante Mathilde – ich weiß nicht, ob ich sagen soll, daß er großes Glück hatte oder großes Pech, denn diese Akten werden nun unwiderbringlich verschwunden sein wie so vieles, Akten, Fotos, Urkunden, Handschriften… Ich bin fassungslos, wann immer ich versuche, mir das ganze Ausmaß vorzustellen. Als hätte man die Geschichte dieser historisch vielleicht bedeutungsvollsten Stadt Deutschlands auf einen Schlag ausgelöscht. Es betrifft mich nicht, und doch bin ich betroffen. Ich muß etwas tun. Und wenn ich schon nicht hinfahre und mich selbst in die Reihen der Helfenden einreihe, möchte ich das Unheil doch auf meine eigene Art verarbeiten: In den Chroniken der Elomaran.

Es ist eigentlich so naheliegend: Ich habe ein Archiv, und ich habe einen Abgrund. Das Archiv ist die Bibliothek im Schloß zu Koristir, und sie ist die größte der Welt, wenn nicht sogar die einzige. Zuletzt war sie in den Keller ausgelagert worden, und ich glaube nicht, daß Aralee daran viel geändert hat, die Zeit dazu hatte sie überhaupt nicht. Und der Abgrund liegt direkt darunter. Es ist ein Klacks, daß er sich auftut und die ganze Bibliothek verschlingt und Teile des Schlosses dazu. Das muß nicht sofort passieren, aber auf die Dauer muß der Abgrund einfach stärker und gefährlicher werden, und da er durch einen gefallenen Engel der Weisheit vertreten wird, paßt es nur um so besser, wenn sie sich die Bibliothek einverleiben. Das kann in Himmelsgrund passieren, was vermutlich das sechste Buch wird. Zu diesem Zeitpunkt hält Varyn Koristan besetzt, und Halan, der sich von Alexander getrennt hat und nichts mehr liebt als seine Bücher, sucht ihn auf, um seine Bibliothek wiederzubekommen und dort die Antworten zu finden, die sein Leben verändern sollen.

Geplant ist, daß er Hinweise auf verbotenes Wissen bekommt, das auf Geheis von Elysir vernichtet werden sollte, aber archiviert wurde, weil für Korisanders Kinder kein Wissen verboten genug ist, um vernichtet zu werden. Geplant ist auch, daß Halan später zu den Schwestern der Stille reist, um den Stillen Kodex auszulesen, das einzige Werk, das in der Bibliothek noch fehlt… Dazwischen stelle ich nun die Vernichtung der Bibliothek. Sie wird mir das Herz brechen, sie wird Halan das Herz brechen, aber es ist notwendig: Solange sie zwischen ihm und der Welt steht, wird er sein Herz niemals wirklich für einen Menschen öffnen können. Oder er wird wahnsinnig, wie Lord Sepulcrave Groan von Gormenghast nach dem Niederbrennen seiner Bibliothek… Ja, ich werde die Bibliothek vernichten, weil sie im Weg ist, und weil Feuer dafür zu abgenutzt ist, muß eben der Abgrund dafür herhalten.

Ja, und nun dürft ihr hingehen und mich dafür hassen. Ihr seid in guter Gesellschaft: Ich tue es schon selbst, dabei ist noch keine Zeile davon geschrieben. Aber besser wär’s vielleicht, ich hätte mir doch nur Urlaub genommen und hätte mich in Köln unter die Helfer eingereiht…

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