Kein Sex für Sandro

Eigentlich kann ich die Uhr danach stellen: Immer, wenn ich es gerade am allerwenigsten brauchen kann, kommt eine neue Idee, die, statt sich artig hinten an und dann erst vorzustellen, gleich mit der Tür ins Haus fällt und geschrieben werden will, jetzt, sofort, unbedingt. Ich sag ja gar nichts dagegen, aus einem paar dieser Ideen sind tolle Bücher geworden, und es ist mir immer noch lieber, zu viele Ideen zu haben als zu wenige. Aber eigentlich brüte ich immer noch über Kettlewood, und dazu kommt, dass diese neue Idee mit einem Protagonisten im Gepäck kommt, der auf Machtspielchen besteht, bevor er auch nur seinen ersten Auftritt hinter sich hat. Sandro weiß genau, was ich zu schreiben habe. Sandro will Sex. Sandro ist sehr präzise, was er gerne hätte. Sandro will einen Blowjob. Und damit deckt er sich mit meinen Vorstellungen zu exakt null Prozent.

Die Geschichte dahinter liebe ich. Sie ist doppelbödig und vielschichtig, spielt mit Traum und Wirklichkeit, hat dafür einen so eng begrenzten Spielort, wie ich ihn seit der Gauklerinsel nicht mehr hatte, ermöglicht mir, meinen Figuren wilde Drogen zu verabreichen, und hat das Zeug dazu, endlich der Gaukler-Nachfolger zu sein, nach dem ich seit fünf Jahren suche: ein Buch, an dem ich zehn Jahre lang schreiben kann und das mich immer noch nicht wieder loslässt, eines, das in einer Stadt spielt, in der ich jede Straße und jede Gasse und jeden Menschen kenne, eins, das es nicht eilig hat, dafür aber um so hartnäckiger ist – und leider auch eines, für das sich kein gescheiter Titel findet. Im Hinterkopf nenne ich das Konzept Die Traumstadt oder Die Träumende Stadt, aber das ist mir immer noch zu generisch, und ich suche nach einer Möglichkeit, Libellen eine größere Rolle zugedeihen zu lassen und es dann Libellentraum zu nennen.

So, wie die Gauklerinsel mit Roashan einen sehr eigenständigen, selbstverliebten Antihelden hatte, verspricht auch Sandro, die Story zu tragen – aber wo Roashan zufrieden war mit dem Wissen, jede Frau auf der ganzen Insel haben zu können, und das ganze Buch über mit zweieinhalb Küssen und ein paar Ohrfeigen auskam, hält Sandro sich nicht an meine Spielregeln. Selbige sind ganz einfach: Meine Figuren können von mir aus Sex haben – ich mach mir solange etwas zu Essen und komme wieder, wenn die fertig sind. Ich kenne viele Autoren, die liebend gerne Erotik schreiben, wenn nicht sogar pornographische Literatur. Es ist nicht so, dass ich auf sie runterblicke und mich für moralisch was besseres halte, weil ich das nicht tue. Es ist einfach nichts, was mir liegt, weder zum Lesen noch zum Schreiben.

Die einen haben es raus und schreiben richtig heißen, knisternen, prickelnden Sex. Andere fabrizieren peinliche Wort- und Samenergüsse, die sich für nichts als den »Bad Sex in Fiction«-Award qualifizieren. Und schon die Vorstellung, in zweite Kategorie zu gehören, hemmt mich komplett. Explizit mag ich es sowieso nicht. Ich stehe nicht auf Dirty Talk. Schon das Wort »Schwanz« ist mir peinlich. Wenn ich erotische Szenen geschrieben habe – was inzwischen an die fünfzehn Jahre zurückliegt, als ich viel an den Chroniken der Elomaran geschrieben habe und in einer WG mit zwei Freundinnen lebte, die ich zumindest literarisch verführen wollte – waren sie immer noch so stark abstrahiert, dass niemand sie für Pornographie gehalten hätte, aber ich mag sie immer noch. Heute, wo ich niemanden mehr verführen muss oder darf, fehlt mir die für Erotik nötige Zielperson. Einfach nur in die Luft hinein kann und mag ich sowas nicht schreiben. Und so hat das, was ich heute schreibe, durchaus die eine oder andere Liebesgeschichte, aber für Sex muss man anderswo hingehen. Ist nicht schlimm. Angebote gibt es ja genug.

Und dann kommt Sandro und verspricht, mich aus meinem Schreibloch rauszuholen, wenn er dafür einen Blowjob bekommt, live und on camera. Und ich bin ehrlich versucht, es einfach mal auszuprobieren. Die Traumstadt ist, zumindest für die nächsten fünf bis zehn Jahre, ein Buch für mich, nur für mich und nicht für den Markt, mein persönliches Experimentir- und Drogenlabor, wo ich meine wildesten Phantasien austoben kann, ohne mir Gedanken darüber zu machen, wie die Leser darüber denken. Ich merke, dass ich so etwas brauche, jetzt wo das Schreiben mein Beruf ist, um mich danach auch wieder auf die eigentliche Arbeit konzentrieren zu können. Vor ein paar Jahren habe ich in einem schreiberischen Loch meine erst (und bisher letzte) Fanfiction geschrieben, und es war sehr erfrischend und hatte etwas Rebellisches an sich, das ich genossen habe. Warum also nicht mal über den eigenen Schatten rausspringen und mich an expliziter Erotik versuchen? Selbst wenn es schlimm wird – ich denke nicht, dass ich die letzten Preisträger des »Bad Sex in Fiction«-Awards unterbieten kann.

Und wenn schon, dann kann ich auch gleich mit einem Blowjob loslegen. Sandro, mein karrieregeiler, drogensüchtiger Schwarzmagier, will sich hochschlafen. Er weiß noch nicht, dass er bald ganz, ganz tief unten landen wird und vor den Scherben seines Lebens stehen. Ich will, dass er dann kooperiert und mir aus der Hand frisst – dann tue ich zumindest jetzt am Anfang erst einmal so, als ob ich genau das tue, was mein Protagonist will. Sandro wird sich noch wundern. Und wie er sich noch wundern wird! Wieso liegt hier eigentlich Stroh?

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