Leseprobe

Damit sich wirklich niemand dem Zauber der Geschichte entziehen kann, ist hier als Leseprobe das erste Kapitel von »Geigenzauber« - auch als PDF zum Download. Wie es danach weitergeht? Das verraten die übrigen neunzehn Kapitel …

Erstes Kapitel

Léon Bakst: L'aprčs-midi d'un faune

Der Nachmittag eines Fauns. Gemälde von Léon Bakst
Quelle: Wikimedia Commons

Die Geschichte begann auf der anderen Seite. Es gibt viele andere Seiten, und diese lag auf der anderen Seite der StraßeAuf der anderen Straßenseite nämlich, wohin Mia ausweichen musste, weil ihre beste Freundin mal wieder beschlossen hatte, dass sie genau das nicht war. Mal wieder.
»Oh-oh!« Carolins Stimme klang plötzlich ganz aufgeregt. »Da hinten - da kommt der Felix!« Und noch bevor Mia auch nur versuchen konnte sich zu strecken, um die Welt so zu sehen wie ihre fast einen Kopf größere Freundin, redete die sich bereits um Kopf und Kragenschon weiter: »Du, macht es dir was aus, mal eben da rüber zu gehen?« Sie deutete auf etwas, das ein Schaufenster sein konnte, ein Ladeneingang oder sonst etwas. Hauptsache, weit weg. »Ist nicht böse gemeint oder so, ich möchte halt nur nicht, dass er mich mit dir sieht!«
Mia schrumpfte um noch ein paar Zentimeter.
»Hast du etwa Angst, dass er dich sonst nicht mehr bemerkt, weil er von meiner Schönheit geblendet ist?«, murmelte sie so leise, dass Caro es schon nicht mehr hören konnte, als Mia auf die andere Seite der Fußgängerzone schlurfte. Sie tat so, als würde sie die Auslage eines Optikers betrachten, während sie in Wirklichkeit natürlich versuchte, im Spiegelbild der Scheibe ihre Freundin zu beobachten. Carolin plusterte sich auf, fuhr sich noch schnell mit der Hand durch die Haare, zupfte an ihrer Jacke herum, und dann kam auch schon der tolle Felix in Sichtweite, wie immer in Begleitung seines Freundes István. Mia versuchte sich vorzustellen, wie Felix zu István sagte: »Du, geh mal auf die andere Straßenseite, ich will nicht mit dir gesehen werden.« Aber es gelang ihr nicht. So etwas brachte einfach nur Caro. Und nur Mia war so blöd, sich auch noch jedes Mal darauf einzulassen.
Das Spiegelbild verschwamm, als Mia Tränen in sich aufsteigen die Augen stiegenspürte, und die Welt dahinter wurde zu etwas Fremdem. Wütend Mia schüttelte sie den Kopf, zog die Nase hoch und schlenderte davon, so unbeteiligt sie nur konnte, auch wenn sie innerlich dampfte. Wie das jetzt mit Caro und Felix weiterging, interessierte sie nicht die Bohne. Selbst wenn Carolin sich furchtbar blamierte, ja, selbst wenn Felix und István sie laut auslachten und stehenließen, zumindest an diesem Tag wollte Mia nichts mehr mit ihr zu tun haben.
Ihre beste Freundin - Mia hätte ja darüber gelacht, wäre hätte es nicht gar so bitter gewesengeschmeckt. Warum tauchte dieser bescheuerte blöde Typ eigentlich erst jetzt auf, wo sie endlich so weit war, Caro alles zu erzählen? Hätte er nicht schon vor einer halben Stunde kommen können und Mia so wenigstens einen grässlichen Stadtbummel ersparen können? Mit Shopping konnte sie nämlich rein gar nichtsnicht wirklich viel anfangen, selbst wenn es bedeutete, Zeit mit einer sogenannten Freundin zu verbringen, und an diesem Tag hatte. Dass sie sich heute hatte nur deswegen erweichen lassen, lag nur daran, dass weil sie endlich mit Caro unter vier Augen reden musste. Das hatte sie jetzt davon!
