Ganz schön schön

Frauen sind ja das zarte, schwache, schöne Geschlecht. Heute natürlich nicht mehr, klar. Heute sind Frauen nur ein Geschlecht. Oder Gender. Ist das nicht schade, wo wir doch zumindest immer noch so schön sind? Das jedenfalls muß sich die Bild-Zeitung gedacht haben, denn wann immer sie über eine Frau berichtet, dann ist die schön. Immer. Weil sie eine Frau ist. Und das muß erwähnt werden, schon beim ersten Auftritt und noch vor dem Namen, als Adjektivattribut. Mit dem sensationsgeil ausgestreckten Zeigefinger – Ecce Femina! – werden sie uns präsentiert: Diese schönen Frauen. Und das gilt für alle, jede, ausgenommen nur Angela Merkel, vielleicht, weil die Bundeskanzlerin ist und schon über fünfzig ist und damit nicht mehr ganz so sehr Frau.

Eine Steigerungsform tritt dann auf, wenn die Frau schon einmal erwähnt wurde und am besten auch noch Deutsche ist: Dann heißt es nicht mehr »diese schöne«, sondern gleich »unsere schöne« – und das Recht auf Selbstbestimmung ist genauso perdu wie der Wunsch, als Frau nicht mehr andauernd auf sein Aussehen reduziert zu werden. Formulierungen wie »diese/unsere schlaue« oder »diese/unsere starke« vermißt man hingegen, wie zu erwarten war.

Wir kennen das ja ein bißchen schon aus Köln, wo man eine Frau, die man nach dem Weg fragen möchte oder an deren Einkaufswagen man im Supermarkt vorbei möchte, mit »Junge Frau« anredet. Aber das ist eben Köln, es ist ein feststehender Begriff, und es ist eben so – die Angesprochene fühlt sich davon nicht geschmeichelter, als hätte man sie mit dem im übrigen Deutschland üblichen »Entschuldigen Sie…« angesprochen, und analog dazu ist die Anrede für Männer »Junger Mann«. Köln, so gebe ich zu Protokoll, ist also höflich, wert- und geschlechtsneutral. Denn jung wollen wir uns schließlich alle fühlen. Also, warum nicht auch schön? Was kann man der Bildzeitung denn vorwerfen? Ein erster Blick sagt schon viel:

Was dabei auffällt: Erstens, mit Männern macht Bild sowas nicht. Zweitens, in jedem dieser Fälle ist es völlig schnurz, ob die Frau nun schön ist oder nicht. Wenn nur eine häßliche Pakistani nach der Flutkatastrophe um Hilfe bäte, müßte man dann weniger spenden? Dürfen häßliche Ehebrecherinnen hingerichtet werden, ohne daß ein Aufschrei um die Welt geht? Sind häßliche Schläferinnen weniger gefährlich? Was ist mit häßlichen Vergewaltigungsopfern, häßlichen Geigerinnen, Milliardärinnen, Politikerinnen und Politikergattinnen, Fußballerinnen und Fußballerfrauen?

Diese Frage stellt sich nicht: Denn die Fotos zeigen – so sie nicht längst aus urheberrechtlichen Gründen entfernt worden sind – durch die Bank Frauen, die ehrlich gesagt völlig normal aussehen. Wie Frauen halt. Aber für Bild, das Fachblatt für weltenübergreifende Gleichbehandlung, ist einfach jede Frau schön. Außer Angela Merkel. Auch wenn man im Fall von »Dauer-Erektion: Diese schöne Urologin gibt ihn auf« dem Betroffenen vielleicht eine nicht ganz so schöne Urologin gewünscht hätte…

Trotzdem, genug gelacht, Zeit zum Kotzen. Hat man als Frau, wenn man nicht gerade Kanzlerin ist, keine Daseins- oder zumindest Berichtserstattungsberechtigung, wenn man nicht schön ist; keine andere Lebensaufgabe, als schön zu sein? Was bezweckt die Bild mit diesem Übermaß an Schönheit? Wollen sie sich dafür rechtfertigen, in einer Männerwelt über Frauen zu berichten, und bauen das als Entschuldigung ein – »Ja, sie ist nur eine Frau, aber dafür ist sie wenigstens schön?« Oder ist das Alibi, um die Betreffende dann gleich mit ihrem Vornamen zu betiteln – schöne Sakineh, schöne Maya, schöne Elena – und den Nachnamen gleich wegfallen zu lassen?

Ich weiß es nicht. Ich weiß es wirklich nicht. Wenn wirklich alle Frauen schön werden, warum muß man es dann immer dranschreiben? Oder soll es eine Art Genderinikator sein, als ob die Grammatik hier allein nicht ausreicht, um die richtige Frau von der Transe, gar der Supertranse zu unterscheiden? Vielleicht ist die Antwort aber auch viel profaner: Bei der Bild werden genauso Wörter gezählt wie bei mir oder im Nanowrimo. Und mit jedem überflüssigen schön kann man vor allem eines: Bild-Schön Zeilen schinden.

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