Roashans Eleven

Nach der Pflicht bin ich jetzt bei der Kür angelangt. Geigenzauber ist raus, ich konnte es zum Stichtag fertig überarbeitet bei der Agentur abgeben und habe danach drei Kreuze geschlagen, so wenig Spaß hatte ich am Überarbeiten selten. Je weiter ich vorgedrungen war, desto schlechter erschien mir das Buch, und selbst jetzt noch fällt es mir schwer, mir vorzustellen, daß irgend ein Verlag das drucken wollen könnte. Aber damit ist die Arbeit noch nicht getan, da ist immer noch die Gauklerinsel, und auch die will ich vor der Buchmesse noch aufhübschen. Natürlich, zum richtigen Überarbeiten reicht die Zeit nicht, das habe ich mit den ersten drei Kapiteln gemacht, um eine brauchbare Leseprobe zu haben, aber über den Rest soll doch zumindest schon mal die Rechtschreibkorrektur drübergelaufen sein.

Aber welch ein Unterschied! Jeder Satz, jede Zeile, die ich dabei lese, erfüllt mich mit Begeisterung. Ich brenne darauf, dieses Buch überarbeiten zu können, alle sechsunddreißig Kapitel, alle achthundertvierzehn Seiten; wenn ich könnte, würde ich es glatt nochmal schreiben, nicht weil es dann soviel besser würde, aber um nochmal diesen Spaß am Schreiben zu verspüren und diesen Stolz, was das Ergebnis angeht. Schon will ich alles Schreiben sein lassen für die Zukunft, ich habe das Gefühl, nichts von dem, was ich zur Zeit und auch zukünftig produziere reicht an dieses Meisterwerk heran. Sicherlich ist es eine gute Idee der Agentur, Geigenzauber erstmal von der Priorität vorzuziehen, denn es ist kein schlechtes Buch und sicher deutlich einfacher zu vermarkten. Aber ich halte die Gauklerinsel für ein grandios gutes Buch.

Ich habe die richtige Entscheidung getroffen, als ich mich schauplatzmäßig auf diese eine Stadt auf dieser einen Insel beschränkt habe. So habe ich Kulissen, von denen ich jede Ecke kenne, und in meinem Kopf kann ich durch die Straßen spazieren, und wenn ich um eine Ecke gehe, sehe ich nicht etwa Kulissen von hinten, sondern blicke in die nächste Straße. Vor diesem Setting bewegen sich Figuren, die ich ebenfalls sehr gut kenne, jeden einzelnen habe ich genau vor Augen, selbst kleine Nebenfiguren sind mit Leben erfüllt und haben einen Hintergrund, ein Zuhause und eine Beschäftigung, auch wenn sie gerade nicht vorkommen.

Meine Hauptfiguren sind Glücksgriffe. Roashan ist ein vielschichtiges Arschloch, das sich nicht nur auf Trunksucht und Tittenfixierung reduzieren läßt, und Shaun, wiewohl ein Geist und seit acht Jahren tot, ist einer meiner lebendigsten Charaktere überhaupt. Auch der Rest der Bande – die ich jetzt »Roashans Eleven« nenne, weil das von der Zahl her hinkommt und ich so dezent darauf hinweisen kann, daß sich Roashan so ausspricht, als reime er sich auf Ocean – bereitet nichts als Freude. Neben Shaun sind da noch Maris und das Kind, Trosca, Denis und Kadon, Antal, Matty, Fenk, der Bader, und nicht zuletzt die Schwarze Feder, eine meiner Lieblingsfiguren, die umtriebige Puffmutter. Ach, ich liebe sie alle. Wirklich alle. Und selbst so untergeordnete Figuren wie Hayko der Masseur oder der Verrückte Hutmacher haben mehr Persönlichkeit als einige Hauptfiguren aus der Flöte aus Eis.

Mein Problem ist nicht, daß ich von diesem Buch hellauf begeistert bin. Der Wechsel zwischen Komik und Tragik paßt vom ersten Moment an. Die Bittersüße zieht sich mit unglaublicher Leichtigkeit durch das Buch. Wäre ich nicht die Autorin, ich würde eine begeisterte Rezension schreiben. Aber die Wahrheit ist, ich bin mit diesem Buch und mit meinem Glück allein. Niemand außer mir hat es jemals von vorne bis hinten gelesen. Freunde und Forenmitglieder, die ich mit meinem Enthusiasmus anstecken konnte und die das Buch lesen wollten, kamen über die ersten hundert Seiten nicht hinaus.

Natürlich, das Buch ist keine leichte Mal-Eben-Nebenbei-Lektüre, die schiere Dicke schreckt vielleicht ab. Aber mich nicht. Ich habe soviel Spaß an dem Buch, von mir aus dürfte es doppelt so dick sein. Aber ich frage mich, ob ich mir diese gefühlte Qualität nicht nur einbilde. Ob ich nicht ein unlesbar wirres Werk verbrochen habe, das niemand außer der eigenen Autorin überhaupt versteht. Ich würde dieses Glück so gern teilen mit jemandem, der es auch gelesen hat und mag, der mir sagt, daß ich recht habe. Ich brauche keine Betaleser, bei dem Buch soll mir niemand reinreden, ich brauche niemand, der Arbeit investriert und das Buch analysiert oder so. Ich brauche nur jemanden, der es liest, von vorne bis hinten, und der Spaß daran hat. Es ist vielleicht das Beste, was ich je geschrieben habe, und doch unverkäuflich. Aber wenn auch nur ein Mensch außer mir es liest, ist es doch ein Sieg.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.