Ich hatte im Leben immer zwei Traumberufe – Schriftstellerin wollte ich sein, und Bibliothekarin. Nein, das stimmt so natürlich nicht ganz. Ziemlich lange, so von meinem neunten bis zum zwölften Lebensjahr, wollte ich ein Seeräuber sein. Aber dann Schriftstellerin. Es erschien mir genauso unrealistisch wie Seeräuber, wenn ich ehrlich war. Schließlich hatte ich nie eine Geschichte fertiggeschrieben, zum anderen ging ich davon aus, dass ich sowieso nie einen Verlag für meine Sachen finden würde. Ich brauchte also auch einen realistischeren Traumberuf. Da kamen und gingen die Ideen. Regisseurin, spuckte der Computer im BIZ aus. Das klang toll – aber realistisch war das auch nicht.
Chemie, das liebte ich auch. Mein Lieblingsfach – eines meiner Lieblingsfächer, hieß das, aber von meinen anderen Lieblingsfächern unterschied es sich darin, dass Chemie eine Männerdomäne war, in die ich eindringen konnte. Die Idee gefiel mir. Chemie studieren, dann auf Toxikologie spezialisieren und am Ende in der Gerichtsmedizin arbeiten. Ich liebte Krimis, interessierte mich für Giftmorde, das klang alles super. Bis ich als Oberstufenschülerin in der Berufsberatung des Arbeitsamts saß und fragte, wo ich am besten studieren sollte, um diesen Berufsweg einzuschlagen – und der Berufsberater meinte, in Deutschland gäbe es weder Toxikologen noch Gerichtsmediziner. Es stimmte nicht, aber ich glaubte ihm. Hatte ich eine andere Wahl als ihm zu glauben? So fragte ich, aus dem Blauen heraus, »Was ist mit Bibliothekswesen?«
Das klingt jetzt nach einer Notlösung. In Wirklichkeit war das der Moment, in dem ich erkannte, wo meine eigentliche Berufung lag, und meine wahre Liebe. Ein Beruf, der mich schon seit Jahren begleitete. Ich war im siebten Schuljahr, als ich bei den älteren Schülerinnen, die in der Schülerbücherei mitarbeiteten, fragte, ob ich mitmachen könnte. Das kostete mich viel Mut, aber es sollte sich auszahlen. Bis zum Beginn der Oberstufe hatte ich damit einen Ort, wo ich in der Pause hingehen konnte, nicht mehr allein rumsitzen. Aus zwei Öffnungstagen in der Woche wurden unter meiner Fuchtel fünf. Und ich liebte es.
Als ich in die Oberstufe kam, qualifizierte ich mich für eine Schülerhilfstätigkeit in der Stadtbücherei. Die Warteliste dafür war lang. Aber ich stand da schon seit Jahren drauf. Hatte ich mich da selbst eintragen lassen, oder waren das meine Eltern? Ich weiß es heute nicht mehr. Aber so fing ich meine erste bezahlte Stelle an. Für sechs D-Mark die Stunde stellte ich die Regalordnung im Jugendbuch wieder her, verbuchte Rückgaben, schrieb Mahnungen, reparierte zerlesene Bücher, zählte zurückgegebene Spiele durch. Es machte einen Riesenspaß. Nach zwei Jahren stieg mein Gehalt auf sieben D-Mark. Von dem Geld machte ich eine Interrailtour. Ich war glücklich in der Bibliothek. Zuhause. Unter Freunden.
