Sonstige Aussichten: Neblig

Sehr gefasst habe ich heute meinen Resturlaub eingereicht, und als ich meine Abenddienst-Termine ab September abgesagt habe, musste ich doch einmal kräftig schlucken, aber so ist es nun: Meine Stelle wird nicht verlängert. Während meine Kolleginnen immer betont haben, dass ich mir da keine Sorgen zu machen brauche, war ich doch immer eher skeptisch. Meine Kolleginnen sind Beamte, die haben nichts zu befürchten, auch wenn die eine von ihnen seit Anfang dieses Jahres öfter krankgeschrieben als auf der Arbeit war – das soll nicht gehässig klingen, ich will um nichts in der Welt mit ihr und ihrem kaputten Rücken tauschen, aber spätestens seit ich fast den ganzen Dezember wegen einer Psychose krankgeschrieben war, habe ich geahnt, dass so etwas auf mich zukommen würde. Meine Chefin, die Bibliotheksdirektorin, hatte auch schon meinem Dezernenten gegenüber geäußert, dass mein Krankenstand zu hoch ist, Warnsignale gab es viele, also: Mein letzter Arbeitstag ist der 25. August, dann folgen vier Wochen Resturlaub, und dann, ab dem 1. Oktober, bin ich offiziell arbeitslos. Mal wieder.

Irgendwie bin ich verflucht, keine Stelle halten zu können. Nach meiner Ausbildung bin ich nicht übernommen worden – drei Wochen später hat der Laden eine Stelle ausgeschrieben. Die nächste Stelle war eine Probezeitkündigung, der Arbeitgeber drauf ist in die Insolvenz gegangen, es folgten eine Jahresvertrag und noch eine Probezeitkündigung, und dazwischen immer wieder Arbeitslosigkeit, die letzte hat zweieinhalb Jahre gedauert. Trotzdem, diesmal sieht es ganz anders aus. Das eine ist, dass ich arbeitsmarkttechnisch viel besser dastehe. Meine Stelle in der Bibliothek habe ich immerhin über drei Jahre behalten, einsamer Rekord, und damit habe ich jetzt endlich auch Berufserfahrung in meinem Studienberuf. Auf der anderen Seite hat sich während der letzten Jahre meine gesundheitliche Situation deutlich verschlechtert, dass ich nur noch halbe Stellen arbeiten kann und froh bin, wenn mir das Versorgungsamt einen Grad der Behinderung von mindestens 50 anerkennt, damit ich zumindest über Behindertenförderung Aussichten auf eine neue Stelle habe. Traurig, aber so ist es.

Als wäre also mein Leben noch nicht unsicher genug, hängt auch noch mein Freund in der Schwebe. Nicht, dass der auch arbeitslos würde, zum Glück nicht – aber seine Firma hat ihn mitsamt seiner Sparte an die Firma Philips verkauft, ein Großkonzern mit Sitz in den Niederlanden und Deutschlandzentrale in Hamburg. Das ging alles sehr hopplahopp, so dass wir, auch wenn es ab September oder Oktober sein soll, nicht genaues wissen, weil gerade da alle im Urlaub sind. Ende des Monats wissen wir mehr, auch über so grundsätzliche Sachen wie den Einsatzort. Macht er dann Homeoffice, und wir können in Aachen wohnen bleiben? Pendelt er nach Eindhoven? Oder müssen wir etwa nach Hamburg ziehen? Oder, um mal die ganz dicken Geschütze aufzufahren, geht mein Freund für ein paar Jahre in die USA, und ich ziehe derweil nach Münster, wo ich mietfrei wohnen könnte? Alles so unsicher, alles so unklar… Es bringt jedenfalls nichts, wenn ich jetzt mit dem Bewerbungsschreiben anfange, bevor ich auch nur eine ungefähre Ahnung vom Einsatzort habe.

Wenn alles nach meinen Vorstellungen ginge, muss ich mich gar nicht mehr bewerben. Dann kommt ein Verlag und ist begeistert von Geigenzauber und kauft es, und ich kann Gründnugsforderung beantragen und mich als Autorin selbständig machen. Das Pensum einer Berufsautorin, die im Jahr zwei bis drei Romane hinlegen muss, schaffe ich – jetzt mit der Arbeitslosigkeit noch besser als vorher, aber ich kann schlecht meiner Berufsberaterin erklären, dass ich nur noch schreiben will, wenn ich keinen bezahlten Vertrag vorweisen kann. Die sind ja auch nicht blöd auf der Arbeitsagentur, und es gibt genug Leute, die nur das Gründungsgeld abgrabbeln wollen. Ein Vertrag und ein Businessplan, vorher geht gar nichts. Mein Freund, zum Glück, steht hinter mir. Er ist damit einverstanden, dass ich mich aufs Schreiben konzentrieren will, wenn ich dafür den Haushalt übernehme. Den macht nämlich im Moment letztlich keiner von uns wirklich, weil ich nach einem Fünf-Stunden-Tag genauso platt bin wie mein Freund nach zehn, und das sieht man dann irgendwann auch der Küche an.

Ganz ehrlich sehe ich meine Chancen auf dem ersten Arbeitsmarkt ziemlich schlecht. Ich kann mich so schlecht verkaufen, dass ich auch in Vorstellungsgesprächen jede Eloquenz vermissen lasse und nervös einen Knoten in meine Arme mache, statt selbstsicher aufzutreten. Ich gehe zum Friseur und lasse neue Fotos machen, die kann ich für alles brauchen, für das Backcover eines Buches ebenso wie für klassische Bewerbungsunterlagen. Ich werde auch versuchen, einen Termin bei meinem Nervenarzt zu bekommen, um mit ihm mal realistisch über meine Arbeitsfähigkeit zu sprechen. Meine Hoffnung ist erstmal, einen Teil der Medikamente zumindest reduzieren zu können, denn wenn ich nicht mehr zu einer bestimmten Zeit aufstehen muss, ist es auch egal, wann ich einschlafe, und dann brauche ich keine schlafanstoßenden Mittel mehr. Soweit die Hoffnung. Ich sehe jedenfalls nicht schwarz, was meine Zukunft angeht. Und wenn ich unter drei verschiedenen Pseudonymen arbeiten muss, weil eine Person allein nicht so viele aktive Titel haben kann, das ist mir jetzt auch egal. Ich will Berufsautorin werden. Sofort. Oder zumindest in vier bis acht Wochen.

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