Tag Sechs: Wenn die Bürger schlafengehn …

Während ich auf Neuigkeiten von meinen Bewerbungen warte, ist es wieder einmal an der Zeit, eine Frage zu beantworten von meinem unendlichen Fragenkatalog:
6. Wo schreibst du am liebsten? Zu welcher Tageszeit? Computer oder traditionelles Schreibzeug?

Früher habe ich alles per Hand geschrieben – zwangsweise, denn ich hatte keinen Computer. Selbst als ich meine eigene Schreibmaschine hatte, habe ich mit der Handarbeit weitergemacht, und das aus zwei Gründen: Zum einen ging das mit der Hand einfach schneller, und zum anderen konnte man den maschinengeschriebenen Text nicht mal eben schnell überarbeiten, erweitern, korrigieren oder ergänzen, so dass sie eigentlich nur für Endfassungen und Reinschriften in Frage kam. Die Anschaffung meines ersten Computers war daher eine Offenbarung. Weil in meiner kleinen Studentenbude noch kein Platz für einen PC vorgesehen war, stand mein gebrauchter 286er auf dem Fußboden, und ich saß im Schneidersitz oder kniend davor und schrieb, sehr konzentriert, sicher auch bequem, aber nicht wirklich ergonomisch. Und doch kommt das dem, wie ich heute schreibe, noch am nächsten.

Inzwischen schreibe ich nämlich am Laptop, und der steht da, wo er hingehört, auf meinem Schoß, auf einem schönen kippelfreien Knietablett. Die Orte, wo ich mich am liebsten mit ihm befinde, sind das Sofa und mein Bett.… Weiterlesen

Puzi, Scherzi, Percy

In der letzten Zeit scheint es bei mir sehr niedlich zuzugehen. Wer mich von meinen Geschichten erzählen hört, stolpert über so knuffige Ausdrücke wie Puzi, Scherzi und Percy. Wer Percy ist, sollte nach fleißiger Lektüre meines Blogs nicht mehr die Frage sein – Percy, mit vollem falschen Namen Percival Jessup, ist ein Gentleman der zwanziger Jahre und Held einer Romanreihe, die man vom Genre mehr als Geiterkrimi denn als Fantasy bezeichnen muss und mehr in der Tradition von Dorothy Sayers und Margery Allingham steht als in der von Tolkien – gut, in Tolkiens Tradition stand ich noch nie, aber die Tendenz sollte damit klar sein. Das erste Abenteuer, die Mohnkinder, ist so gut wie abgeschlossen, der Folgeband, derzeit unter dem Arbeitstitel Schattenfinger geplant, steht in den Startlöchern und wartet nur noch auf ein etwas klareres Konzept, in dem mehr die formalen Aspekte zu klären sind als die inhaltlichen. Ich freue mich schon, mit der Arbeit daran zu beginnen – aber wenn ich alternativ zuerst Scherzi schreiben darf, ist das auch nicht schlecht.

Scherzi ist die Fortsetzung von Puzi, klar, nee? Puzi ist, das sollte nicht schwer zu erraten sein, das Puppenzimmer. Nachdem meine Agentin dem Haus der Puppen diesen neuen Titel verliehen hat – zum einen passt er besser, zum anderen war der erste schon belegt durch einen Dokumentarfilm über Auschwitz, mit dem ich ganz sicher keine Assoziationen haben wollte – war für mich nichts naheliegender, als die Verniedlichungsform einzuführen.… Weiterlesen

Das Leben in der Hand des Gänseblümchens

Wieder einmal ist es soweit, die Arbeit an einem Roman neigt sich dem Ende zu, aber statt dass ich meiner üblichen Buchschlusspanik verfalle und jammere, dass ich meine liebgewordenen Helden verlassen muss, zeige ich mich vor allem unentschlossen. Ich habe noch vier Tage lang zu schreiben, dann bin ich fertig, und eigentlich sollte ich genau wissen, was ich da zu schreiben habe. Aber genau an einer entscheidenden Stelle war ich bis zuletzt unentschlossen: Gibt es ein Happyend, oder gibt es keines? Natürlich, das Wort ‚Happyend‘ ist bei den Mohnkindern so oder so falsch gewählt. Es ändert nichts mehr daran, dass ein kleines Mädchen tot ist und nicht mehr ins Leben zurückgeholt werden kann, egal wie ich mich entscheide. Die Happyend-Frage betrifft in diesem Fall nur das überlebende Mädchen, Laurel. Wird sie lernen, mit dem Tod der Zwillingsschwester zu leben und ein eigenständiges Leben zu führen? Oder lässt sie sich von Ivys Geist überzeugen, dass sie zusammengehören, für immer, und nimmt sich ihr eigenes Leben?

