Wolken Schatten Spiegel Zeit II

Normalerweise, wenn ich ein Buch auf meinem Romanfriedhof zu Grabe trage, bedeutet das, dass dieses Buch tot ist, mausetot, und ich nie wieder daran arbeiten werde. Es gibt Ausnahmen – so habe ich »Die Welt in der Wühlkiste« ausgeschlachtet und daraus meine »Neraval-Sage« gemacht, und ich plane schon ganz lange, »Klagende Flamme« komplett neu aufzuziehen, abzüglich der zu spät erkannten rassistischen Tendenzen der ersten Fassung, aber noch habe ich mich da nicht drangetraut, da ich mir nicht sicher bin, ob ich schon in der Lage bin, wirklich etwas Besseres als damals aus der Idee zu machen. Aber mit meinem letzten Friedhofsfall ist etwas Erstaunliches passiert. Ich hatte den Beitrag für mein Blog eben erst beendet, und noch nicht gepostet, als ich spontan Lust auf das Buch bekam. Und die Graberde hatte sich noch nicht gesetzt, da griff ich zur Schaufel und buddelte meine Buchleiche wieder aus.

Über diese Geschichte zu schreiben, hatte mir vor Augen geführt, wie stolz ich eigentlich auf das Konzept war, wie sehr ich die Figuren immer noch mochte – und wie gut dieses Buch doch auf dem heutigen Buchmarkt funktionieren könnte. Vor elf Jahren, als ich meinen ersten Versuch mit den »Kindern des Hauses Otrempa« machte, war der Plot, wie so vieles, was ich schreibe, ein Outlier.… Weiterlesen

Der Romanfriedhof: »Die Kinder des Hauses Otrempa«

Nicht alles, was ich auf meinen Romanfriedhof hinaustrage, ist auch wirklich schon mausetot, mumifiziert, kaputt. Manches ist dabei, da denke ich, eigentlich zuckt das ja noch – und dann geht mir auf, dass ich seit zehn Jahren nicht mehr daran geschrieben habe und auch schon genauso lange keinen Plan mehr, wie es weitergehen sollte, und dann ist es doch an der Zeit, mich in Trauerkleidung zu werfen und das Projekt zu Grabe zu tragen. Es muss ja nicht für immer sein. Das Schöne an einem Romanfriedhof ist ja, dass die dort liegenden Werke die Möglichkeit haben, ins Leben zurückzukehren, mit verändertem Vorzeichen oder völlig ausgeschlachtet.

Bei dem Buch, auf dessen Grabstein ich heute mein Rampenlicht richten möchte, habe ich ein bisschen die Hoffnung, dass es irgendwann noch einmal aufwachen könnte. Aber anders als bei den »Chroniken der Elomaran«, wo ich nach zwölfjähriger Pause einfach weiterschreiben konnte, als wäre ich nie weggewesen, werde ich hier, wenn, bei Null anfangen müssen. Denn das, was ich da 2013 zu Papier gebracht habe, ist nichts, was ich jemals irgendwie im Druck sehen möchte, so problematisch ist der vorliegende Text in weiten Teilen.

Angefangen hat alles im November 2010 mit einem Traum. Manchmal habe ich da – einen Traum, so intensiv, so plotreich, so ausgefeilt, dass ich das Gefühl habe, einen Roman zu träumen oder im Traum selbst eine Figur in einem Roman zu sein.… Weiterlesen

Mein Lieblingsbuch

Die wahrscheinlich früheste erhaltene Tonaufnahme von mir befindet sich am Ende eines Mixtapes, das mein Vater für mich aufgenommen hat, als ich drei oder vier Jahre alt war. Nach der Mischung aus Kinderliedern, Folk- und Protestsongs war ein noch ein bisschen Platz auf der Kassette, und mein Vater hat einen kleinen Dialog zwischen uns mit dem Mikrophon des Kassettenrekorders aufgenommen. Welches Lied auf der Kassette mein Lieblingslied ist, fragt er mich, und ich antworte mit beinahe entrüstetem Ernst: »Alle Lieder auf dieser Kassette sind meine Lieblingslieder!« Aber unter väterlichem Druck, genötigt, mir eins auszusuchen, sage ich dann doch, und ohne lange zu zögern: »Denn der Otto, denn der Otto, der ist Maurer« – immerhin ein Kinderlied, wenn auch ein ziemlich politisches, von Fredrik Vahle.

