Kurzbiographie

Maja Ilisch

© Petronella Freudenberg, Aachen

Ich sollte Ende Mai oder Anfang Juni 1975 geboren werden, aber ich hatte es eilig, und das aus gutem Grund. Nicht, weil ich irgendetwas auf Horoskope gebe, aber ich bestand darauf, am 23. April geboren zu werden, auch wenn ich noch zwanzig Jahre warten musste, bis dieses Datum endlich zum Welttag des Buches erklärt wurde. Dafür habe ich jetzt aber für alle Zeiten einen Geburtstag, mit dem ich angeben kann und den ich mir mit großen Namen der Literatur teilen kann, der größte davon sicher William Shakespeare.

Auch ansonsten verlief mein Leben so, als wäre meine Mutter zum Zeitpunkt meiner Empfängnis von einem Buch gebissen worden - als könne ich ohne ständig neues Lesefutter nicht überleben, fraß ich mich quer erst durch die Pfarr- und dann die Stadtbücherei, wo ich es mir gleich häuslich einrichtete und für kleines Geld, aber große Freude als Schülerhilfskraft arbeitete, nicht ohne vorher auch noch die Schulbücherei an mich gerissen zu haben. Dass ich einmal Bibliothekarin werden sollte, schien mir in die Wiege gelegt. Aber mein Lebenstraum war ein anderer.

Ich wollte Bücher und Geschichten nicht nur lesen - ich wollte sie auch schreiben, nicht nur so nebenbei, nicht nur als Hobby, sondern mein Leben lang. Zum Thema »Male dich in deinem späteren Beruf« im Kunstunterricht der Klasse sechs malte ich mich mit Schreibmaschine - merke: Schreibmaschinen wurden von Computern verdrängt, weil die deutlich einfacher zu malen sind - vor einem Bücherregal, und um sicherzugehen, dass niemand mich für eine Sekretärin halten sollte oder eine Rechtsanwaltsfachgehilfin, schrieb ich auf jeden Buchrücken liebevoll meinen Namen. Zwar hatte ich mich bei einer vergleichbaren Aufgabe im zweiten Schuljahr noch als Privatdetektivin gemalt und war zwischenzeitlich sehr an einer Karriere als Seeräuber interessiert, aber am Ende wollte ich doch immer nur eines: schreiben.

Direkt nach dem Abitur kehrte ich dem kleinen münsterländischen Dorf, in dem ich aufgewachsen war, nicht ohne das Ruhrgebiet meiner frühen Jahre zu vermissen, winkte meinen Eltern und den drei kleinen Geschwistern, und zog hinaus in die große Stadt Köln, um was Anständiges zu studieren, Was Anständiges, das hieß, ich sollte nicht darauf setzen, vom Teddybärenmachen zu leben, wie meine Mutter es tat und womit ich mir ein anständiges Zubrot verdiente, und auch nicht vom Schreiben - ich wurde die Bibliothekarin, die jeder von mir erwartete. Ich liebte diesen Beruf, aber er liebte mich nicht: Der Arbeitsmarkt bietet wenig Freude für Angehörige des Öffentlichen Bibliothekswesens.

In den folgenden Jahren machte ich eine Ausbildung zur Fachbuchhändlerin, verkaufte Lippenbalsam und Wärmflaschen, verdingte mich bei einem Menschenschinder, versagte als Marketingexpertin, und erstellte eine Friedhofsstatistik nebst liebevoll gezeichnetem Lageplan, und endete schließlich doch als Bibliothekarin, nur um zu begreifen, dass wirklich alles, was ich über lange Zeit tun kann, das Schreiben ist - aber nicht diese Laufbahn ist es, die mich geprägt hat, sondern die Menschen, die mir auf diesem Weg begegnet sind.

Von den wunderbaren Freundschaften, die ich im Studium geschlossen habe, über vier Jahre ein einer großartig verrückten Künstler-WG, den ständigen Rückhalt in meiner Familie, einen wundervollen Ehemann, Musiker und nicht zuletzt Autoren, Autoren, Autoren - als Kind habe ich immer geglaubt, dass Schreiben einsam macht. Das Gegenteil ist der Fall. Man muss sich nur trauen, auch dazu zu stehen, selbst wenn es bedeutet, dafür ausgelacht zu werden - wer das tut, ist es ohnehin nicht wert, ein Freund genannt zu werden. Aber die richtigen Leute, die, die ein Leben so großartig machen können, die findet man nicht, wenn man sich versteckt. Die bekommt man, wenn man laut herausschreit »Ja, ich bin eine Autorin! Ich bin geboren am Welttag des Buches, und ich bin stolz darauf!«

Und weil Lesen glücklich macht und ich mein Leben lang so viel von diesem Glück genommen habe, das mich durch Dunkelheit und Einsamkeit gerettet hat, freue ich mich jetzt, zumindest ein kleines bisschen davon zurückgeben zu können. Und wenn ich mit meinen Geschichten auch nur ein einziges Leben ein Stückchen heller machen kann, dann ist das ein Sieg, der alles auf dem Weg dorthin wert war.

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