Mia stand mitten in der Innenstadt, Menschen drängten links und rechts an ihr Mia vorbei, als gäbe es nichts Interessanteres als eine überlaufene Fußgängerzone, und sie selbst stand mittendrin und wusste nichts mit sich anzufangen. Von beiden Bushaltestellen war sie jetzt ungefähr gleich weit weg;, sie konnte sich also ebenso gut in ein Café setzen und den Kakao, auf den sie Carolin hatte einladen wollen, alleine trinken, auch wenn ihr schon beim Gedanken daran irgendwie latent schlecht wurde. Morgen Am nächsten Tag in der Schule würde Caro wieder so tun, als wäre nichts gewesen und sich bereitwillig von ihr die Mathehausaufgaben erklären lassen; vielleicht würde sie sogar auch wieder mal gönnerhaft gnädig andeuten, Mia könne sich doch freuen, dass sie wenigstens eine gute Schülerin war, weil sie sonst doch bestimmt hätte sie doch gar keine Freunde hätte. Aber da hatte sich Carolin diesmal geschnitten. Eine Freundin war da, wenn man sie brauchte, und das würde Mia ihr auch sagen, selbst wenn sie danach wirklich ganz allein dastand. So what.Und wenn schon. Wo sollte da der Unterschied sein? Was wäre denn anders als jetzt?
Mia marschierte einfach drauflos, schaute nicht nach links und nicht nach rechts, die Stadt hatte nichts von Interesse zu bieten - doch aber plötzlich, ohne recht zu wissen, warum, blieb Mia stehen. Sie hörte etwas. Irgendwo spielte eine Geige. Eigentlich nichts Besonderes, bei diesem Wetter verdienten sich dort hier immer ein paar Straßenmusiker Musiker etwas dazu, und doch war es diesmal irgendwie anders.
Die meisten Straßenmusiker waren Gruppen von Inkas, oder zumindest von Leuten mit Inkamützen, die alle inbrünstig Panflöte spielten - El Condor Pasa, immer wieder von vorne - oder Russen mit riesengroßen übergroßen Balalaikas. Manchmal gab es auch zerfledderte junge Männer mit verschrammten Gitarren, die entweder Blowing in the Wind schmetterten oder sich an Chris de Burgh versuchten, aber eine Geige hatte Mia hier draußen noch nie gehört. Zugegeben, sie war auch keine Expertin in Sachen Fußgängerzone.
Aber diese Geige … Erst dachte Mia, es wäre eine Aufnahme, die aus einem der vielen Geschäfte kammit denen die Geschäfte ihre Kundschaft berieselten, denn es klang sehr gut, professionell - und fast ein wenig unwirklich. Doch als sie sich umsah, konnte sie ein Stück die Straße hoch tatsächlich einen Jungen mit seinem Instrument stehen sehen. Es war also doch eine echte Violine Geige und einer, der wirklich darauf spielen konnte. Mia hatte noch nicht sehr viele Geiger Violinisten in ihrem Leben gesehen; wenn André Rieu als musikalischer Gast in Fernsehshows auftrat, war das meist eine gute Gelegenheit, aufs Klo zu gehen: nicht, weil Mia keine klassische Musik mochte, sondern weil ihr diese Art nicht gefiel, sich mit geschlossenen Augen versonnen hin und her zu wiegen und so zu tun, als wäre das irgendetwas anderes als billiges Playback.
Aber das hier war keine weichgespülte Klassik oder Fahrstuhlmusik, wie man sie in einer Parfümerie zu hören bekam. Tatsächlich konnte Mia noch nicht einmal sagen, aus welcher Epoche die Musik das Stück stammte, geschweige denn von welchem Komponisten. Nachdem sie Sie bildete sich einsich einbildete, wenigstens Mozart erkennen zu können, also schied der schon mal aus. Aber was war es dann? Es war Musik. Musik, die sie anzog.