Die Kassetten – insgesamt sechs Stück hat mir mein Vater über die Jahre in den späten Siebzigern aufgenommen – habe ich bis heute, sie sind sogar der Grund, warum ich bis heute ein Kassettendeck an meiner Stereoanlage besitze, und ich finde immer noch, dass alle Lieder auf diesen Kassetten zurecht meine Lieblingslieder sind. Nur den Maurer Otto würde ich mir heute nicht mehr als Lieblings-Lieblingslied raussuchen. Da hat sich in den letzten fünfundvierzig Jahren mein Geschmack doch leicht verlagert.… Weiterlesen

Stehenbleiben

Manchmal ist es leichter, weiterzulaufen als stehenzubleiben. Im letzten Jahr, am ersten Januar, fing ich an zu laufen. Nicht mit meinen Füßen, nicht draußen – ich wünschte, ich könnte endlich meine Probleme, das Haus zu verlassen und mich zu bewegen, überwinden, aber noch ist es leider nicht so weit – aber beim Schreiben. Ich setzte mir ein Ziel, wie ich in dem Jahr zu schreiben gedachte, und jeden Tag, den ich 1/365 dieses Jahreszieles schaffte, zählte für meinen Lauf. Meine Hoffnung war, den Lauf so lang wie möglich durchzuhalten, um endlich, zum ersten Mal seit nicht weniger als zwölf Jahren, mein Ziel auch zu erreichen.

Anfangs fiel es mir schwer. Ich war aus der Übung, hatte in den vergangenen Jahren nur wenig, zu wenig, geschrieben, und musste erst einmal wieder in Übung kommen. Aber ich biss mich durch, lief tapfer jeden Tag mein Pensum, und als das Frühjahr kam, hatte ich mich eingegroovt. Ich lief durch das ganze Jahr, und was eine Stütze gewesen war, wurde zum Selbszeck. Mein Lauf half mir, zum ersten Mal seit Ewigkeiten tatsächlich mein ehrgeizig gestecktes Jahresziel zu erreichen, und, weil ich einfach nicht zu laufen aufhören wollte, bei weitem zu übertreffen.

Ich lief, egal was sonst auch passieren mochte.… Weiterlesen

Die Welt in der Wühlkiste II

Mit einer Welt in einer Wühlkiste hat es angegfangen, damals, das muss 2006 gewesen sein. Eine Autorin im kleingeblümten Kleid besucht eine Buchhandlung und findet den Auftaktband ihrer Fantasyreihe »Leraval-Trilogie«, das Buch »Das gefälschte Siegel«, draußen in der Wühlkiste, entstellt mit einem Stempel »preisreduziertes Mängelexemplar«, was der einzige erkennbare Mangel an dem Buch ist. Auch die freundliche Buchhändlerin, die hinzukommt, kann nicht mehr wirklich helfen: Sie stellt am PC fest, dass der Ladenpreis des Buches aufgehoben worden ist, der Verlag hat es aus dem Sortiment genommen.

Die Autorin, sie trägt den Namen Lioba Demming, ist entsetzt: Davon wusste sie noch nichts, und eigentlich sollten auch noch Band zwei und drei der Reihe in ihrem Verlag erscheinen, und jetzt ist das erste Buch schon vergriffen? Da hilft nur eines: Nicht etwa die Reihe im Selbstverlag herausbringen, aber die nichts ahnende Buchhhändlerin ins Land Leraval versetzten, damit sie dort verhindern kann, dass der Dämon in die richtige Welt entkommen kann. Es war ein sehr konfuses Buch, das muss ich zugeben. Und das einzige gute daran war die Geschichte in der Geschichte, »Das gefälschte Siegel«, und seine Hauptfiguren, angeführt vom geschmeidig-gutaussehenden Prinzen Tymur.

