KorrekTortourLesen

Überarbeiten ist etwas, das ich gerne langsam angehe und dann gründlich mache. Meinen Erstling Eine Flöte aus Eis habe ich zweieinhalb Jahre lang überarbeitet, ehe ich es dem ersten Verlag angeboten habe, und die deutlich dickere Spinnwebstadt habe ich in fast fünf Jahren dreimal von vorn bis hinten korrigiert, gut fünfzehn Prozent gestrichen und ein ganzes Kapitel neu geschrieben, und am Ende das Buch nur deswegen eingereicht, weil es für den Heyne-Wettbewerb war und ich es endlich mal aus den Füßen haben wollte. Aber das ist das Tempo, in dem ich sowas gern mache, gemächlich und gründlich. Und auch für Geigenzauber wollte ich alles richtig machen. Ich hatte einige tolle Betaleserinnen um mich geschart, denen die Idee gefiel und die mir mit ihren Tips helfen sollten, drei Überarbeitungsgänge in einem zu machen, denn daß ich diesmal keine drei Jahre warten wollte, das stand fest. Nein, das Ziel ist Leipzig 2011.

Aber dann fingen die Probleme an. So kurz nach der Fertigstellung war die Geschichte noch nicht gesackt genug, als daß ich mit der nötigen Distanz drangehen konnte, also ließ ich es erstmal noch einen Monat liegen, sammelte die Rückmeldungen der Betaleserinnen ein und versuchte dann, voll durchzustarten. Aber was eine geniale Hilfestellung sein sollte, hat mich letztlich kalt erwischt. Ich bin ein dankbarer Mensch. Wenn jemand seine Zeit opfert, um mir zu helfen, mag ich nicht widersprechen und das, was derjenige erarbeitet hat, schlecht machen, und prinzipiell gehe ich davon aus, daß die Leser meistens recht haben und Betaleser erst recht. Wenn ich mit externen Betalesern arbeite, übernehme ich daher meistens so gut wie alle Kritikpunkte.

Doch hier habe ich Rückmeldungen von einem halben Dutzend Betalesern, drei davon mit detaillierten Anmerkungen zu Text und Formulierungen, und das schlimme ist – die widersprechen sich zum Teil. Eine Betaleserin lobt explizit, daß Mia in jeder Situation plausibel bleibt, eine andere findet sich schlecht nachzuvollziehen. Wieder eine andere streicht mir Formulierungen an, auf die ich sehr stolz bin, und schlägt Änderungen vor, in denen ich meinen Stil nicht so wiederfinde. Und ich will keinem von denen wehtun, denn sie haben ihre kostbare Zeit geopfert, um mir zu helfen, und ich will nicht, daß sie mich hassen, wenn sie denken, ich ignoriere ihre Anmerkungen…

Und dann ist da noch das Problem mit der Zeit. Ich will den Text komplett selbst durcharbeiten und dann meine Anmerkungen mit denen der Betas vergleichen, aber mit vier parallel geöffneten Dokumenten und ständigem Hin-und-Her-Switchen komme ich kaum vorwärts, die Zeit läuft mir davon, die Agenten warten auf den Text, und ich erwische mich dabei, wie ich nur durch die Dateien hechte und nach langen, dicken Anmerkungen suche, kleine Kommentare kann ich kaum berücksichtigen, und ich hasse mich dabei und habe das Gefühl, daß ich meine Freunde und Helfer nicht ausreichend wertschätze und ihre Arbeit mit Füßen trete.

Am liebsten würde ich, wenn die Datei an meine Agentur raus ist und die das für Leipzig vorbereiten, noch eine ausführliche, langsame Überarbeitung hinterherschieben, aber es macht keinen Sinn, daß ich am Ende eine andere Textfassung habe als die Verlage – nachder, so ist es ja der Plan, gefällt ihnen gerade der Text, den ich hier gerade erarbeite. Denn besser als die Urfassung ist der ja auf jeden Fall. Doch vor der Konfrontation mit meinen Betalesern habe ich echt Schiß. Ich will ihnen am liebsten das fertige Buch schenken oder eine Exemplar aus einer selbstgemachten Print-on-Demand-Kleinstauflage für die tapfereren Helfer, aber ich habe Angst, daß sie dann enttäuscht sind, weil nicht alle ihre Vorschläge berücksichtigt worden sind. Oder ich habe eine angemarkte Stelle umformuliert, aber ganz anders als vorgeschlagen…

Mir fehlen die Erfahrung im Umgang mit externen Betalesern, normalerweise, wenn ich mir schon fünf Jahre Zeit nehme, mache ich alles selbst, und ich denke, in Zukunft werde ich das auch für die Arbeit unter Zeitdruck so machen. Nicht, weil meine Betas nicht gut sind, aber weil sie zu gut sind für mich. Ich fühle mich, als würde ich ihnen mit jeder unberücksichtigten Anmerkung ins Gesicht schlagen und das Herz brechen. Ich denke, für die Gauklerinsel nehme ich nur noch Kommentare im Rezensions- oder Gutachterverfahren an. Die finden dann zwar nicht alle Fehler, aber ich kann selbst besser damit umgehen. Was bin ich doch für ein feiges Stück. Ich muß wirklich lernen, den Leuten ins Gesicht zu sehen und zu sagen »Danke, daß du dir die Arbeit gemacht hast, aber ich sehe das anders.« Vielleicht bekomme ich diese Routine. Auf die Dauer. Nur noch nicht jetzt.

Morgen schicke ich die erste Hälfte der korrigierten Fassung an meine Agentur. Und trotz allem Gejammer hoffe ich für Leipzig das Beste.

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