Der eine Schluss ist versöhnlich und hat einen positiven Ausblick, der andere kommt dafür bestimmt überraschender, und ich habe meine Leser immer schon gerne überrascht. Außerdem hatte ich seit der Flöte aus Eis kein trauriges Ende mehr – und das war 1997.… Weiterlesen

Tag Fünf: Ey, Alter!

Wieder einmal ist es an der Zeit, eine der schönen Fragen zu beantworten, die ich noch während meiner Lebzeiten abarbeiten möchte. Und seht nur, ich bin schon bei der Fünften angekommen!
5. Dem Alter nach, wer ist deine jüngste Figur? Die Älteste? Wer ist „am jüngsten“ und „am ältesten“ im Bezug auf den Erschaffungszeitpunkt?

Gerade wollte ich schon behaupten, die kleine Vivian in den Mohnkindern wäre meine jüngste Figur, aber das stimmt natürlich nicht. Die Jüngste ist das Kind in der Gauklerinsel. Es hat über weite Teile des Buches keinen Namen, ganz am Ende nennt Roashan es ‚Sprotte‘, aber das ist eine eher unglückliche Übersetzung von ‚Kipper‘, wie es in den ursprünglich englischsprachigen Roashan-Geschichten hieß. Aber da das Kind noch nicht sprechen kann, ist es ihm vermutlich egal. Es ist ein Säugling von vielleicht einem halben Jahr, was es als allerjüngste Figur vermutlich so lange unschlagbar macht, bis mal eine meiner Heldinnen ein Kind bekommt – wobei mir einfällt, das ist schon passiert, als Hana am Ende von Falkenwinter ihre Tochter bekommt, und so ist Roashans unfreiwillig adoptiertes Kind vielleicht doch nicht das aller-allerjüngste, aber im Unterschied zu Hanas Tochter, die nur einmal erwähnt wird und zweimal durchs Bild getragen, spielt es eine Rolle.… Weiterlesen

Falsche Zähne und der Preis des Lebens

Wenn man einen historischen Roman schreibt, muss man anständig recherchieren, und das gilt auch dann, wenn dieser Roman nur ein Fantasy/Horror/Supernatural-Roman in historischem Gewand ist. Nach wie vor drücke ich mich ja davor, Die Tochter des Goldmachers zu schreiben, einen reinen historischen Roman auf Basis einer von meinen Eltern beim Ahnenforschen ausgegrabenen hochinteressanten Räuberpistole aus dem Jahr 1785 – das liegt nicht mal daran, dass mich das Historiengenre wenig reizt, auch nicht als Leser, oder ich zu faul zum Recherchieren bin, sondern dass ich mit einem phantastischen Roman debutieren will und nicht auf Dauer auf ein mir fremdes Genre festgenagelt werden will. Aber für meine geliebten Mohnkinder recherchiere ich, bis mir die Finger bluten. Denn ich bin, wenn auch glücklich arbeitslos, eine Bibliothekarin, und Recherche steckt mir in den Knochen. Auch wenn das heißt, dass es mir mehr Spaß macht, die Literatur aufzutreiben als sie hinterher durcharbeiten zu müssen – aber was ich für meinen 1921er Spukroman brauche, sind keine dicken Wälzer, sondern ganz ganz viele kleine Details.

Weltpolitisch ist die Zeit für mich keine große Herausforderung. In britischer Geschichte bin ich sehr firm, die Zeit zwischen den Weltkriegen habe ich fürs Abitur gepaukt, und hinzu kommt, dass ich nicht über Königskinder oder Premierminister schreibe, sondern über normale Leute, die relativ wenig mit politischen Entscheidungen zu tun haben, dafür aber um so mehr mit Alltäglichkeiten.… Weiterlesen

Autorenspam ist keine Lösung

Liz mit der ‚Empfehlen‘-Taste
schickt mir E-Mails, die ich hasste.
Das Ergebnis freut sie sehr:
Morgen schickt sie zwanzig mehr.

