Die Prophezeiungen der Maja

Prophezeiungen nehmen in der klassischen Fantasyliteratur immer eine besondere Rolle ein. Ich glaube, mit dem jüngsten Siegeszug der urbanen Fantasy sind die Prophezeiungen etwas ins Hintertreffen geraten, aber betrachtet man das Gros der phantastischen Literatur, sind sie nicht wegzudenken. Auch ich habe schon die eine oder andere Prophezeiung verfaßt, zwei besoners schöne davon sogar in gereimten Versen: Die erste entstand 1995 für die legendär fragmentarische Öbba, genannt »Die Weisung«, weil Dateinamen damals nur acht Zeichen haben konnten und »Weissagung« folglich nicht gepaßt hätte.

Die zweite, um die es hier gehen soll, stammt aus dem Jahr 1997 und wurde für Die Spinnwebstadt verfaßt. Aber was, wenn sie sich gar nicht auf das Land Astulelah bezogen hätte, sondern auf unsere eigene Welt? Ich werde diese Prophezeiung nun einem Wahrheitscheck unterziehen, um zu zeigen, wie viele der vorhergesagten Ereignisse tatsächlich eingetreten sind. Damit gedenke ich zu beweisen, daß a) ich ein ganz grandioser Prophet bin und b) alle Prophezeiungen Tinnef, denn irgendwie lassen sie sich immer auf die Realität zurechtbiegen.

In der Geschichte handelt es sich bei den nun folgenden Reimen um die Nachdichtung einer vermeintlich uralten elbischen Prophezeiung – ob diese in Wirklichkeit von dem Zauberer Sandor als Köder ausgelegt wurde und abgefaßt, nachdem alle Ereignisse schon eingetreten waren, sei mal dahingestellt. Fakt ist, sie stammt aus der zweiten Hälfte des Jahres 1997, nehmen wir mal an, sie ist zum Jahresende entstanden – dann kann alles, was ab 1998 geschehen ist, als geweissagt betrachtet werden. Und nun folgt, Zeile für Zeile analysiert, die legendäre Prophezeiung:

»Frei fliegt der Schwarze Drache und die Glasstadt liegt in Scherben,

Lassen wir den Drachen mal außen vor, er ist ein Fantasyelement, und metaphorisch kann man ihn auf vieles beziehen: Vom Düsenjäger über Spionagedrohnen, über die Aschewolke, die 2010 den europäischen Flugverkehrt lahmgelegt hat, bis hin zum entsetzlichen Cataclysmus, der kürzlich Azeroth heimgesucht hat – und World of Warcraft ist sicher ein äußerst realer Bestandteil unserer Welt. Was die in Scherben liegende Glasstadt angeht, sollte aber klar sein, daß damit nur der Anschlag auf das World Trade Center vom 11. September 2001 gemeint sein kann – klar und deutlich vorhergesagt vier Jahre früher.

das Königshaus in seinem Blut, und nur der Letzte lebt,

Ein Blutbad löschte am 1. Juni 2001 nahezu alle Angehörigen des nepalesischen Königshauses aus, als Täter des gilt Kronprinz Dipendra, der anschließend selbst seinen – vermeintlich selbst beigefügten – Verletzungen erlag. Überlebender war Dipendras Onkel Gyanendra, der bis zu seinem Abdanken im Jahre 2008 König von Nepal wurde. Ich habe die Ereignisse schon damals eindeutig auf meine Prophezeiung bezogen.

Zieht aus, die Welt zu retten, denn der Menschheit droht Verderben,

Das ist jetzt ein bißchen schwammig. Wenn wir dem letzten Bezug folgen, ist damit immer noch Gyanedra von Nepal gemeint. Aber wir können sagen, ausgezogen ist er ja quasi, als er abgedankt hat. Der königliche Palast sollte danach in ein Museum umgewandelt werden. Inwieweit aber das Wohlergehen der Menschheit davon abgehangen hat, vermag ich nicht zu sagen. Verderben droht uns natürlich so oder so immer und überall.

und ist bald glücklich heimgekehrt weil sonst die Erde bebt.