Hier aAm Straßenrand, neben einer alten kleinen Bäckerei und halb im Schatten eines Hauseingangs, stand also einer, dem es nur um die Musik ging. An diesem Ort fiel er kaum auf, und so, wie der Junge aussah, ging es ihm auch nicht darum, gesehen zu werden. Er musste ungefähr in Mias Alter sein, vielleicht etwas älter, aber das konnte auch daran liegen, dass er ziemlich abgerissen aussah - nicht gerade wie ein von Musikschüler, der sich einmal die Woche nachmittags regelmäßig zwischen den Hausaufgaben und dem Fechtunterricht für eine Stunde in die Fußgängerzone stellte, um das Geld für die Sprachreise nach Schottland zusammenzubekommen, sondern mehr wie einer, der nachts in genau dem Hauseingang schlief, vor dem er jetzt stand und sein Können darbot. Eigentlich ein hübscher Kerl, nach dem, was Mia von seinem Gesicht sehen konnte und den dunkelblonden Locken, die vielleicht mal eine Wäsche vertragen konnten. Dass die alte braune Jacke und die Cordhose, in der bereits Napoleon gekämpft haben musste, diesen Eindruck zunichtemachten, schien ihm herzlich egal zu sein. Es ging ihm offenbar nur um die Musik, sie allein sollte man bemerken, nicht ihn, der sie machte.
Und dann die Geige! Mia war keine Expertin für Musikinstrumente, aber sie wusste, dass niemand eine Million Euro für eine Blockflöte zahlen würde. Bei Violinen Geigen hingegen hörte man den Unterschied zwischen gut und schlecht auch mit ungeübtem Ohr, und um so zu klingen, brauchte es eine verdammt gute Geige oder einen verdammt guten Geiger oder am besten beides. Aber Hier hier stand jedoch einer, der zwar ein solches Instrument besaß, aber ganz offensichtlich wahrscheinlich nicht einmal genug Geld in der Tasche hatte, um sich in der Bäckerei nebenan ein Rosinenbrötchen zu kaufen.
Das passte nicht zusammen. Der Junge stand da mit geschlossenen Augen und einem Lächeln auf den Lippen. Kein Notenständer, er spielte alles auswendig, vor ihm der aufgeklappte Geigenkasten, in den die Leute ihr Kleingeld werfen sollten. Doch soweit Mia, die aus sicherer Entfernung unauffällig zu ihm hinüberschielte, sehen konnte, war da kaum etwas drin. Niemand blieb stehen; und wo sich sonst all die halbkreisförmigen Menschentrauben, die sich sonst selbst um mittelmäßige Straßenmusiker scharten oder auch um diese grässlichen Pantomimen, die nichts weiter taten, als alle halbe Minute die ihre Position zu verändern, fehlten völliggingen . Ddie Menschen Leute gingen einfach vorbei, ohne auch nur in die Richtung des Jungen zu schauen.
Mia zwinkerte. Einen Moment lang hatte sie Angst, dass sie sich das Ganze einfach nur einbildete, dass sie einen Musiker sah und hörte, wo keiner war. War das etwa der Anfang? Kamen erst die Geiger und dann die Stimmen, die einem befahlen, aus dem Fenster zu springen? Und waren diese Stimmen dann auch so, dass man ihnen unbedingt zuhören wollte? Doch der Junge und seine Musik verschwanden nicht, auch dann noch nicht einmal, als Mia vorsichtig nähertrat.
