Sechs Jahre, ein Buch

Nach über sechs Jahren neigt sich nun endlich Geisterlied dem Ende zu, und bin ich sonst weh- bis schwermütig, wenn ich von einem Buch Abschied nehmen muss, bin ich hier erleichtert und froh und freue mich, es hinter mir zu haben. Sechs Jahre sind eine lange Zeit, vor allem für ein gar nicht mal besonders langes Buch. Aber es war einfach ein schwerer Brocken. Die Idee kam mir Anfang 2008, als ich noch im Münsterland wohnte, mit einem Traum. Ich ziehe oft Ideen aus Träumen, aber diesesmal hatte ich nahezu den kompletten Plot geträumt, so klar, dass ich nur mit dem Schreibblock hinterherrennen und ihn einfangen musste. Selbst die Namen meiner Hauptfiguren, Anata und Rizim, habe ich aus diesem Traum übernommen. Anata ist ein Wort aus dem Japanischen, wo es eine liebevolle Anrede, vergleichbar mit unserem »Schatz« ist, und Rizim? Ich habe keine Ahnung, so das herkommen soll. Es ist ein Name. Punkt. Ich freute mich über die schöne neue Idee und auf die Aussicht, das Buch im Nanowrimo zu schreinben – und damit ging der Ärger los.

Bis zum November war es zu lange hin. Der ohnehin schon ziemlich ausgefeilte Plot bekam noch mehr Zeit zum reifen, und das ist bei mir nie gut. Ich muss immer auch etwas zu Denken haben, wenn ich schreibe, und wenn ich zu viel Plot habe, stehe ich mir selbst im Weg rum – all das schöne Denken ist gedacht, was noch fehlt, ist Arbeit, und Arbeit macht nie Spaß. Normalerweise habe ich ein Setting und bastle den Plot drumherum. Hier war es umgekehrt. Ich hatte den perfekten Plot, aber kein Setting, und das hieß, als der November kam und ich mich an die Arbeit machte, hatte ich zwar alle Farben, aber buchstäblich keine Leinwand. Dafür hatte ich gesundheitliche Probleme. Ich hatte im Frühling dieses Jahres – immer noch 2008 – meine erste Psychose erlitten, und als ich fürchtete, wieder eine zu bekommen, stieg ich aus dem Nanowrimo aus, nach vier Tagen und mit nur 6.016 geschriebenen Wörtern. Geisterlied, so sehr ich es liebte war gescheitert. Und in den folgenden Jahren gelang es mir nicht, aus der plotüberfrachteten Bauruine etwas sinnvolles zu machen. Ein paar Seiten kamen hinzu, mehr nicht. Die Geschichte, in die ich mich so sehr verliebt hatte, schmeckte nur noch bitter. Aber aufgeben wollte ich sie nicht. Dieses Buch war kein Fall für den Romanfriedhof.

Drei Jahre gingen ins Land. Es wurde 2011, und wieder nahte der Nanowrimo – und ich wollte etwas Großes wagen. Nicht einen Nano schreiben, sondern derer zwei. Ein neues Buch – und Geisterlied. Im Nanowrimo war das Buch gescheitert, dann sollte es auch im Nanowrimo gerettet werden. Und ein Setting hatte ich jetzt auch. Nicht mehr irgendwas diffus phantastisch-japanisches. Die japanophilen Motive waren immer noch da, dafür ähnelten meine Geister zu sehr den Youkai und Mushi der japanischen Mythologie. Aber meine – damals noch zukünftigen – Schwiegereltern hatten in der Zwischenzeit einen Urlaub am Bodensee verbracht, und als ich die Fotos sah von den Pfahlbauten, machte es bei mir Klick. Der Bodensee wurde zu meinem großen See. Anata zog in ein Pfahlhaus. Aus dem mittelalterlichen Japan wurde die Bronzezeit. Und meine Figuren erwachten zum Leben. Mein Schwager im Umgang mit meiner damals noch sehr kleinen Nichte inspirierte mich zu Anatas Vater Taro, dem Korbflechter. Mein Dorf wurde nicht groß, aber es wurde lebendig. Die Fischer bauten sich Schlittenboote, um im Winter auf den zugefrorenen See hinauszufahren. Die Kinder riefen Abzahlreime. Mein Setting war da. Und um das Dorf und den See herum entstand mein Roman.

Es war nicht einfach, und es war keine große Liebe. Die Mohnkinder, mein anderes Romanprojekt, flutschten nur so aus meiner Feder, und Percy, damals noch brandneu, machte Spaß. Geisterlied war Arbeit. Ich wollte, dass das Buch endlich fertig werden sollte, damit ich einen Schlussstrich drunter machen konnte, und schrieb jeden Tag brav mein Pesum. Mir gefiel das, was herauskam, mehr als die Arbeit daran. Diesmal scheiterte ich nicht. Diesmal schaffte ich meinen Nanowrimo – aber ich schaffte ihn nur mit Ach und Krach und gerade so eben, und ich schaffte ihn, indem ich unter Zwang und Zeitdruck ausgerechnet die dramatischste Szene des ganzen Buches, den Kampf auf dem Eis, schrieb. Sowas ist nie gut. Ich beendete den Nanowrimo als Sieger mit einer Szene, die ich hasste – nicht nur vom Schreiben her, auch das Ergebnis. Ich konnte sie nicht ausstehen. Und als der Monat rum war, hatte ich keine Lust, daran weiterzuschreiben. Geisterlied, zu zwei Dritteln fertig, war zum zweiten Mal gescheitert.

In den folgenden Jahren versuchte ich mehrmals, die kritische Szene neu zu schreiben, aber ich kam einfach nicht an ihr vorbei, und das Buch lag weiter auf Halde. Wieder gingen drei Jahre ins Land. Fast. Denn diesmal beschloss ich, dem Trauerspiel ein Ende zu setzen. So viel fehlte schließlich nicht mehr an dem Buch. Ein Drittel, oder noch weniger – das muss zu schaffen sein. Als ich meiner Agentin das Projekt vorstellte, wusste ich, es gibt kein Zurück mehr. Sie mochte das Konzept und den vorliegenden Text. Ich versprach, es noch in diesem Sommer fertigzuschreiben. Dann kann es liegen bis zum nächsten Frühjahr, gut abgehangen überarbeitet werden und dann zur Jugendbuchmesse nach Bologna reißen. Und noch einmal wollte ich nicht bis zum November auf Geisterlied warten. Zwar habe ich es nicht geschafft, das Buch parallel zu Schattenklingen noch im Juli fertigzuschreiben. Aber ich bin jetzt auf die Zielgerade eingebogen. Das vorletzte Kapitel ist in Arbeit. Nicht mehr lange, und das Geisterlied ist ausgeträllert. Endlich. Sechs Jahre, und ein großer Kampf, neigen sich ihrem Ende zu. Und ich bin zufrieden.

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