Nur ein Name?

Es kommt bei mir sehr selten vor, dass während des Schreib- und Überarbeitungsprozesses eine Figur ihren Namen ändert. Bei kleinen Nebenfiguren, für die ich mir spontan einen Namen aus den Fingern saugen muss, passiert es schon mal, dass mir noch etwas Besseres einfällt, und dann gehe ich mit »Suche und Ersetze« ran, aber grundsätzlich hänge ich an meinen Figuren, und meine Figuren an ihren Namen. Eine Hauptperson einfach umtaufen? Das wäre für mich genauso unvorstellbar, wie einem richtigen lebenden Menschen einfach einen neuen Namen zu verpassen. Lustiger Fakt für zwischendurch: Ich hieß selbst nicht immer Ilisch. Auch wenn ich den Namen nach meiner Hochzeit behalten habe – als kleines Mädchen hieß ich noch Maja Schroer, bevor meine Elter eine Änderung des Namensrechts mitgenommen haben, die es ermöglichte, auch den Namen der Frau als Familiennamen zu führen. Ich musste mich also einmal an einen neuen Namen gewöhnen. Nochmal muss echt nicht sein.

Als ich Die Spiegel von Kettlewood Hall konzipierte, sollte meine Hauptfigur noch Cilla heißen, Cilla Harding, aber das wollte irgendwie nicht passen. Ich baute um, machte Cilla zur (verstorbnenen) Mutter meiner Heldin, und nannte sie selbst Isis. Wirklich, ich liebte diesen Namen. Isis Harding, die geborene Heldin eines Gaslichtromans. Der Vorname war eine von vielen kleinen Anspielungen auf Alice im Wunderland – eine, von der ich wusste, dass niemand sie erkennen würde, der nicht selbst ausgewiesener Carroll-Experte ist: Isis ist nicht nur der Name einer ägyptischen Göttin, sondern auch der Name der Themse bei Oxford, wo 1862 die Kahnpartie stattfand, auf welcher der spätere Lewis Carroll den Töchtern seines Dekans von Alicens Abenteuern unter der Erde erzählte. Und so schrieb ich die ersten vier Kapitel über die Abenteuer von Iris Harding.

Dann passierte etwas. Ich verkaufte das Manuskript an einen Verlag. Nicht mein erster Verlagsvertrag, aber das erste Mal, dass ich ein Buch nur auf Basis von Exposé und Leseprobe verkaufte und es erst noch schreiben musste. Aus dem Lektorat kamen ein paar klare Ansagen: Erstens, es muss eine Liebesgeschichte vorkommen, mit Happy End. Und zweitens, die Heldin darf nicht Isis heißen. Zu groß waren die Bedenken, dass die Verbrechen des IS, der zu lange in Deutschland als ISIS bezeichnet worden war, sich negativ auf die Buchverkäufe auswirken könnte. Und so sehr ich den Namen mochte – ich will natürlich, dass sich mein Buch verkauft. So wurde Isis zu Iris, nur eine kleine Änderung und doch eine, an der ich lange zu knabbern hatte. Nach vier gut gelungenen Kapiteln mit einer Hauptfigur, die mir ans Herz gewachsen war, fühlte ich mich, als müsste ich sie erst noch einmal neu kennenlernen.

Aber wir rauften uns zusammen, Iris Harding und ich, und ich muss sagen, ich habe sie wirklich extrem gern. Sie ist stark und zerbrechlich, zornig, romantisch, gerecht, eine Hauptfigur, wie man sie sich für sein Buch nur wünschen kann, und ich wünschte, ich hätte vor zehn, zwanzig Jahren schon so differenzierte Frauen in meinen Büchern beschreiben können. Das Buch wurde fertig, ging ins Lektorat, wurde überarbeitet – nur mit einem rechnete ich nicht: Dass meine Iris Harding nochmal ihren Namen ändern würde. Und doch ist jetzt genau das geschehen. Iris heißt sie immer noch. Aber diesmal hat es ihren Nachnamen erwischt. Aus Iris Harding musste Iris Barling werden. Und wieder waren es Mörder, die mir in die Quere gekommen sind.

Am Wochenende war ich auf einem Autorentreffen, und es war toll. Und wie es bei Autorentreffen so üblich ist, kam das Gespräch auf Serienmörder. Genauer: Auf die Frage, ob es eigentlich auch Serienmörderinnen gibt. Ich war, natürlich, in meinem Element. Irgendwann mache ich aus meiner Faszination für Mörder nochmal einen eigenen Roman. Und ich musste nicht lang überlegen: Da war zum Beispiel Amelia Dyer, die viktorianische Kindermörderin. Dyer hat es sogar ins Puppenzimmer geschafft, ein kleiner Gastauftritt in einer Art Traumsequenz … Dann dämmerte es mir. Weil ich meine Anspielungen gerne subtil gestalte, siehe Isis, hatte ich im Puppenzimmer nicht Dyers richtigen Namen verwendet, sondern sie unter einem Alias auftreten lassen, das Dyer seinerzeit auch wirklich benutzt hat: Mrs. Harding.

Natürlich, es ist nur eine kleine Rolle, und der Name fällt nur zwei- oder dreimal. Aber es ist eine prägnante Rolle. Eine Kindermörderin ist nicht irgendwer. Es geht nicht um Mrs. Harding, die einen Gastauftritt als Blumenverkäuferin hat. Und auch wenn Das Puppenzimmer und Die Spiegel von Kettlewood Hall bis auf das Genre nichts miteinander gemein haben, kenne ich doch meine Leser. Mysteryleser sind immer auf der Suche nach Geheimnissen – was wäre das für ein Triumph gewesen, als allererste herauszufinden, dass offenbar Iris‘ Großmutter mit der grausamen Engelmacherin identisch ist! Erst überlegte ich noch, den Namen zu behalten und eine Erklärung auf meine Webseite zu setzen, genau wie im Vorwort eines Astrid Lindgren-Buches steht, dass Rasmus aus Rasmus und der Landstreicher nicht identisch ist mit Rasmus aus Rasmus, Pontus und der Schwertschlucker oder gar Rasmus aus Kalle Blomquist, Eva-Lotte und Rasmus. Aber das erschien mir dann doch irgendwie doof. Und weil das Puppenzimmer seit vier Jahren auf dem Markt ist und nicht mehr zu ändern, musste meine Kettlewood-Heldin dran glauben.

Einen passenden Namen finden, war nicht so einfach. Ich wollte den Klang des Originals möglichst behalten, liebäugelter erst mit »Harling«, ging dann aber doch einen Schritt weiter: Schließlich hatte ich den Butler von Kettlewood Hall »Hargreaves« genannt, nach Alice Liddells Ehenamen, und es hatte mich schon irgendwie gestört, dass Harding und Hargreaves so ähnlich klangen. Als Leserin stört es mich immer, wenn ich Namen durcheinanderschmeiße, die sich nicht genug voneinander unterscheiden. Und so landete ich am Ende bei »Barling«. Das hat den passenden Klang, und praktischerweise stammt dieser Name auch aus Essex, wo die Familie meiner Heldin ursprünglich herkommt. Von Isis Harding zu Iris Barling … Ungewohnt ist es schon.

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