Wie nah durfte man wohl an einen Straßenmusiker rangehen, bevor der sich belästigt fühlte? Klar, anfassen schied natürlich aus. Und ehrlich: Mia mochte auch eigentlich lieber nicht wissen, wie der Junge roch. Aber trotzdem, irgendwie wollte sie den Beweis, dass er echt war. Sie griff in ihrer Jackentasche nach dem Portemonnaie, öffnete es, und ohne es hervorzuholen, und fischte sie etwas Kleingeld heraus. Damit sollte es gehen. Wenn die Münzen im Geigenkasten landeten, auf dem Polster aus dunkelrotem, bereits etwas ein wenig abgewetztem Samt, klang das anders, als wenn sie in Wirklichkeit auf die Straße fielen. Und so oder so hatte der Geiger zumindest ein wenig Aufmerksamkeit verdient.
Mia zögerte kurz, ehe sie das Geld in den Kasten warf. Normalerweise gab sie Bettlern kein Geld, weil sie glaubteging davon aus, dass sie es ohnehin sofort vertranken, ganz abgesehen davon, dass sie einfach nicht reich genug war für so was. Wenn man die Von der Geige abgesehenmal ignorierte, sah der Junge auch kaum anders aus als die Kerle, die einem immer hinterherliefen und »Hasse ma? ?ne Mark?« riefen, als hätten sie die Einführung des Euros glatt um mehr als zehn Jahre verpennt. Aber sie bezahlte nicht den Jungen, sie bezahlte die Musik, und die war gut.
Langsam merkte Mia, dass sie sich plötzlich gleich viel besser fühlte, nur vom Zuhören. Ihre Wut auf Caro war wie weggewischt und mit ihr waren es all die anderen Sorgen. Das allein war ihr ein bisschen Kleingeld wert, eigentlich sogar ein bisschen mehr, aber so viel hatte Mia nicht, vor allem, wenn sie gleich noch einen heißen Kakao mit Sahne trinken wollte.
Die Münzen landeten sanft und lautlos im Geigenkasten und Mia atmete erleichtert auf. Alles war echt, der Geiger, die Geige, das Spiel - keine Einbildung, keine fremden Stimmen, nichts, wovor man sich fürchten musste, außer vor der Tatsache, dass die Stadt nur von Banausen bevölkert war, die das Schöne selbst dann nicht erkannten, wenn es direkt vor ihnen stand.
Ohne sein Spiel zu unterbrechen, blickte der Junge auf, und für einen Augenblick sah schaute Mia in die schönsten Augen, die sie jemals an einem Menschen, erst recht an einem Jungen, gesehen hatte: mit langen Wimpern und einer Farbe, die sie spontan golden genannt hätte, nicht statt einfach nur braun. Dann senkte er den Blick wieder, doch sein Lächeln schwebte zu ihr hinüber, sodass Mia erschrocken einen halben Schritt zurücktrat. Sie war nicht daran gewöhnt, von Jungen angelächelt zu werden, und ihr Gesicht fing plötzlich an zu brennen - was war das, wurde sie etwa rot?.
Fast hätte ihre Feigheit gesiegt, und wäre Mia wäre hastig weitergelaufen, ohne sich noch einmal umzusehen, aber in dem Moment veränderte der Junge sein Spiel. Nicht etwa, als ob sein Stück zu Ende war und er das nächste anfing, sondern mittendrin, einfach so, und das, was er jetzt spielte, war offensichtlich direkt nur für Mia und für niemanden sonst. Sie konnte es sich nicht erklären, nicht mit Verstand und nicht mit Worten, aber die Melodie, die er jetzt spielte, schloss ihr - mehr noch als das Stück zuvor davor - einfach das Herz auf. Es fühlte sich an, als wäreAuf unbeschreibliche Weise schien dieses Stück nicht nur für sie gespielt, sondern vielmehr für sie allein komponiert. Sie blieb stehen, wo sie war, vom Donner gerührtganz gelähmt vor Ergriffenheit;, sie konnte nicht anders. Einen Augenblick lang war sie sogar bereit, den gesamten Inhalt ihres Portemonnaies in den Geigenkasten zu leeren, wenn es nur den Jungen dazu brachte, so weiterzuspielen und nie wieder aufzuhören. Hätte es einer von ihr verlangt, sie wäre bereit gewesen, den gesamten Inhalt ihres Portemonnaies in den Geigenkasten zu leeren, dazu alles, was sie künftig bekommen würde. Ein seltsames Gefühl ergriff sie, so als schwebte sie eine Handbreit über den Pflastersteinen, und alles Schwere, das sie sonst zu Boden zog, war mit einem Mal verschwunden.
