Glück auf!

Ich bin im Urlaub. Meinem Chef habe ich versprochen, mich zu erholen, und meinen Agenten auch, was bedeutet, daß ich nicht nur auf meine bibliothekarische Arbeit verzichte, sondern auch aufs Schreiben. Statt dessen stapfe ich über Harzer Berge, wo ich mir mit meinen neuen Wanderschuhen eine kollosale Blase gelaufen habe, und durch malerische Städtchen – erholen kann manchmal ganz schön anstrengend sein, aber es ist toll. Mein erster richtiger Urlaub seit 1998! Aber ich wäre keine Autorin, wenn ich das hier nicht für mich und meine Bücher nützen würde – und damit meine ich nicht nur, daß mir eine Idee für – o nein, nicht schon wieder! – ein neues Buch gekommen ist, sondern auch, daß ich fleißig Museen und Besucherbergwerke besichtige und für den Hintergrund von Dämmervogel recherchiere.

Ja, ich weiß, das hätte ich besser vorher gemacht, das Buch ist schließlich lang fertig, aber ich war davon ausgegangen, mich wirklich gut mit der Geschichte des Bergbaus auskenne. Ich bin als Kind im Ruhrgebiet aufgewachsen, und das Bochumer Bergbaumuseum war mir ein noch lieberes Ausflugsziel als der Zoo. Aber das ist viele Jahre her, und tatsächlich ist mit der Zeit soviel Wissen zu Halbwissen geworden, daß ich leider eine ganze Reihe von Fehlern eingebaut habe. Besser ich merke das jetzt, als wenn das Buch auf dem Markt ist und mir Experten das ganze um die Ohren hauen. Im 19-Lachter-Stollen in Wildemann, den ich jedem Harz-Besucher nur allerwärmstens empfehlen kann, haben mein Freund und ich mangels anderer Besucher eine Privatführung bekommen, bei der ich Gelegenheit hatte, viele Fragen zu stellen, auch wenn das bedeutete, mich als Pseudo-Expertin völlig zu deklassifizieren. Hier sind also ein paar Korrekturen, die in der nächsten Fassung von Dämmervogel Einzug halten werden:

  • Varyns Spitzhacke: Auch wenn der klassische Bilderbuchzwerg singend mit einer Spitzhacke in die Mine marschiert, ist sie nicht das Werkzeug des Bergmanns – sie ist viel zu unpräzise, braucht zum Ausholen mehr Platz, als man hat, und auf richtig harten Gestein prallt sie einfach ab. Nicht umsonst ist das Symbol für Bergwerke ein Kreuz aus Schlägel und Eisen, und mit Schlägel und Eisen wird sich in Zukunft auch Varyn durch das Gestein arbeiten. Die Szene mit Varyn und der Spitzhacke im Prolog von Falkenwinter, der ohnehin generalüberholt und entprologisiert werden muß, kann aber erhalten bleiben, sie spielt schließlich außerhalb der Grube.
  • Kinderarbeit: Ein Junge von dreizehn Jahren wie Gaven kann sicher schon im Bergwerk eingesetzt werden. Harkon und Alsa hingegen müssen entweder älter werden oder umgebaut werden, um sich zum fraglichen Zeitpunkt im Stollen aufzuhalten und mit dem Rest der Familie zu sterben. Ein achtjähriges Kind ist zu der extrem harten körperlichen Arbeit eines Bergmanns schlichtweg außerstande, vor allem, wenn es groß und stark werden soll, um dann richtige Bergmannsarbeit zu verrichten. Ich bringe die beiden schon noch um, keine Sorge.
  • Abraum: In der vorhandenen Textfassung sind Noran und Gaven den ganzrn Tag damit beschäftigt, Abraum aus dem Stollen zu schaffen. Das ist großindustrielles Wunschdenken. Zur Zeit, als der Bergbau noch per Hand betrieben wurde, ohne Sprengstoff oder Drucklufthammer, schafften Bergmänner in der Harzer Grauwacke drei Meter Stollen im Jahr. Natürlich ist das ein besonders hartes Gestein, aber die Hausnummer stimmt schon, und der Berg, in dem Varyns Bergwerk liegt, ist nicht aus bröckligem Kalksandstein. Der Abraum ist also das geringste Problem und nichts, wofür man zwei Kinder einstellen muß. Vor allem nicht, wenn sie dann auch noch Körbe schleppen, statt einen Hund (eine Art Lore) zu schieben. Aber für die beiden habe ich schon eine neue Beschäftigung:
  • Wasser: Der größte Feind des Bergmanns, vor allem des vorindustriellen, ist das Wasser. Es läuft und läuft, egal ob es draußen regnet oder die Sonne scheint, füllt den Schacht und überschwemmt den Stollen. Man kann es nutzen für Hydraulik, Wasserräder und zur Energiegewinnung, aber wer wie Varyn mit Schlägel und Eisen einen schräg nach unten führenden Stollen in einen Berg haut, der hat nur ein Interesse: Das Wasser wieder loszuwerden. Gaven und Noran werden also jetzt mit ledernen Eimern ausgestattet, mit denen sie das Wasser abschöpfen und nach draußen bringen. Erklärt, warum Gaven so ein guter Läufer geworden ist, und einen vollen Eimer kann auch ein Junge seines Alters schleppen.
  • Das Wasser werde ich auch zum Hauptschuldigen für das Bergwerksunglück machen. Stützbalken gammeln innerhalb weniger Jahre weg, sofern sie nicht aus Schiedeeisen sind, und das könnte erklären, warum der Tote Mann so gefährlich ist. Nur wie Varyn dann mit Kreide an den Wänden des Toten Mannes einen bleibenden Eindruck hinterlassen soll, das weiß ich noch nicht recht – wenn da die ganze Zeit das Wasser drüberrinnt, werden sie nicht lange halten. Aber es gibt sicher auch ein trockenes Fleckchen für Varyns Zeichen.

Und damit bin ich sicher noch nicht am Ende mit den sachlichen Korrekturen, die ich an Dämmervogel vornehmen muß, ganz zu schweigen von den inhaltlichen Überarbeitungen – ich werde also noch viel Spaß mit dem Buch haben. Und das mit dem Spaß, das meine ich auch so.

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