Trauma, Baby!

Man kann viel Spaß mit Verrückten haben. Zum Beispiel auf der Webseite parapluesch.de, wo man spielerisch psychisch kranke Kuscheltiere heilen kann. Da gibt es eine depressive Schildkröte, ein autistisches Nilpferd, ein Schaf mit multipler Persönlichkeitsstörung oder ein paranoides Krokodil. In niedlichen Flashanimationen wird der Patient psychoanalysiert, medikamentös behandelt, therapiert, und am Ende sieht man ihn ins Licht laufen. Das ist alles sehr nett, sehr süß, liebevoll gemacht und bietet eine Menge Langzeitspielspaß. Aber ist es deswegen auch gut? Nein. Ist es nicht.

Das Problem ist nicht einmal, daß hier psychische Erkrankungen zum Inhalt eines Spiels gemacht werden – wenn es nach mir geht, darf und muß man über alles lachen können, von mir aus auch über Erkrankungen, die mit Mord oder Selbstmord enden können. Die Kuscheltier-Patienten werden auch nicht bloßgestellt, erstaunlich ernst genommen, und erwecken im Spieler vor allem Mitgefühl. Nur widerwillig setzt man das Tier den Qualen von Elektroschocks aus, so hilfsreich die auch sein mögen, oder verpaßt ihnen eine Spritze mit bösen Psychopharmaka, die es dann gleich haluzinieren lassen. Und wenn man am Ende die Ursache der Störung kennt und das arme Vieh geheilt entlassen kann, ist man glücklich und erleichtert.

Aber genau das ist der Punkt. Das Spiel fördert den beliebten Glauben, daß psychische Erkrankungen immer auf ein traumatisches Ereignis zurückzuführen sind und, wird das dann aufgearbeitet, heilbar. Ich hatte mal eine Psychologin, die war auch so – versuchte alles auf meine Mutter zu schieben, die mich ja offenbar als Kind nicht genug geliebt hat. Aber die Wahrheit ist, die meisten psychischen Erkrankungen haben eine genetische Komponente und äußern sich durch Stoffwechselstörungen im Gehirn. Sie sind nicht eingebildet, keine Überreaktion auf ein schlimmes Erlebnis, sie sind Krankheiten. Wie Diabetes, wie Parkinson, wie Mukoviszidose: Mit dem Patienten stimmt etwas nicht, körperlich und nicht nur geistig.

Wie schön wäre es doch, wenn die Landläufige Meinung recht hätte! Einmal Psychoanalyse, bitte, und auf der Welt gibt es keine Verrückten mehr. Wobei, ehe sich jetzt jemand peinlich berührt fühlt, ich selbst als Betroffene lieber von verrückt spreche als von psychisch krank: Mit meiner Seele ist alles in Ordnung, vielen Dank. Mein Hirn ist in Unordnung. Aber ‚geisteskrank‘ darf man ja auch nicht mehr sagen… Es ist löblich, daß es Seiten wie Paraplüsch gibt, die diese Art von Erkrankungen entstigmatisieren wollen und eine erhöhte Sensibilität in der Bevölkerung erreichen. Doch sie machen es sich zu einfach und den Betroffenen zu schwer. Wenn wir so einfach heilbar sind, mit zwei, drei Sitzungen Gesprächstherapie und einmal Hypnose, sind wir ja alle selbst Schuld, wenn wir immer noch wagen, krank zu sein, nicht wahr?

Natürlich, Paraplüsch will unterhalten, amüsieren und am Ende die Patienten in Realitas als Plüschtiere verkaufen, lebensnah und liebevoll gefertigt. Hinter dem Angebot steht ein Whisky-Händler – irgendwie zynisch, weil gerade psychisch Kranke oft gefährdet sind, ihre Probleme mit Alkohol zu lösen. Dazu ein paar Binsenweisheiten, pseudowissenschaftliche Forenbeiträge, und jeder denkt, er sieht ein verniedlichtes Abbild der wahren schwarz-weißen Welt… Nein, sieht er nicht. Er sieht nur die ganz alltäglichen Vorurteile, denen man als Betroffener ausgesetzt ist. Und das ist am Ende schädlicher, als es ganz sein zu lassen.

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