Aber es dauerte nicht lang. An jedem anderen Tag hätte Mia davonschweben mögen, doch jetzt Wenige Momente später jedoch siegte am Ende die Wirklichkeit, und die Sorgen waren wieder da, ihre die Angst und das Bild eines des leeren Spiegels, das Mia bereits seit ein paarnoch in Wochen, in Monaten heimsuchen sollte immer wieder heimsuchte,. Jäh und ihr Herz krampfte sich ihr Herz zusammen, wollte sich selbst von dieser Musik nicht mehr austricksen lassen. An diesem Tag stand Mia kein, stahl ihr das gutes Gefühl zu, das ihr nicht zustand.
Der Junge schien das selbst mit geschlossenen Augen zu merken - woran, war Mia schleierhaftwusste Mia nicht. Er hörte auf zu spielen und ließ die Geige sinken. Und als ob das allein noch nicht schlimm genug war, blickte er Mia unverwandt andirekt in die Augen. Unter seinem Blick wurde ihr heiß und kalt und ihr fiel spontan nichts Besseres ein, als wie wild zu applaudieren. Das Stück war vorbei, das Publikum klatschte, ja, so musste das seingehörte sich das. Ein paar Passanten blieben tatsächlich stehen, als wäre ein klatschendes Mädchen um einiges so viel interessanter als ein großartiger Geiger, und einer warf sogar eine Münze in den Kasten, als wäre er froh, dass der Junge endlich zu spielen aufgehört hatte:. Ein weiterer Anlassgenug Gründe für Mia, an ihrem Geisteszustand zu zweifeln. Dass sie das zu oft tat und dringend damit aufhören musste, war ihr klar. Aber ausgerechnet mit dem Denken aufzuhören war wohl das Schwerste der Welt, und genau so schwer, sich auf andere Gedanken zu bringen an einem Tag wie diesem - außer, wenn die Geige spielte. zumal all die Menschen um Mia herum nicht gerade so wirkten, als könnte man sich auf deren Zustand verlassen.
»Danke.«

Mia zuckte zusammen. Ein Wort nur, aber es genügte, um alles Mia zum Klingen zu bringen. Das war erder Junge! Seine Stimme. Meinte er etwa sie? Jetzt war es zu spät, um sich schnell aus dem Staub zu machen. Ansehen, anlächeln, das ging alles noch, so was taten Musiker während eines Auftritts, da mussten sie ja mit dem Publikum flirten. Aber so direkt ansprechen - darauf war Mia nicht vorbereitet.
»Auch danke«, erwiderte sie. Und dann machte sich ihre Zunge oder zumindest der Teil ihres Gehirns, der sie steuerte, selbständig. »Das war sehr schön.« Die Worte klangen falsch. Schön, das war nicht das passende Wort, um diese Musik zu beschreiben, es war abgedroschen und abgenutzt - trotzdem, ein besseres hatte Mia nicht.
»Wie lange spielst du schon?« Richtig, das war genau das, was man einen irgendwie süßen Jungen, den man eigentlich besser kennenlernen wollte, in so einer Situation als Erstes fragen musste!
»Ich habe keine Uhr«, sagte er und lächelte.
