Was tische ich auf?

Enid Blyton war in ihren Büchern ungeheuer gründlich darin, zu beschreiben, was ihre Protagonisten essen. Wenn sich Dinah eine Dose mit Pfirsiche aufmachte, während sich Lucy am Thunfisch genüglich tat und Jack und Philip die Kekse verkimmelten, erfuhren die Leser jedes Detail, ob sie es wissen wollten oder nicht – in meinem Fall eher nicht. Ich kann mir Spannenderes vorstellen als seitenlange Beschreibungen von Dosenobst und Crackern, vor allem, wenn das Buch ansonsten spannend ist. Aber so habe ich dank Blyton eine ziemlich genaue Vorstellung davon, was englische Kinder in den Vierzigern/Fünfzigern sich unter einem Festmahl vorstellen. Und wenn ich mal ein Buch in der Zeit ansiedle – was durchaus geplant ist – werde ich die Blyton als Primärquelle heranziehen, natürlich nur, nachdem ich mich vergewissert habe, dass es sich auch wirklich um die echte Blyton handelt und nicht um eine ihrer deutschen Ghostwriterinnen.

Leiden spielen die Spiegel von Kettlewood nicht zu Blytons Zeiten – und ich musste feststellen, dass ich mich wirklich gut mit der viktorianischen Zeit auskenne, wenn es um Politik, Zeitgeschichte, Mode oder Menschenrechte geht – aber über die Cuisine nicht wirklich Bescheid weiß. Ein paar Sachen bekomme ich auf die Reihe, weil sie bei Alice im Wunderland eine Rolle spielen: So kenne ich zum Beispiel Mockturtlesuppe, bei der anstelle von Schildkröten Kalbskopf in den Topf kam, und kann annehmen, dass dann in vornehmeren Haushalten echte Schildkröten auf den Tisch kamen (muss das aber verifizieren, ehe ich es verwende). Ich habe auch vor einigen Jahren mal eine interessante Kochsendung mit Heston Blumenthal gesehen, in der er victorianische Küche zubereitet hat, und werde versuchen, ob ich ein Video davon auftreiben kann.

Ansonsten kann ich natürlich versuchen zu bluffen mit dem, was ich über die englische Küche des Zwanzigsten Jahrhunderts weiß, aber damit lege ich mich zu leicht auf die Nase: 1871 gab es weder Elektroherde, noch Überseeflüge, noch Kühlschränke, und damit ganz, ganz andere Koch- und Essvoraussetzungen. Obst und Gemüse gibt es nur in der jeweiligen Saison und auch nur das, was in der Gegend wächst; Delikatessen, wozu ich die Schildkröten zähle, sind vielleicht in London aufzutreiben, aber kommt der Koch eines Landsitzes in Essex daran, und wenn ja, in welchem Zustand? Ich weiß, dass ein Fischgang und ein Fleischgang Standard bei einem Bankett sind, dass der Nachtisch in England immer als Pudding bezeichnet wird (heute zumindest, damals auch?), aber ich weiß nicht, ob in einem Herrenhaus jeden Tag ein Viergangmenü auf den Tisch kommt oder auch mal was Schlichteres. Und über den ganzen Recherchen darf ich eine Sache nicht vergessen: den Leser. Der will kein Sachbuch über das Leben im 1871-Haus lesen. Der will Spannung. Und zwischen »Alle Details müssen stimmen« und »Alle Details müssen minutiös aufgezählt werden« klafft ein weiter Unterschied.Normalerweise würde ich an dieser Stelle ein bisschen Fudeln und sie einfach Essen essen lassen, Punkt.

Aber an dieser Stelle macht mir meine bezaubernde Protagonistin den Strich durch die Rechnung. Sie, die Icherzählerin, hat die ersten vierzehn Lebensjahre am Existenzminimum gelebt und konnte froh sein, überhaupt mal was richtiges zu essen zu bekommen (Eintopf aus zerkochtem Gemüse und Kartoffeln ist das Wahrscheinlichste, was ich für ihren Speiseplan ermittelt habe), und wenn sie sich vor einem Festmahl wiederfindet, wird sie das zelebrieren, und zumindest beim ersten Mal wird sie sehr bewusst beschreiben, was für ungeahnte Köstlichkeiten ihr auf den Tisch kommen. Das ist die Stelle, wo ich gerade hänge. Ich will nicht »Kettlewood – die Kochshow« schreiben, aber ich will auch meiner Heldin gerecht werden und den Kulturschock, den sie in Kettlewood erlebt, entsprechend thematisieren.

Es gibt ja viele Dinge, die einen beim Schreiben ausbremsen können. Ich habe Figuren, die ich über alles liebe, eine spannende Handlung, richtig, richtig viel Plot – und stolpere über eine Speisekarte. Die Lösung im Moment? Stellen, an denen gegessen wird, überspringen und eine Notiz machen »Hier Nahrung einfügen«. Aber früher oder später werde ich mich dem Festmahl stellen müssen. Hat mal jemand einen Heston Blumenthal für mich?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.