Ich kenne ja viele Autoren, und kann stolz darauf sein, aber diese Autorin war nicht darunter. Sie ist nicht im Tintenzirkel, wir sind uns noch nie begegnet, aber irgendwie scheint die Frau einen Narren an mir gefressen zu haben. Noch nenne ich es Spaß. Bald nenne ich es Stalking. Was ist passiert? Nun, es ist für einen Autor, der in einem Klein- oder gar Kleinstverlag veröffentlicht hat, immer schwer, auch Leser für das Buch zu gewinnen – schon weil die wenigsten Leute überhaupt etwas von dem Titel ahnen. Marketing wird gerne vom Verlag komplett in Autorenhände gelegt, und der Autor kann sehen, wo er bleibt.

Aber es gibt ja auch Leute wie mich, Rezensenten, die ein Bücherblog schreiben. Wenn man die gewinnen könnte… Eigentlich wäre es ganz einfach. Im Impressum meines Blogs steht meine Adresse, da könnte man hinmailen, wenn in den FAQ meines Blogs nicht stünde, dass man mich nicht wegen Rezensionsexemplaren anmailen soll, ich entscheide selbst, was ich lese. Aber ‚Liz‘ hat mir noch nie eine Mail geschrieben. Sie lässt schreiben. Amazon, der Internethändler, hat eine Funktion, mit der man Artikel seinen Freunden empfehlen kann.… Weiterlesen

Reich und berühmt!

Wir haben ein neues Jahr, nicht zu vergessen, und das alte ist erfolgreich zu Ende gegangen auf die traditionelle und beste Art und Weise: Umgeben von meinen liebsten Autorenfreunden, bei denen ich eigentlich endlich mal die ‚Autoren‘-Vorsilbe weglassen sollte, denn Freunde sind sie so oder so. Diesmal sind sie von weit her angereist, so einen legendären Ruf hat meine Silvesterparty inzwischen – aus Bremen, Koblenz, Bielefeld, und natürlich waren die Rheinländer da, für die das ja ein Heimspiel ist. Wir haben vorgelesen, geredet, kritisiert, und uns daran erfreut, wie gut wir geworden sind. 2012 wird unser Jahr – das sagen wir jedes Jahr, und jedes Jahr stimmt es etwas mehr. Für 2012 haben wir geplant, dass Grey mit ihren Schwarzen Feen voll durchstartet, ich einen Buchvertrag für das Puppenzimmer bekomme, Lavendel und der Schreinhüter bei guten Agenturen unterkommen, und wir alle alle alle reich und berühmt werden.

In diesem Moment muss ich aber sagen, dass mir gerade das ‚berühmt‘ wichtiger ist als das ‚reich‘. Ich, obwohl arbeitslos, gehöre gerade zu denjenigen von uns, die sich am wenigsten über Geld sorgen muss, und selbst wenn ich auf absehbare Zeit weder Job noch Buchvertrag bekomme, wird sich das nicht zum Negativen verändern. Aber ich brauche diese besondere Art von Anerkennung für mein Selbstbewusstsein.… Weiterlesen

Wat kütt? Dat kütt! II

Das Schreibjahr 2011 war ohne Zweifel das fruchtbarste meines ganzen Lebens. Nicht nur habe ich mein Jahresziel von 500.000 Wörtern am Ende so locker erreicht, dass ich den Dezember über ruhig ausklingen lassen konnte und keinen Endspurt hinlegen musste, vor allem aber habe ich drei Romane fertiggestellt, einen davon mit über achthundert Seiten, habe einen Roman abgeliefert, der auch nach der Buchmesse positive Resonanz bei den Verlagen hervorgerufen hat, und habe erkannt, dass Schreiben das ist, womit ich den Rest meines Lebens verbringen möchte. Aber das beste ist, dass ich keinen Zweifel daran habe, im Jahr 2012 das Ergebnis nochmal zu übertreffen. Nicht unbedingt an Quantität – 500.000 Wörter sind eine schöne Menge, das muss nicht unbedingt mehr werden – aber doch an Qualität. Ich bin schon gut, aber ich kann und muss mich immer noch steigern. Und so folgen nun, nach meinen letztjährigen Guten Schreibvorsätzen, die ich fast alle eingehalten habe, die Werke in Arbeit, die ich ins neue Jahr mitnehmen werde.

