Autorkorrektur II

Mein Name ist Ilisch, die unsterbliche Zauberin in der Neraval-Sage heißt Ililiané – da kann man leicht auf die Idee kommen, dass sie so etwas wie mein Alter Ego ist. Aber das stimmt nicht. Ililiané ist meine Rache.

Ich habe doch eigentlich einen einfachen Namen. Nur sechs Buchstaben, auf Russisch sogar nur vier, weil das sch ein eigener Buchstabe ist – easy peasy, sollte man meinen. Da haben es Kollegen von mir viel schwerer – meine Autorenfreundin Sabrina Železný schreibt sich mit zwei Sonderzeichen, die man nicht so einfach auf der Tastatur findet, und die arme Lisa Dröttboom hat mit Doppelvokal und -konsonant so viel Falschschreibpotenzial, dass die Leute, wo sie schon mal dabei sind, auch noch gleich ihren Vornamen verhunzen. Aber Ilisch, kann man da viel falschmachen? Spoiler: Man kann.

Der Name Ilisch hat deutschpolnische Wurzeln – meine ahnenforschenden Eltern vermuten, dass er auf das polnische Wort ulica, Straße, zurückgeht. Es ist kein besonders häufiger Name, gelinde gesagt – ein paar Dutzend Namensträger finden sich in Deutschland, und die sind alle mehr oder weniger mit mir verwandt. Und sie alle, wie ich auch, haben ein Problem: Die Leute schreiben den Namen ganz selbstverständlich mit Doppel-L und machen Illisch draus.… Weiterlesen

Nicht alle Löffel im Schrank?

Ich weiß nicht mehr, wann ich das erste Mal der Löffeltheorie begegnet bin, aber plötzlich sehe ich sie überall – eine Metapher, um zu verdeutlichen, wie Menschen mit Depressionen und anderen chronischen Krankheiten selbst für alltägliche Dinge nicht die nötige Energie aufbringen, weil alles, was sie tun, an ihrer Kraft zieht, am Beispiel von einem Kontingent Löffel, von denen man einen nach dem anderen abgeben muss. Versteht mich nicht falsch, ich finde es wichtig, dass die Leute verstehen, welche Herausforderungen der Alltag an chronisch kranke Menschen stellt, auch wenn man nicht vierundzwanzig Stunden mit Kranksein beschäftigt ist. Nur, von allen Dingen, die Kraft, Energie und Ausdauer verkörpern … Löffel?

Ehrlich, das Löffelbild hinkt, aber gewaltig. Mir reicht ein einziger Löffel. Ich kann damit meine Cornflakes essen, den Tee umrühren, Grünkohleintopf in mich hineinschaufeln, lasse einmal Wasser drüberlaufen und kann ihn am nächsten Tag wiederverwenden. Die Löffeltheorie stammt aus Amerika, wo andere Redewendungen üblich sind, aber im Deutschen buchstablich den Löffel abgeben – das habe ich so schnell nicht vor. Mir mangelt es nicht an Löffeln. Mir mangelt es an Kraft.

Stellt euch keine Schublade mit Löffeln vor. Denkt an einen Akku, der in Null-Komma-Nichts den Geist aufgibt, selbst wenn man keine anstrengenden Aufgaben mit dem Gerät gemacht hat – und nach einer Nacht am Strom ist das Mistding noch nicht einmal voll geladen.… Weiterlesen

Anderswo als Glücksstadt

Alle paar Jahre kommt das vor, und jetzt ist es wieder passiert: Ein Traum, so fesselnd und packend, dass ich ihn gleich nach dem Aufwachen als Roman niederschreiben könnte. Ich träume immer sehr kreativ, sehr wild und intensiv, aber üblicherweise auch entsprechend wirr, und das wenigste, das im Traum selbst noch wie ein echt toller Plot erscheint, sieht auch im Wachzustand so aus. Aber manchmal werde ich wach, und der Traum hält das Tageslicht aus und ist immer noch eine tolle Geschichte. Auf diese Weise ist »Geisterlied« entstanden, und die Grundidee der auf Eis liegenden »Kinder des Hauses Otrempa«, und nun stehe ich da mit Glücksstadt.