Seine Stimme war anders als die der Jungs , die Mia sonst kannte. Okay, auch in Sachen Jungs war sie kein ausgewiesener Experte, aber sie hatte immerhin mehr als genug davon in ihrer Klasse. Seine Stimme war sehr warm, sehr weich, und er sprach mit einem Akzent, den Mia nicht einordnen konnte. Es klang nicht nach irgendeiner Sprache, die sie kannte, oder wie ein Dialekt, aber trotzdem auf eine schöne Weise fremd. Eine melodische Stimme, auch im Sprechen, und doch kein leiernder Singsang, wie man ihn hierzulande in der Gegend so häufig des Öfteren hörte. Dieser Junge hatte eine Stimme wie die Geige. Sie passten gut zueinander, die beiden.
»Ist es denn schon Abend?«
Er zwinkerte. Einen Moment lang sah er ein wenig verwirrt aus, hatte sich aber schnell wieder unter Kontrolle. Jemand anderem wäre es vielleicht gar nicht aufgefallen, aber Mia wusste darauf zu achtenhatte einen Blick für so etwas entwickelt. Seine Augen waren groß und tief und fast golden, und Mia hätte stundenlang hineinschauen mögen. Es lagen Welten hinter diesem Blick, Welten, die sie gerne kennenlernen wollte.
Noch war Gelegenheit dazu, ihm ein paar weitere Münzen in den Kasten zu werfen und sich dann schleunigst aus dem Staub zu machen. Die Erinnerung daran, dass es so etwas wie Uhren gab, kitzelte irgendwas in Mias Unterbewusstsein, rief ihr in Erinnerungwies darauf hin, dass auch sie irgendwann mal nach Hause musste. Was sie sich aber stattdessen sagen hörte, war: »Möchtest du einen Kakao? Oder einen Kaffee oder eine Cola? Ich lade dich ein!« Die Zeit, in der sie an ihrem Geisteszustand zweifeln musste, war also endgültig vorbei: Jetzt war es glasklar, dass sie komplett den Verstand verloren hatte.
Einmal ausgesprochen, konnte sie die Einladung natürlich nicht mehr rückgängig machen, und nur noch hoffen, dass der Junge sie vielleicht ablehnte - was die Sache aber auch nicht besser gemacht hätte. Als er nickte, fühlte sie wieder diese Wärme in sich. Aber was er dazu sagte, klang doch ein bisschen absurd.wurde ihr mit einem Mal ganz warm ums Herz.
»Wenn sie da Tassen haben, richtige Tassen - ich mag keine Pappbecher.«
Fast hätte Mia losgelacht: Wenn das alles war? Natürlich, man konnte sich darüber wundern, dass diesem Jungen die Tassen so viel wichtiger waren als das Mädchen, das ihn da einlud. Aber nachdem Mia sich heute für einen Tag schon genug gewundert hatte, beschloss sie, das es diesmal besser zu lassen.
»Café Krokant«, sagte sie. »Die haben schönes Porzellan, keine zwei Tassen sehen gleich aus - auch keine zwei Stühle, und wenn du da noch nie warst, musst du das mal gesehen haben.»
Mit Caro konnte sie dort nicht hingehen, sie fand das albern mit den verschiedenen Tassen und Stühlen, aber Caro mochte auch am liebsten Kaffee mit Milchschaum und Sirup und Vanille und Pipapo aus Pappbechern. Mia sollte die beiden besser nicht miteinander vergleichen, sonst hätte sie Stunden damit zubringen können, und das, obwohl sie mit dem Jungen erst zwei, drei Worte gewechselt hatte! »Und es ist im vierten Stock und man hat einen Ausblick über die ganze Stadt … Du bist nicht von hier, oder?«
Er schüttelte sanft den Kopf, dann kniete er sich hin und verpackte seine Geige in dem Kasten, liebevoller als jedes Kind seine Puppe ins Bett gebracht hätte. Sorgfältig schloss er Schnalle um Schnalle, und ohne aufzusehen, sagte er leise: »Nein, ich bin nicht von hier. Ich bin sogar von ziemlich weit weg.« Hinter ihm stand ein Rucksack, und als er den packte und sich halb über die Schulter hängte, da wusste Mia, dass er wirklich mit ihr kommen wollte. Einfach so. Obwohl sie noch nicht einmal seinen Namen kannte.