Mohnkinder
Als ein Geniestreich hat sich mein Nanowrimo-Neuzugang in diesem Jahr erwiesen. Mit weniger als zehn Tagen zwischen Idee und Drauflosschreiben hätte das Schlimmste dabei herauskommen können, aber tatsächlich ist mir Percy ans Herz gewachsen wie lange kein Held mehr, die Recherchen machen Spaß, der Plot kommt gut an, und sogar meine Eltern waren vom Konzept überzeugt, eingeschlossen meinen Vater, der noch nie etwas von mir hat lesen mögen.… Weiterlesen

Im Trailerpark

Gut und gern zehn Jahre muss es jetzt her sein, dass ich den ersten Trailer für den ersten Herr der Ringe-Film gesehen habe, und er hat mich niedergestreckt wie ein Eichenknüppel. Diese epischen Landschaften! Diese riesige Welt! Diese Bilderflut! Diese riesengroßen Füße! Nein, ich meine nicht die Hobbits – es waren die Argonath, die mich völlig fertiggemacht haben. Ich schrieb damals seit knapp zwei Jahren an meinen Chroniken der Elomaran, und ich musste erkennen, dass ich zu solcher Epik, wie Tolkien sie uns vorgelebt hat, nicht liefern kann. Und dass ich keinen Regisseur zu solchen Szenen inspirieren kann. Meine Geschichten spielen eher im kleinen, überschaubaren Bereich, Massenszenen kann ich nicht, an Schlachten verzweifle ich – eigentlich alles nicht so schlimm, ich habe andere Qualitäten, aber damals, im Winter 2001, hat es mich völlig fertiggemacht, in eine solche Krise gestürzt, dass ich im ganzen Jahr 2002 nur rund fünfzig Seiten geschrieben habe. Den Film habe ich mir dann trotzdem angesehen, voll trotziger Begeisterung, aber das Buch habe ich bis heute nicht gelesen. Der Film selbst war nicht so schlimm wie der Trailer, vielleicht, weil darin alle Epik auch noch so komprimiert war, dass sie mir en block um die Ohren hauen konnte.… Weiterlesen

Tag Vier: Mein erster Held

Es ist mal wieder an der Zeit, mich dem Dreißig-Fragen-Stöckchen zuzuwenden, damit ich noch in diesem Leben damit zum Ende komme, als geht es nun weiter mit der nächsten Frage:
4. Erzähl uns von einer deiner ersten Geschichten/Figuren!

Strenggenommen müsste ich mit Pombo anfangen, wenn ich nicht zugeben müsste, dass ich bis auf seinen Namen so ziemlich alles über ihn vergessen habe. Ich muss damals irgendwas um die vier Jahre alt gewesen sein, und die Geschichten von Pombo habe ich mir erzählt, wenn ich in den Bettkasten meiner Eltern geklettert bin, der eine vortreffliche Höhle abgegeben hat. Hätte ich die Geschichten bloß auch mal jemand anderem erzählt! So weiß ich nur noch, dass Pombo im Eis eines Sees eingefroren war (ob nur mit den Füßen oder Ganzkörper, ist nicht überliefert) und dort auf den Frühling warten musste. Und das war’s auch schon. Abgang Pombo. Aber um so mehr Eindruck hat sein Nachfolger hinterlassen, der Räuber Buddelmann. Und nein, damit ist nicht mein neuer Hamster gemeint, so treffend für den die Bezeichnung auch wäre.

Der Räuber Buddelmann entstand, als ich fünf Jahre alt war und meine Eltern im Urlaub ein Bauernhaus in Ostfriesland hüteten. Es war kein Ferienhaus, und zum Schlafen hatte ich eine Matratze auf dem Boden eines Zimmers, in dem eine Reihe großer Masken an der Wand hing – afrikanisch, möchte ich heute vermuten, aber da es keine Fotos davon gibt, kann ich nur in der Erinnerung kramen.… Weiterlesen