Das Ende einer Ära

Ich habe lange mit mir gerungen. Wenn es nach mir ginge, müßten alle Dinge so bleiben, wie sie sind, und so ablaufen, wie sie es immer getan haben, zumindest in meinem Umfeld. Ich bin nicht autistisch, aber zumindest ritualfixiert. Mit Änderungen tue ich mich schwer, aber manchmal muß es einfach sein. Vor allem dann, wenn es so, wie es war, nicht mehr weitergeht.

Die ersten Umstellungen habe ich offenbar noch ganz gut hinbekommen – Anfangs habe ich meine Romane in Schulhefte geschrieben, dann in schwarze Chinakladden mit roten Ecken, und ab der Oberstufe, also ca. 1991, dann in Collegeblöcke. Und Collegeblöcke blieben es dann auch. Der Grund dafür war praktisch: Ich habe viel in der Schule geschrieben und während Univorlesungen, und da ich während meiner Zeit in Köln weder Führerschein noch Auto besaß, sind viele Seiten auch in Straßenbahnen entstanden und in Nah- und Fernverkehrszügen. Ich hatte zwar irgendwann einen Computer, so ab 1995, aber zumindest für alles, wobei ich mich außerhalb des Hauses befang, kam ich um meine Collegeblöcke nicht herum.

Während meiner Ausbildung zur Buchhändlerin hatte ich schier unbegrenzten Zugriff auf Collegeblöcke mit Werbeaufdruck für meinen Laden. Das war mein Glück, und mein Verhängnis. Denn als ich im Februar 2000 in einer Straßenbahn spontan mit der Arbeit an Engelsschatten anfing, nahm ich zuhause einen nagelneuen Block und übertrug die Seiten dorthinein, statt sie wie ein normaler Mensch am PC abzutippen. Von da an schleppte ich diesen Block mit mir herum, und als er voll war, seine Nachfolger, und je mehr Seiten per Hand entstanden, desto mehr wurde ich an diese Collegeblöcke gebunden, bis es nicht mehr anders ging.

Ursprünglich wollte ich Falkenwinter im Nanowrimo 2007 schreiben, und warum habe ich es nicht getan? Weil ich ja alles zweimal hätte schreiben müssen, erst per Hand und dann nochmal abgetippt, und das wär zuviel Arbeit gewesen. Wie bescheuert kann man sein? Es hat noch über zwei Jahre gedauert, bis ich mich jetzt entschlossen habe, die Collegeblöcke sein zu lassen. Ich habe längst einen Laptop – seit ein paar Tagen sogar einen nagelneuen – und habe seit vergangenem Oktober 2008 mehr als 400 Seiten an einer Geschichte mit Arbeitstitel Die Gauklerinsel geschrieben, mit der Hilfe eines tollen Programmes namens Write or Die, das ich aus meinem Autorenleben nicht mehr wegdenken kann. Währenddessen lagen die Elomaran brach, und jede zu schreibende Seite erschien wie ein Krampf.

Mit Write or Die gibt es keine Seiten, nur Wortzahlen. Ich habe ein bildschirmfüllendes Editorenfenster und eine Anzeige für meine Wortzahl, sonst nichts. Ich schreibe einfach, egal, wann eine Seite zuende wäre oder wieviel Zeilen ich jetzt schon habe. Es geht gut. Warum also nicht das gleiche mit den Elomaran machen? Weil ich es handschriftlich brauche. Brauche? Wer braucht? Niemand braucht. Ich bin eine Autorin auf dem Sprung in die Professionalität, soll ich mich erblöden, einem Verlag zu sagen »Tut mir leid, das Buch muß ich erst per Hand schreiben, bevor ich es euch schicken kann?« Was soll daran professionell sein? Das ist nur eins: Kindisch und dumm. Wenn es mich sonst nicht schlafen läßt, kann ich ja immer noch irgendwann per Hand abschreiben, was am Laptop entstanden ist. Aber bis dahin wird jetzt direkt getippt.

Die Entscheidung hat auch schon Früchte getragen. Gestern habe ich spontan anderthalbtausend Wörter an Falkenwinter geschrieben, das sind gut und gern sechs Seiten. Und heute geht es weiter. Mit Write or Die. Und ohne schwarze Tinte.

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