In meinen Träumen bin ich üblicherweise nicht ich selbst. Figuren aus meinem täglichen Umfeld treten in den allerwenigsten meiner Träume auf, sie haben ihr eigenes Setting, ihre eigenen Haupt- und Nebenfiguren, aber sie werden trotzdem beeinfluss von meinem eigenen Leben. Oder, in diesem Fall, den Hobbys meines Mannes. Der ist, wie ich auch, leidenschaftlicher Gamer, aber wir spielen unterschiedliche Spiele. Ich mag Puzzlespiele, Egoshooter, Walkingsimulatoren, während mein Mann in Strategiespielen nd Simulationen aufgeht. Jetzt haben es die Städtebausimulationen in meinen Traum geschafft und sich dort selbständig gemacht.

Disclaimer: Ich habe selbst noch nie eine Städtesim gespielt und habe mein Wissen aus zweiter Hand, aber mein Eindruck ist, dass neben dem Einkommen, das eine Stadt generiert, die wichtigste Währung im Spiel die Zufriedenheit der Einwohner ist.… Weiterlesen

Der Romanfriedhof: »Die Öbba«

Während ich bei meinem »Gefälschten Land« immer noch mit dem Ende kämpfe – und, versprochen, Fortschritte mache – komme ich hier wieder einmal zurück auf ein Buch, das nie auch nur in die Nähe des magischen Wörtchens »Ende« gekommen ist, sondern auf dem Romanfriedhof gelandet ist. Bei den meisten Büchern, die ich in dieser Kategorie vorstelle, bin ich auf die eine oder andere Weise traurig, dass sie gescheitert sind. Hier nicht. Denn bei diesem Buch ging es um ganz andere Sachen: Um den Weg, um die Entwicklung – und um die Freundschaft.

Im Herbst 1994, nur durch einen sechswöchigen Amerikaaufenthalt von meinem Elternhaus getrennt, begann ich mein neues Leben als Studentin. Hundertfünfzig Kilometer von der Heimat entfernt, die erste eigene Wohnung, auf eigenen Beinen, stolz eingeschrieben an der Kölner Fachhochschule für Bibliotheks- und Dokumentationswesen (FHBD, das wird nachher noch wichtig). Ich denke gerne zurück an meine Kindheit, aber diese drei Jahre meines Studiums waren unterm Strich die besten drei Jahre meines Lebens.

In der Schule war ich eine Außenseiterin, was eine euphemistische Beschreibung ist für »jahrelanges schweres Mobbing«. Auch wenn ich jenseits der Grundschule nicht mehr jeden Tag auf dem Heimweg verdroschen wurde, auch wenn ich später immerhin Anschluss an eine Clique hatte: wirklich dazugehörig habe ich mich nie gefühlt, ich war immer ein Fremdkörper, und ich habe es jedem, der ein Opfer zum Hänseln suchte, wirklich extrem leicht gemacht, so plakativ und unbelehrbar war ich in meinem Anderssein.… Weiterlesen

Kunst kommt von Können?

Ich hatte das große Glück, in einer Familie aufzuwachsen, in der wir Kinder nach unseren Talenten und Interessen gefördert wurden. Meine schriftstellerischen Ambitionen, die ich schon in einem Alter, als mein Berufswunsch noch »Seeräuber« lautete, hatte, wurden ernstgenommen und nicht ausgelacht – aber das gleiche galt auch für meine anderen Begabungen. Natürlich war ich schon von kleinauf ein Geschichtenerzähler – aber ich habe auch den ganze Tag gesungen und ein Bild nach dem anderen gemalt.