Ich habe die Idee ausgeschlachtet, bin mit dem Roman im Roman durchgebrannt und habe die Außenhandlung weggeschmissen, und am Ende hatte ich eine tolle Trilogie in einem tollen Verlag – und doch schließt sich gerade der Kreis, und das ziemlich endgültig.… Weiterlesen

Wat kütt? Dat kütt! IX

Eben noch habe ich meinen Rückblick auf das vergangene Jahr 2023 veröffentlicht, da ist auch schon die Fortsetzung da: Der Ausblick auf das neue Jahr. Traditionell ist dies der erste Beitrag, den ich jedes Jahr veröffentliche, und manchmal ist danach auch nicht mehr viel gekommen, aber jetzt bin ich gut dabei, im Fluss, und will einfach nur da weitermachen, wo ich aufgehört habe. 2023 war ein Schreibjahr, in dem ich mehr geschrieben habe als in jedem anderen Jahr meines Lebens, in dem ich an jedem einzelnen Tag mein Pensum geschrieben habe, und in dem das Schreiben mich einfach glücklich gemacht hat – glücklich genug, um in einer auseinanderbrechenden Welt überleben zu können.

Für 2024 sind meine Pläne dann erstmal: Weiterschreiben. Ich habe 2023 vier Romane fertiggestellt, aber meine Liste Büchern, an denen ich arbeiten will, ist ungebrochen lang. Da sind Bücher, die ich aus 2023 mitnehme; Bücher, an denen ich seit Jahren nicht geschrieben habe, und Bücher, die mir schon lang als Ideen im Kopf herumspuken, und sie sollten mir helfen, über die Runden zu kommen. Genug Projekte, um, wenn ich an einem hänge, einfach mit einem anderen weiterzumachen. Mein Plan ist, 2024 wieder mindestens drei Romane fertigzustellen, wobei ich heute noch nicht genau sagen kann, welche das sein sollen – ich lass es einfach drauf ankommen und schaue, was gut läuft.… Weiterlesen

Ein Jahr der Superlative

Normalerweise habe ich in diesem Blog Jahresrückblicke aus einem einfachen Grund gepostet: Weil ich entgegen vollmundiger Versprechen aus dem Januar, dieses Jahr endlich wieder mehr zu bloggen, spätestens ab März keine Beiträge mehr verfasst habe und Nachholbedarf hatte. Aber der Rückblick für 2023 ist anders. Er ist für die Leute, die nicht das ganze Jahr über diesem Blog gefolgt sind, damit die sich nicht durch die rund fünfzig Beiträge, die ich dieses Jahr geschrieben habe, arbeiten müssen, um zu wissen, was bei mir Sache war. Und auch wenn das Jahr noch nicht ganz rum ist, kann ich jetzt schon sagen: 2023 war ein Jahr der Superlative.

In den vergangenen Jahren habe ich viele Rückschläge einstecken müssen. Der Abschlussband meiner »Neraval-Sage« ist sang- und klanglos versandet, was schade ist um die Arbeit, die ich in die Trilogie gesteckt habe. Ich bin weit hinter meinen schreiberischen Plänen zurückgeblieben, und die Gesundheit hat auch nicht mitgespielt. Als ich mir daher für 2023 das Ziel gesetzt habe, 500.000 Wörter zu schreiben, war das eher utopisch. Und vor meiner anstehenden Veröffentlichung, meinem ersten Kinderbuch, hatte ich in erster Linie Angst. Ich wusste, noch einen Flop kann ich mir nicht leisten, sonst bin ich weg vom Fenster.… Weiterlesen

Perspektivisch herausgefordert

Alles, aber auch wirklich alles, ist aus dem Ruder gelaufen, seit ich vor bald vierundzwanzig Jahren mit der Arbeit an den »Chroniken der Elomaran« angefangen habe – auch die Perspektivträger. Und jetzt, wo die beiden ehemals getrennten Handlungsstränge zusammengelaufen sind, muss ich das irgendwie ausbaden. Ich habe schlichtweg zu viele Perspektiven.

