Es gibt ein richtiges Ende im Fälschen

Die Kurzfassung ist schnell erzählt: Das Buch ist fertig. »Das gefälschte Land«, dritter und letzter Band der Neraval-Sage, ist abgeschlossen und geht überarbeitet an die Lektorin. Nachdem ich monatelang versichert habe, dass »wirklich nur noch ein paar Szenen fehlen«, nur damit sich immer mehr Löcher auftaten und immer neue fehlende Szenen dazukamen, ist damit jetzt Schluss: Das Buch ist fertig, wirklich. Fehlt nur noch das Lektorat, und das soll bis Ende des Monats über die Bühne sein – weil ich mit dem Schreiben nicht in den Quark kam, hatte ich die ersten Kapitel schon im Frühling überarbeitet, danach parallel zum Schreiben eine weiteres Kapitel nach dem nächsten bearbeitet, und jetzt kann ich nicht lange aufatmen, bevor die Anmerkungen von der Lektorin zurückkommen.

Die lange Fassung umfasst elf Jahre, die ich an der Trilogie gearbeitet habe (wobei die Idee selbst noch älter war und aus dem Jahr 2005 stammte), viel Schweiß, Blut und Tränen, einen ersten Band, der sich buchstäblich von selbst geschrieben hat, nur um mir dann im Lektorat um die Ohren zu fliegen, einen zweiten Band, der sechs Jahre als Fragment herumgelegen hat, um ihn dann komplett neu aufzusetzen, und einen dritten Band, den ich so oft neu angefangen und umgeschrieben habe, dass ich allein aus den rausgeworfenen Szenen mindestens ein weiteres Buch machen könnte. Knapp zwei Jahre hat allein die Schreiberei am »Gefälschten Land« gedauert, die Rohfassung kam auf unglaubliche 225.000 Wörter bzw. 865 Normseiten, in der Überarbeitung gekürzt auf 190.000 Wörter und 730 Seiten – schon für sich betrachtet, in der Rohfassung das längste Buch, das ich jemals geschrieben habe.

Ein Ende unter den Fälschern
Ein Ende unter den Fälschern

Die Arbeit ist mir nicht leicht von der Hand gegangen. Ich hatte gute Ideen, aber viele lose Enden – und den Druck, dass es gut werden muss. »Das gefälschte Herz« ist als Fortsetzung in meinen Augen eine Ecke stärker als der erste Band, »Das gefälschte Siegel«, und demzufolge musste ich auch für den dritten Teil noch mal eine Schüppe drauflegen. Ob mir das gelungen ist, kann ich gegenwärtig nicht sagen. Ich hoffe es, aber mir fehlt der Abstand, das zu beurteilen. Es hat viele sehr, sehr starke Momente, das weiß ich, aber ich bin noch nicht imstande, es als Gesamtbild zu bewerten, und wie es sich im Vergleich zum Band zwei macht … Es ist in vieler Hinsicht sehr anders geworden als die anderen Bücher, es hat Actionszenen, die sonst nicht mein Ding sind, setzt aber die menschlichen Dramen der ersten Bände fort. Der Schluss wird Leser überraschen, aber ob auf gute Weise, das kann ich noch nicht sagen. Aber das Buch ist fertig. Es ist fertig.

Die noch längere Fassung ist, dass ich noch nie einen Mehrteiler zuendegeschrieben habe. Ja, auf dem Papier besteht meine »Spinnwebstadt« (1997-2003) aus vier Bänden – aber das liegt einfach daran, dass der Copyshop, in dem ich damals meine Bücher binden ließ, das nur bis knapp über 200 Seiten konnte, sonst fielen sie auseinander, und so habe ich entsprechende Cuts gesetzt. Aber sonst? Von den »Chroniken der Elomaran« stehen vier Bände, der fünfte ist seit vielen, vielen Jahren in Arbeit und ruht seit bald zehnen. Von den »Schattenklingen« habe ich auch nur den ersten Band fertiggestellt – das sollte zwar auch mal eine Trilogie werden, aber auch hier hat sich seit Jahren nichts neues mehr getan. Jetzt habe ich es, endlich, geschafft. Echter, fetter Mehrteiler abgeschlossen, und ich fühle mich wie 1997, als ich zum ersten Mal einen ganzen Roman fertig hatte.