Ich muß nicht wirklich aufzählen, wie viele Erdbeben wir seit 1998 hatten, oder? Spontan erinnere ich mich an eines in der Türkei, im Iran und mehrere in Chile; die Wikipedia listet im fraglichen Zeitraum nicht weniger als 83 Erd- und Seebenen – genug, um auch diesen Punkt als belegt zu betrachten.

Wenn jener seine Pflicht nicht tut muß bald ein jeder sterben.

Bißchen generell gehalten. Bis lang ist noch nicht die ganze Menschheit ausgestorben. Aber wenn man spitzfindig an die Sache herangeht, ist ja nicht explizit von Menschen die Rede. Es könnte ja auch der chinesische Yangtse-Delphin gemeint sein, und der ist aller Wahrscheinlichkeit nach in der Zwischenzeit ausgestorben.

Die Vögel stürzen aus der Luft, bis nur die Krähe schwebt.

Das hätte ich bis vor wenigen Wochen auf die Vogelgrippe bezogen, die uns, bevor sie hysterietechnisch von der Schweinegrippe abgelöst wurde, mehrere Jahre lang in Atem gehalten hat, aber es geht noch besser: So fielen zum Beispiel in der Silvesternacht 2010 auf 2011 in der amerikanischen Kleinstadt Beebe, Arkansas, an die 5.000 Rotschulterstärlinge tot vom Himmel. Ursache: Noch unklar. Aber ziemlich eng an meiner Prophezeiung, nicht wahr? Und Krähen zählen als intelligent und robust. Die dürfte es also noch eine Weile geben.

Bricht an der letzte Sonnenschein dem letzten Königserben,

Zurück zu Ex-König Gyanedra von Nepal: Der lebt noch. Hier also noch kein Treffer. Ich verspreche aber eine erneute Untersuchung dieses Falles, wenn Gyanedra das Zeitliche segnet. Das kann aber noch dauern, er ist gerade erst Anfang 60, und ich möchte ihm jetzt nicht das Schlimmste wünschen – schon allein, weil dann ja offensichtlich die Welt untergeht. 2012, vielleicht?

dann lacht der Kobold, schreit der Fuchs, doch still die Spinne webt.

Meine Bekanntschaft mit Kobolden hält sich derzeit noch in Grenzen, und wie viele von denen lachen, kann ich schlecht sagen. Der bekannteste Kobold ist natürlich der Pumuckl, und der darf, nach einem Gerichtsturteil von 2008, künftig auch heiraten – vorausgegangen war ein Streit zwischen der Autorin Ellis Kaut und der Zeichnerin des Klabauternachfahren, Barbara von Johnson. Da lacht der Kobold also ganz sicher.

Und schreiende Füchse? Dem Internet entnehme ich, daß 2004 in Deutschland noch fünf Fälle von Fuchstollwut aufgetreten sind. Seit 2008 gilt Deutschland als Tollwutfrei, dafür wird derzeit Bali von einer Epidemie heimgesucht, und auch Slowenien leidet heftig unter der Tollwut. mit balinesischen Füchsen kenne ich mich ja nicht aus, aber zumindest in Osteuropa ist der Fuchs weiterhin einer der Hauptinfektionsträger (deutlich vor der Fledermaus). Und Spinnen? Die Spinnen. Immer und überall, vor 1997 und danach. Klar. Aber im Mai 2010 wurde vermeldet, daß Forscher das Geheimnis der Spinnenseide enträtselt haben. Ich zähle das also auch als Treffer.

Was bleibt also für ein Fazit? Die Tatsache, daß das Fortbestehen der Menschheit am Leben von Gyanedra hängt. Und ansonsten alles, aber wirklich alles, was ich 1997 prophezeit – und das sehr detailliert, das muß man mir lassen! – habe, auch eingetreten ist. Früher oder später war damit zu rechnen. Ich betrachte das jetzt mal als ‚früher‘. Das waren also die Prophezeiungen der Maja. Und die Maya? Die dürfen einpacken. Und das nicht erst 2012.

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