Im Zeichen des Mohns

Vor knapp einem Jahr in einem Artikel am Volkstrauertag bin ich schon einmal auf ihn eingegangen: Den Armistice Day, der am 11. November in allen Weltkriegsländern außer Deutschland gefeiert wird und der an den Waffenstillstand erinnert, der 1918 das Ende des Ersten Weltkriegs eingeläutet hat. In England trägt man an diesem Tag zum Gedenken der Gefallenen, deren Massengräber in Flandern von Mohblumen überwuchert werden, eine – in Anbetracht der Jahreszeit künstliche – Mohnblume am Revers. Das spielt auch eine Rolle in der Literatur, zum Beispiel in Dorothy Sayers Ärger im Bellona-Club – und jetzt, Percy sei Dank, betrifft es auch mich. Denn nachdem ich mit diesem gutgelaunten Charakter in Klausur gegangen bin, stellte sich heraus, dass er in der Nachkriegszeit lebt, und auch wenn ich kurzfristig zur Zeit nach 1945 tendiert habe – eine Ära, über die ich ein sehr erfolgreiches mündliches Geschichts-Abitur geschrieben habe, bin ich dann doch etwas tiefer in die Vergangenheit eingetaucht und habe die Geschichte im England des Jahres 1921 angesiedelt.

Und plötzlich wuppte dann alles. Als die ersten Mohnblumen auftauchten, nahm der Plot Gestalt an. Und plötzlich ging es überhaupt nicht mehr um bespukte Waisenhäuser oder verschwundene Internatsschülerinnen. Wie schon das Haus der Puppen Gestalt annahm, als ich den Vorgarten mit Malven bepflanzte und dem Haus den Namen Hollyhock gab, wurden aus dem Percy-Buch die Kinder des Mohns. In einer Zeit, als England noch von den Folgen des Großen Krieges traumatisiert ist, verlieren die Shacklock-Zwillinge nach Vater und Bruder auch noch die Mutter und werden zu ihrem Großvater nach Wales verschickt, wo sie den Garten mit Mohnblumen bepflanzen und von Geistern heimgesucht werden. Der Geisterphotograph Percy Jessup, selbst vom Krieg schwer gezeichnet, kommt, um dem Geheimnis auf den Grund zu gehen. Soweit die allergröbste Handlung. Aber obwohl ich dachte, ich kenne mich mit der Epoche gut aus, verbringe ich fast mehr Zeit als mit Schreiben mit Recherchen.

Es soll ja alles stimmen. Und so habe ich tagelang im Internet alte Streckennetze und Fahrpläne gewälzt, damit Laurel und Ivy ihr Zugunglück auch unter den richtigen Umständen erleben – und das passende Unglück habe ich dann auch gefunden. Vorher spielte die Geschichte nämlich in Yorkshire, aber so viele Zugunglücke mit Todesfällen gab es 1921, zum Glück, nun auch wieder nicht. Bei Abermule in Wales stößt der Bummelzug von Whitchurch mit dem Schnellzug von Aberystwyth frontal zusammen, 26. Januar, alles sehr schön passend für mein Buch, und wie gut, dass es auch ein Onlinearchiv der britischen Zugunfälle gibt, wo von ‚Zug streift Kuh‘ bis zur Kathastrophe von Armagh mit 78 toten Schulmädchen alles verzeichnet ist. Soviel Spaß mit British Rail hatte ich zuletzt 1998 auf meiner Interrail-Reise.

Aber mit dem Zugunglück ist es nicht getan. Percy ist immerhin Geisterphotograph, also braucht er die passende Ausrüstung. Kameras der Zeit recherchiert und Percival mit einer Voigtländer Heliar-Camera ausgestattet, die von 1908 bis 1920 gebaut wurde und die für besonders schnelle Ḿomentaufnahmen geeignet war, also genau das, was man braucht, wenn der Geist nur für den Bruchteil einer Sekunde auftaucht und gleich im Bild festgehalten werden muss. Das ist, auch wenn es damals schon Filme gab, eine Plattenkamera. Also, photographische Verfahren recherchiert, um zu wissen, wie diese Platten entwickelt werden – auch wenn ich hier etwas improvisieren musste und mir noch nicht ganz sicher bin, die richtige Technik erwischt zu haben. Im Zweifelsfall werden mich nach Erscheinen wütende Photographen anschreiben, aber ich hoffe, so weit wird es nicht kommen…

Ja, und gestern habe ich drei Stunden damit verbracht, den passenden Hut für Percy zu finden, den er zu seinem Trenchcoat tragen kann – nur, um ihn dann in dem Satz »Er griff nach seinem Hut« abzuhandeln. Aber man will es als Autor doch ganz genau wissen. Wohlgemerkt, ich schreibe im Moment zwei Bücher gleichzeitig, verbringe sechs Stunden am Tag mit der reinen Schreibzeit, und konnte mit den Recherchen erst nach dem 24. Oktober anfangen, weil die Geschichte vorher nicht existierte. Und was soll ich sagen? Das macht so einen Riesenspaß, so könnte ich in Zukunft alle Tage verbringen. Vielleicht klappt es ja. Bis dahin erfreue ich mich meines Percys und trage eine virtuelle Mohnblume im Knopfloch. Dass dabei auch hier im Rheinland der Karneval eingeleitet wird – das verdränge ich gnädig. Manche Feiertage brauche ich einfach dringender als andere.

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