Und so, als die Augen des Berufsberaters aufleuchteten, weil ich nach etwas gefragt hatte, von dem er schon mal gehört hatte, ging ich den nächsten Schritt. In Köln gab es eine eigene Fachhochschule für Bibliotheks- und Dokumentationswesen. Und die Stadt Köln mit ihrer reichen Geschichte und ihren schönen Kirchen liebte ich auch. Es fiel mir leicht, mein westfälisches Dorf hinter mir zu lassen und an den Rhein zu ziehen. Zum Wintersemester 1994/95 fing ich in meinem wahren Traumberuf an und studierte Öffentliches Bibliothekswesen. »Schön, dass Sie da sind«, begrüßte uns hundertzwanzig Erstsemester am ersten Tag der Orientierungswoche der Prof. »Denken Sie nicht, dass Sie später einen Job bekommen.«
Es waren düstere Zeiten für das Bibliothekswesen. Zweigestellen wurden geschlossen, Bücherbusse fielen weg, Stellen wurden gestrichen. Am Ende des ersten Semesters waren wir noch achtzig. Als ich nach sechs Semestern mein Diplom in Empfang nahm, war ich noch einer von zwanzig erfolgreichen Absolvent:innen. Wenn ich heute in Dark Academia-Romanen von geheimen Instituten mit rigorosem Aussiebungsverfahren lese, denke ich an meine FH-Zeit zurück. Wir ÖB’ler waren speziell. Niemand wird ohne Not ausgerechnet Bibliothekarin. War ich mein Leben lang Außenseiterin gewesen, war ich jetzt endlich unter Meinesgleichen. Ich fand innerhalb weniger Tage Freundinnen, darunter eine fürs Leben, und allein dafür schon lohnte sich das Studium. Auch meinen Mann hätte ich ohne diese Freundschaften nie kennengelernt. Also, es war nicht vergebens.
Es führte nur, nachdem das Studium rum war, zu keiner Anstellung. Es war die Zeit, als zwar Universitäten und ihre Bibliotheken an das Internet angeschlossen waren, aber Privatpersonen noch nicht. Wenn Stellen ausgeschrieben waren, erfuhr ich davon nicht. Zwei, drei Stellen alle zwei Monate in der Zeitschrift »Buch und Bibliothek«, auf die ich mich immer beworben habe, egal wo in Deutschland sie lagen. Einmal wurde ich tatsächlich auf ein Vorstellungsgespräch eingeladen. Ich bekam die Stelle nicht. Meine Eltern unterstützten mich finanziell, bis sie mir nach sechs Monaten die Pistole auf die Brust setzten: Mach eine Ausbildung. Buchhandel ist auch nett. Und denk mal, dann hast du eine doppelte Qualifikation!
So wurde ich auch noch eine Buchhändlerin. Jahrgangsbeste in meiner IHK-Abschlussklasse. Ich habe noch heute die Urkunde, die ich dafür bekommen habe. Und ich mochte auch den Buchhandel. Die Zahlen lagen mir. Aber ausgerechnet Beratungsgespräche nicht. Ich kann Bücher kritisch rezensieren, nicht verkaufen. Die Idee, jemandem Geld abzuknüpfen für Bücher, die mir selbst nicht lagen, behagte mir nicht. Meine Dienstleistungsmentalität wollte immer durchbrechen, Informationen verschenken statt verkaufen. Es ging nicht gut. Mein Ausbildungsbetrieb konnte mich nicht übernehmen, die Stelle drauf verlor ich in der Probezeit.
Es folgte eine Odyssee. Anderthalb Jahre in einem Pharmavertrieb, bis der in die Insolvenz ging. Arbeitslosigkeit. Umzug ins Münsterland. Ein Jahr und zwei Monate in einem Druckkostenzuschussverlag, eine Zeit, über die ich mal einen langen Blogbeitrag verfasst habe, den ich mich nicht zu posten traue aus Angst, dass die mich verklagen. Es war ein Jahr aus der Hölle, so viel kann ich sagen. Dann wieder Arbeitslosigkeit. Dann Buchhandelsmarketing. Meine zweite Probezeitkündigung. Und wieder Arbeitslosigkeit. Dann, endlich, eine Stelle im Bibliothekswesen. Ein Zeichen des Himmels.
Ich zog nach Aachen, zog nach zehn Jahren Fernbeziehung mit meinem Freund zusammen. Die Arbeit in der Unibibliothek war spannend. Sie hatte nur nichts mit dem zu tun, wegen dem ich mal studiert hatte, und nichts mit dem, was ich in der Schul- oder Stadtbücherei getan hatte. Ich arbeitete an der Hochschulbibliographie mit, machte Bibliometrie, half, die Publikationen der Aachener Forschenden zu evaluieren, damit Gelder verteilt werden konnten. Die Stelle war befristet. Zweimal wurde der Vertrag verlängert. Dann hätte ich entfristet werden müssen – und bekam die Kündigung. Ich war erleichtert. Es war nicht die Arbeit, die ich machen wollte. Nicht bis zur Rente. Das, was ich wirklich tun wollte, war schreiben.