Ich mag Bücher, die stringent vom Anfang bis zum Ende aus einer einzigen Perspektive erzählt werden. Da wissen die Leser:innen niemals mehr als der Perspektivträger, wichtige Dinge passieren auch mal off-camera, so wie man im wirklichen Leben ja auch nur weiß, was man selbst weiß, und nicht anderen in die Köpfe schauen kann. Nachdem ich meine »Flöte aus Eis« aus vier Perspektiven erzählt hatte, wollte ich mich an das Risiko wagen, einmal wirklich bei einem Perspektivträger zu bleiben, mit allen Chancen und Einschränkungen, die damit einhergehen. Und das habe ich durchgezogen.

Auf insgesamt über achthundert Seiten wird die »Spinnwebstadt« komplett aus Sicht des jugendlichen Einbrechers und notorischem Schulschwänzer Mowsal erzählt. Und weil sich Mowsal gerade zu Anfang der Geschichte für vieles einfach nicht interessiert – seine typischste Geste ist das Schulternzucken – gibt es dann auch entsprechend viel, das die Leser:innen erst nach und nach erfahren. Mowsal ist ein durchaus starker Perspektivträger, macht eine interessante Wandlung vom egoistischen Arschloch zum einfühlsamen Weltenretter durch, und seine Perspektive wandelt sich entsprechend mit ihm.… Weiterlesen

Ein umfangreiches Problem

In den Jahren, seit ich mit der Arbeit an den »Chroniken der Elomaran» angefangen habe, habe ich mich in jedweder Hinsicht weiterentwickelt. Damals, Anfang 2000, hatte ich zwar schon mehr als zehn Jahre Schreiberfahrung im Rücken, aber noch nicht wirklich viel zu Ende geschrieben. Ich trat auf der Stelle mit der »Spinnwebstadt«, die ich für mein Opus Magnum hielt und an der ich zu dem Zeitpunkt seit drei Jahren arbeitete, was mir sehr lang vorkam – ich war knapp fünfundzwanzig Jahre alt, ich war ungeduldig, und ich brauchte ein Erfolgsergebnis. Ein Erfolgsergebnis, das war endlich wieder ein fertiges Buch, und ein Buch ist fertig, wenn ich das sage.

Heute steht die »Spinnwebstadt« als ein einziger Roman in meinem Werkeverzeichnis, aber damals, als ich daran schrieb, war sie ein Vierteiler. Das hatte einen ganz einfachen Grund: Wenn ich wollte, dass jemand meine Bücher las – also zum Beispiel meine Mutter oder mein Freund – dann druckte ich ihnen ein Exemplar aus, hübsch formatiert und im A5-Format, damit man es gut in die Hand nehmen konnte, und ging damit in den Copyshop, wo ich das Ganze binden ließ. Heißleimklebebinung, lautete das Zauberwort, Kostenpunkt um die 6 D-Mark pro Band – und mit einem begrenzenden Faktor.… Weiterlesen

Toxic Love

Vor bald vierundzwanzig Jahren begann die Arbeit an den  »Chroniken der Elomaran«. Das erste Buch, »Engelsschatten«, entstand von Februar bis Oktober 2000, und ich habe nie wieder etwas für so eine klar benannte Zielgruppe geschrieben. Meine Zielgruppe waren meine beiden Mitbewohnerinnen. Ich schrieb nahezu jeden Tag an dem Buch, und abends in der WG-Küche erzählte ich, was im Buch passiert war, was ich noch zu schreiben geplant hatte, und holte mir meinerseits Anregung, wie es weitergehen sollte. Meine Mitbewohnerinnen durften Wünsche für den Fortgang der Geschichte äußern, und ich bemühte mich, das dann so umzusetzen, dass es uns allen dreien gefallen sollte. Und ein Wunsch, der sich sehr früh rauskristallisierte, war, dass Halan und Alexander ein Paar werden sollten.

Ich war, was das anging, selbst erst einmal skeptisch. Mein Problem war nicht, dass ich mir nicht vorstellen konnte, schwule Hauptfiguren zu haben – im Gegenteil. Ich wusste damals längst, dass ich bi bin, ich fand, wir brauchen mehr queere Figuren in Büchern, was damals wirklich noch ein rechte Seltenheit war, und ich hatte auch vorher schon ein schwules Liebespaar auftreten lassen. Auch, dass die beiden verwandt sind – Alexander, der jüngere der beiden, ist tatsächlich Halans Onkel – , sah ich nicht als großes Hindernis.… Weiterlesen