Am Ende der Kindergartenzeit hatte ich die dickste Bildermappe der gesamten Einrichtung. Später brachte meine Mutter, die selbst eine begabte und begeisterte Zeichnerin war, mir diverse Tipps und Tricks bei, ich nahm an einem Portraitzeichenkurs für Jugendliche statt und genoss den wirklich sehr guten Kunstunterricht an meiner Schule. Während meine Eltern fanden, dass man Geschichtenschreiben nicht wirklich lernen kann, außer durch machen, bekam ich Gitarrenunterricht an der Musikschule, sang in meiner ersten Folkband, schrieb Lieder, und malte, worauf ich Lust hatte.

So ging ich auch durch Studium und Berufsausbildung: Ich schrieb, machte Musik, und malte, alles mit Leidenschaft und durchaus netten Ergebnissen. Aber es kristallisierte sich heraus, dass meine Hauptbegabung doch eindeutig im Schreiben lag. Und während ich immer weiter Musik machte und in der Filkszene eine Community fand, in der ich mit meinen schrägen Liedern gut hineinpasste und Erfolgserlebnisse hatte, wenn auf den Conventions das Publikum lauthals mitsang, blieb meine Kunst immer weiter auf der Strecke.… Weiterlesen

Einmal Liebe und zurück

Als Autorin verfüge ich über eine besondere Gabe: Ich bin in der Lage, meinen Roman auch in der allerersten Rohfassung zu lieben. Ich kann mein unfertiges Buch lesen, als wäre es der heißeste Scheiß, und mein Innerer Kritiker lobt das Potenzial der Geschichte und ist ganz begeistert, wie viel man da noch rausholen kann. Wenn es drauf ankommt, bin ich mein größter Fan. Das ist, habe ich gelernt, nichts Selbstverständliches – viele Autoren tun sich schwer, ihre Bücher zu lesen, ohne nur über die Schwächen zu stolpern. Aber ich bin sehr gut darin, meine Bücher von vorn bis hinten zu lieben.

Natürlich, auch ich habe immer wieder Tage, wo ich mein Buch an die Wand klatschen möchte, wo ich mit einer Entwicklung absolut unzufrieden bin oder eine Szene hasse: Dann gehe ich ein bisschen auf Abstand, suche die Stelle, wo ich den Schnitt setzen muss, schmeiße raus, was mir nicht gefällt, und schreibe die entsprechende Szene neu. Das ist normal – auch wenn ich mein Buch unterm Strich liebe, muss ich doch immer imstande sein, die Schwächen darin zu finden. Schließlich will ich, dass es das Beste Buch der Welt wird. Aber mein Innerer Kritiker ist üblicherweise in der Lage, den Finger auf das zu legen, was verbessert werden muss und kann.… Weiterlesen

Sir Terry, die Spanische Inquisition, und ich

Heute vor sechs Jahren starb einer der größten Schriftsteller, die ich jemals die Freude hatte zu lesen, Sir Terry Pratchett – ein Mann, dessen warmherzige Philosophie mich zutiefst berührt hat und dessen Humor mich in einer vollbesetzten S-Bahn vor Lachen fast hat ersticken lassen. Es war bekannt, dass er an Alzheimer erkrankt war, doch sein Tod kam unerwartet und hat mich kalt erwischt.

Es war während der Leipziger Buchmesse, ich saß mit einigen anderen Tintenzirklern beim gemütlichen Abendessen, als die Nachricht reinkam und plötzlich alles ganz still wurde. Seitdem sind viele Leute gestorben, auch viele Autoren, aber es ist Sir Terrys Tod, der mir immer noch am nahesten geht. Terry Pratchett hat mein Leben durch mehr verändert als nur durch seine Bücher, und das hängt zusammen mit der Spanischen Inquisition.

Im März 2001 war Pratchett in Köln, im Rahmen der LitCologne trat er im Gürzenich auf. Die Karten waren fast sofort ausverkauft, und ich habe keine mehr bekommen, aber am Tag vor der Lesung bekam ich einen Anruf von einer Freundin – ich wäre doch ein Pratchett-Fan, ob ich Interesse hätte, auf die Veranstaltung zu gehen? Ihr Bruder hatte eine Karte, war aber verhindert, und für zehn D-Mark könnte ich seine Karte haben.… Weiterlesen