Mein Partner und ich setzten uns zusammen, schmiedeten Pläne, rechneten alles durch. Dann machte ich mich selbständig. Wir heirateten, in erster Linie, damit ich eine Krankenversicherung hatte und natürlich auch aus Liebe. Und ich biss mich durch. Zwei Jahre bis zur ersten Veröffentlichung. »Das Puppenzimmer« verkaufte zehntausend Exemplare, über die Jahre zumindest. Der Anschlusserfolg blieb aus. »Geigenzauber« floppte. Bis zur nächsten Veröffentlichung sollte es fünf Jahre dauern. »Die Spiegel von Kettlewood Hall«, 2018, noch ein Flop. »Die Neraval-Sage« in drei Bänden, auch kein großer Erfolg, zwei Jahre nach Erscheinen des dritten Bandes vergriffen gemeldet.
Wo es klappte, war dann im Kinderbuch. Mit Oetinger habe ich inzwischen drei Bücher veröffentlicht, weitere sind geplant. Meine »gehörnte Prinzessin« erscheint, frisch preisgekrönt, bei Arena. Meine besonderen Bücher haben ihre Nische gefunden. Nur sind »besondere Bücher« und »Nische« nichts, womit man reich wird. Selbst in guten Jahren lag mein Jahreseinkommen immer nur im mittleren vierstelligen Bereich. Davon leben? Ein Ding der Unmöglichkeit. Ich lebte unterstützt von meinem Medizintechniker-Ehemann. Steuerklasse drei für ihn, fünf für mich, und damit trotzdem noch jedes Jahr unter der Freigrenze.
Letztes Jahr bin ich fünfzig geworden. Das ist ein Alter, da fängt man an, sich über die Rente Gedanken zu machen. Meine ist, zum gegenwärtigen Stand, kläglich. Ich habe ja nie irgendwo wirklich lang gearbeitet. Was ich hatte, war die Aussicht, zu schreiben, bis mir der Tod den Griffel aus der Hand schlägt. Ich schreibe gerne. Aber der Druck, um jeden Preis veröffentlichen zu müssen, hat mich plattgemacht. Der Buchmarkt ist ein Haifischbecken. Darin zu überleben, ist nicht das, was ich mir unter meinem Traumberuf vorgestellt habe. Zum Selfpublisher werden? Dazu fehlt mir das Zeug. Ich habe kein Verkaufstalent, nicht mal für meine eigenen Bücher. Und ich hätte da nicht mehr verdient als als Verlagsautorin. Ich hänge an meiner Agentur, an meinen Lektorinnen. Ich will nur den Druck rausnehmen.
Dann wurde mein Mann krank. Burnout und Corona-Nachwehen. Es wurde nicht besser. Inzwischen ist er auf eine Teilzeitstelle runtergegangen, aus gesundheitlichen Gründen. Und plötzlich sah ich mich in der Situation, zurückzugeben. Jahrelang habe ich mit von meinem Mann unterstützen lassen. Jetzt kann ich das umkehren. Ich habe mich, ohne wirklich viel zu erwarten, auf eine Stelle als Bibliothekarin beworben. Meine Traumstelle. Eine Kleinstadtbücherei, im Nachbarort gelegen. Arbeit mit Kindern, Öffentlichkeitsarbeit, halbe Stelle, damit ich immer noch schreiben kann … Und das Wunder trat ein. Ich bekam eine Zusage.
Morgen ist mein erster Arbeitstag. Und ich sitze hier, aufgeregt, pendelnd zwischen Freude und Angst. In Endlosschleife läuft die Oysterband aus meinen Boxen: »Work like you were living in the early days of a better nation!« – das höre ich immer, wenn ich eine neue Stelle antrete. Was ja schon ziemlich oft war. Aber diesmal ist es anders. Diesmal soll es für immer sein. Bis zur Rente, zumindest. Die Stelle ist unbefristet – das ist im Bibliothekswesen immer noch eine Seltenheit. Ich muss sechs Monate Probezeit überstehen, das macht mir etwas Angst. Gut, sehr viel Angst. Aber vor allem freue ich mich. Ich will arbeiten wie in den frühen Tagen einer neuen Nation.
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