Das Monster und sein Autor

Als Maja zwölf Jahre alt war, beschloß sie, von zuhause auszureißen. Alles war schrecklich – die anderen Kinder tyrannisierten sie, und ihre Eltern hatten die jüngeren Geschwister viel lieber, und überhaupt – konnte sie überhaupt etwas anderes tun, als davonlaufen?

Und so stand sie nachts auf, zog ihren Anorak an und ihre Schiffermütze, die sie so sehr liebte und für die sie von allen ausgelacht wurde, und steckte ihr Geld ein und ihr Kindersparbuch, und verließ leise und unbemerkt das Haus, um in die weite Welt hinauszuziehen.

Sie kam bis ans Ende der Straße, wo auf der Ecke ein großer Busch wuchs. Sie versteckte sich in diesem Busch, um dort zu warten bis zum anderen Abend – denn sie rechnete damit, daß ihre Eltern sie überall suchen würden, in der Nachbarstadt und darüber hinaus, aber sicher nicht in einem Gebüsch am Ende der eigenen Straße. Erst am übernächsten Tag würde die Luft rein sein und die Welt bereit, sie aufzunehmen…

Maja hielt es zwanzig Minuten in ihrem nächtlichen Gebüsch aus. Dann wurde das Heimweh zuviel, und sie ging zurück, hängte den Anorak an die Garderobe, packte das Sparbuch zurück in die Schublade, und ging zu Bett. Und bis zum heutigen Tag weiß niemand aus ihrer Familie, daß es einen Tag gab, an dem Maja davonlief. Auch wenn sie am anderen Morgen noch einmal zurückmußte, um ihre Mütze aus dem Gebüsch zu holen.

Als Gaven dreizehn Jahre alt war, beschloß er, von zuhause auszureißen. Alles war schrecklich – die Arbeit war hart, und alle interessierten sich nur für seinen verrückten großen Bruder, den jeder viel lieber hatte als ihn, und überhaupt – konnte er überhaupt etwas anderes tun, als davonlaufen? Und so zog er sich eines Nachts seine Joppe über und verließ leise und unbemerkt das Haus.

Es kam bis zu Nachbars Heuschober, wo er sich versteckte, bis man am anderen Tag genug nach ihm gesucht hatte, bis dann die Luft rein war und er hinausziehen konnte in die große weite Welt, die nur auf ihn wartete. Gaven hielt es sogar ein paar Stunden auf seinem Heuboden aus. Dann bekam er Heimweh, und er wollte nicht länger auf dem Heuboden liegen, und er wollte nicht länger ausreißen oder in die Welt ziehen. Er wollte nach Hause.

Und da stand ich nun. Der ganze Plot von Dämmervogel baut darauf auf, daß Gaven von zuhause fortläuft, Varyn findet, und mit ihm zusammen Abenteuer erlebt. Abenteuer waren doch immer Gavens sehnlichster Wunsch! Der freche kleine Hosenscheißer, der sich auf die Dauer zu einem rechten Kotzbrocken entwickeln sollte, mußte doch froh sein, sich endlich vor der Arbeit drücken zu können…

Aber nein. Er will heim. Zu seiner Familie. In sein geliebtes Tal. Und das, bevor er beides wirklich verlassen hat! Und da hing ich nun. Mit einem Charakter, der nicht im Traum auf die Idee kam, das zu wollen, was ich will.
Ich rief also Christoph an und klagte ihm mein Leid. »Gaven will kein Kotzbrocken sein! Jetzt will er nicht mal mehr ausreißen…« Weiter kam ich nicht.

»Warum soll Gaven denn ein Kotzbrocken sein?« fragte Christoph zurück.

Ich wand mich. »Alle meine Charaktere entwickeln sich früher oder später zu Kotzbrocken“, antwortete ich.

»Ich mag Gaven«, sagte Christoph. »Er war immer schon ein normaler, netter Junge. Der muß doch kein Kotzbrocken werden.«

»Aber mein Plot…«, weinte ich. »Später muß er doch…«

»Warum sollte er denn jetzt schon garstig sein?« fragte Christoph.

Ich erzählte ihm von den Jungen in der Grundschule, die schon mit neun Jahren rechte Ekelpakete waren. Ich hörte, wie er durchs Telefon den Kopf schüttelte. Vielleicht hatte er ja recht. Auf Gaven kommen genug Traumata zu, daß er später immer noch garstig genug werden kann. »Aber warum sollte er dann von zuhause weglaufen?« fragte ich. »Er will doch jetzt schon wieder so, daß alles ist wie früher.«

»Ich dachte immer, er will Varyn zurückholen«, sagte Christoph.

Und so war und so wurde es dann auch. Manchmal kennt und versteht er meine Charaktere besser als ich. Es ist erstaunlich. Aber ich weiß schon, warum ich ihn liebe.

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