Du wachst auf. Du fühlst dich scheisse.

Als ich noch ein aktiver Teilnehmer an Rollenspielconventions war, gab es einen Standardanfang für spontan zusammengewürfelte Gruppen, die ohne Plot und Plan zu spielen anfingen: »Du wachst auf. Du fühlst dich scheiße.« Lange Einführungen und Charakterbauen entfielen, wer man war, wußte man nach dem Aufwachen sowieso nicht, und während die Spieler litten, konnte der Spielleiter immer noch in Ruhe überlegen, was denn nun genau passieren sollte. Und abgesehen davon, daß die letzten Tage für mich tatsächlich so begonnen haben – ehrlich, ich fühle mich keinen Deut besser als Anfang Dezember, traue mich aber nicht, mich wieder richtig krankschreiben zu lassen, weil ich um eine Verlängerung meiner Stelle fürchte – konnte ich das Prinzip jetzt endlich mal wieder zum Schreiben nutzen.

Mir fehlt meine Gauklerinsel. Mir fehlt der Spaß, mir fehlen die Figuren, mir fehlt aber vor allem das spontane Drauflosschreiben, mit dem dieses Buch einst begonnen hat – damals, als die ersten Geschichten um Roashan entstanden, wachte er auf und fühlte sich scheiße, und während er mit seinem Gedächtnisverlust kämpfte, konnte ich in Ruhe überlegen, was genau ihm den widerfahren war. Alles weiter, der Plot, die Verschwörer, etc, das entstand erst viel später. Am Anfang war das Buch nur ein namenloses Spaßprojekt. Ich hatte meinen ersten Nanowrimo gewonnen, mein erstes Kinderbuch geschrieben, ich war voll im Stress, und mich einfach hinsetzen und just for fun schreiben, das war das beste, was mir damals passieren konnte. Und genau so etwas brauche ich jetzt auch, nach zwei fertigen Romanen, die beide überarbeitet werden wollen und das noch vor der Leipziger Buchmesse, und nachdem ich meinen Ruinensammler begraben habe. Etwas, das Spaß macht und nicht lang geplant werden muß. Mit anderen Worten: »Du wachst auf. Du fühlst dich scheiße.«

Ehrlich gesagt bin ich nicht besonders gut darin, meine Geschichten lange zu planen und vorzubereiten – ich bringe sie damit eher um. So geschehen mit dem Ruinensammler – ich hätte einfach im September, als mir die Idee kam, mit dem Schreiben anfangen sollen, statt das Ganze totzuplanen. Und im Nanowrimo war ich immer schon gut darin, erst kurz vor dem Start das endgültige Projekt nicht nur auszuwählen, sondern auch auszudenken. Geigenzauber war eine Last-Minute-Idee, und mit dem Ergebnis bin ich durchaus zufrieden. Sehr sogar. Wenn es nicht so viel zu überarbeiten gäbe… Und jetzt ging es auch schnell. Vorgestern kam mir die Idee, gestern habe ich mit dem Schreiben angefangen, und heute bin ich ganz verliebt in das Projekt, was noch keinen Namen hat, aber schon ganz gut aufgestellt ist in der Konkurrenz um den freien Romanplatz.

Damon Rickard wacht auf und fühlt sich scheiße. Er scheint eine wilde Party hinter sich zu haben, draußen dämmert der Morgen, und Damon sitzt irgendwo auf dem platten Land fest. Aber Damon Rickard hat auch ein Problem, ein richtiges: Der Geist, den er in sich trägt, bringt jeden Morgen ein Kind zur Welt, das in den ersten Menschen, den Damon an diesem Tag berührt, hineinfährt. Er kann den Geist austricksen und in eine unbelebte Figur fahren lassen – eine Schaufensterpuppe, eine Vogelscheuche, etc – aber an jedem Tag wiederholt sich das Spiel aufs Neue, jeden Morgen macht sich Damon auf die Suche nach einem neuen Geisterspeicher, um nicht einen armen Menschen von einem Geist besessen zu machen. Einmal ist ihm das schon passiert, ausgerechnet mit seinem besten Freund, nochmal darf sich das nicht wiederholen.

Damon ist selbst Schuld. Er hat einen Pakt geschlossen, um Ruhm und ewiges Leben zu gewinnen, und obwohl er sicher war, das Kleingedruckte gelesen zu haben, hat er sich austricksen lassen von einem Geist, der gerne die Welt der Lebenden mit Beschlag belegen möchte. Jetzt könnte Damon versuchen, den Geist wieder loszuwerden – aber dann müßte er auch auf so nette Nebeneffekte wie die Unsterblichkeit wieder verzichten, die ihn doch gerade von seinen lästigen Phobien kuriert hat, und er mag sein Leben, so wie es jetzt ist. Fast zu spät erkennt er, auf was für ein Spiel er sich eingelassen hat: Sein Geist ist nicht der einzige, der sich eine Hintertür in die Welt des Fleisches eröffnet hat, weltweit gibt es eine Gruppe von Unsterblichen, die dagegen ankämpfen, was ihre Geister gerne hätten, und wenn die sich zusammentun, bevor die Geister das tun, ist vielleicht noch nicht alles verloren…

Aber das sind alles nur lose Ideen. Bis jetzt haben wir einen Damon, der bezaubernd verkatert durch die Felder irrt, bis er eine Vogelscheuche gefunden hat, und ich habe genug lose Enden, an die ich anknüpfen kann – was ist im Partykeller der Familie Harmond passiert? Und warum war Damon überhaupt da? Was genau hat es mit seinem Freund Dylan Rumeau auf sich, dem Damon einen Geist eingepflanzt hat – weiß der das überhaupt? In welcher Kunst strebt Damon nach Reichtum und Ruhm? Und wie habe ich es gestern geschafft, 750 Wörter in dreiundzwanzig Minuten zu schreiben und damit eine Punktlandung auf 750words.com zu schaffen? So viele Fragen. So viel Spaß. Ich hoffe, daß dieses Gefühl lange, lange anhält…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.