In der letzten Zeit habe ich viel darüber geredet, dass ich nur noch fertige Sachen bei den Verlagen anbieten will – also dass nicht nur Einzelbände komplett sein sollen, sondern ich auch Reihen so lange in der Schublade halte, bis auf der letzten Seite des letzten Bandes das Wörtchen »Ende« steht. Dass ich die Fälscher auf Basis des ersten Bandes verkauft habe und dann zwei und drei auf Zuruf schreiben musste, hat mich sehr angestrengt und mitgenommen, und es war psychisch über Strecken extrem belastend – eine Belastung, die ich ohne diesen Druck, dass die Serie bereits verkauft ist, nicht gehabt hätte.

Aber noch etwas wäre passiert, hätte ich nicht damals, als der zweite Band eigentlich vor die Wand gefahren war, den ersten verkauft: Ich hätte die Reihe nie fertiggeschrieben. Ohne den Druck, dass der Verlag den zweiten Band jetzt bitte endlich haben möchte, wäre er immer noch ein Fragment von sieben Kapiteln, und den dritten hätte ich nicht einmal angefangen. Und stünde jetzt hier, 46 Jahre alt, und hätte immer noch keinen abgeschlossenen Mehrteiler vorzuweisen. Natürlich, ich wäre mir sicher, das grundsätzlich zu können, aber … Ich hätte es nicht getan.

Und das ist etwas, darüber muss ich jetzt nachdenken. Was will ich? Will ich wirklich nur nach eigenem Zeitplan schreiben, worauf ich gerade Bock habe, und was nicht fertig wird, das wird eben nicht fertig? Wie wichtig ist mir psychische Entlastung gegenüber dem Gefühl, etwas richtig Großes geschafft zu haben, aus dem ohne den zusätzlichen Druck nichts geworden wäre? Das ist keine einfache Frage, und nichts, was ich mal eben so beantworten könnte.

Im letzten Jahr bin ich unter dem Druck kollabiert, hatte eine schwere Depression und musste dem Verlag sagen, dass ich es nicht schaffe, und ein Jahr später fühlt sich das immer noch wie eine Bankrotterklärung an. Nach der Sache weiß ich nicht, ob die Frage überhaupt noch offen ist, ob überhaupt jemals wieder ein Verlag riskieren wird, etwas Unfertiges von mir zu kaufen. Und ich schreibe gerne in meinem eigenen Tempo, und ich suche mir gerne nach Tagesform aus, woran ich arbeiten möchte. Und bei der Arbeit am dritten Band hätte ich viel dafür gegeben, den ersten noch mal an ein paar Stellen ändern zu können. Vieles spricht dafür, die Dinge wirklich erstmal in Eigenregie fertigzumachen.

Und doch: Diese Trilogie wäre sonst niemals fertiggeworden. Die letzten Tage waren eine Tour de Force. Ich habe unter größtem Zeitdruck ein Tagespensum von zehn Stunden, einschließlich Wochenenden, auf mich genommen, um die letzten fehlenden Szenen zu schreiben, während ich am anderen Ende unter Hochdruck und gründlich überarbeite. Es war Stress pur. Ich habe mich aber auch so lebendig gefühlt wie seit langem nicht mehr, und so zufrieden mit mir und meiner Arbeit. Das Gefühl, etwas zu schaffen, gibt mir genauso viel, wie das Gefühl, nichts zu schaffen, mir nimmt. Das Wissen, dass Leser auf den Abschluss der Trilogie warten, war ein riesiger Ansporn für mich. Das, was ich in den letzten Tagen geschafft habe – das will ich nicht missen. Es hat mir gutgetan.

Ich muss darüber nachdenken. In Ruhe.

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