Mia tat gerne, als ob das Café Krokant ihr Lieblingscafé war, aber in Wirklichkeit war sie erst einmal dort gewesen,: zusammen mit ihrer Mutter. Sie waren erst ins Kino gegangen und dann noch ins Café …. dDas war ein guter Tag gewesen. Er war eine ganze Weile her, vielleicht zwei Jahre, aber ein guter Tag war ein guter Tag. Punkt. Mia wusste nicht einmal mehr, welchen Film sie gesehen hatten, besonders eindrucksvoll war er wohl nicht gewesen. Ganz anders das Café.
Es war nicht besonders groß, mehr ein Geheimtipp, und wenn man nicht wusste, dass es da war, konnte man leicht daran vorbeilaufen, ohne es zu bemerken. Keine Schaufenster, kein Kaffeeduft, kein Stimmengewirr, das aus dem vierten Stock nach unten gedrungen wäre - weil es im vierten Stock war, konnte man von der Straße aus auch nicht hineinsehen. nNur ein unscheinbares Schild neben einem Hauseingang: verriet etwas mehr, Café ~ Herzlich willkommen, stand in verschnörkelten weißen Buchstaben auf schwarzem Grund. Der Aufzug musste uralt sein und wenn man zu zweit drinsteckte, war es bereits schon etwas eng, aber Mias Mutter stieg eben nicht gern Treppen. Doch wenn man erst einmal oben war, einen Platz am Fenster erobert hatte und es war dann noch gutes Wetter - dann machte die umwerfende Aussicht eine Menge wett. Es war gemütlich dort und viel größer hätte es auch gar nicht sein dürfen, denn so viele verschiedene Stühle und so viel verschiedenes Geschirr waren dann doch sicherlich schwer zu bekommen!
So Wie das Krokant stellte sich Mia ein Künstlercafé vor und sie hatte sich nie getraut, allein dort hinzugehen. Nicht nur, weil das keinen Spaß gemacht hätte, sondern auch, weil sie sich dabei wie ein Hochstapler vorgekommen wäre. Sie war keine Künstlerin, und sie war sich sicher, dass man ihr das schon von weitem ansah. Jetzt jedoch Aber jetzt hatte sie einen echten Künstler im Schlepptau, und wenn es einen Ort in der Stadt gab, um mit diesem etwas seltsam geratenen Jungen in Ruhe einen Kakao zu trinken, dann hier. Außerdem konnte sie sich nicht vorstellenwar es bestimmt der letzte Ort, dass an dem man ihn hier rausschmeißen oder nicht bedienen würde, auch wenn er so aussah, als ob er ein Bad vertragen könnte und seine Kleider eine Wäsche.
Während sie durch die Stadt gingen, redeten sie kaum - Mia wollte ihn nicht nach Dingen ausquetschen, die sie am Ende nichts angingen. Wie er auf der Straße gelandet war, würde wusste er sicher selbst wissenam besten, und ehe er nicht sagte, dass er keinen Schlafplatz für die Nacht hatte, würde sie weder danach fragen noch ihm einen anbieten. Ja, sie hatten jetzt natürlich ein freies Bett zu Hause, aber Mia konnte nicht einfach einen fremden Jungen mitbringen, mal eben so, das ging nicht. Sie konnte ja noch nicht mal nachmittags eine Freundin mit nach Hause bringen, ganz abgesehen davon, dass sie das inzwischen auch gar nicht mehr gewollt hätte … Lieber an etwas anderes denken!
»Hier sind wir«, sagte sie endlich und war froh, dass an der Tür noch ein kleines Schild mit der Aufschrift »geöffnet« baumelte - besser hier unten, als oben vor verschlossener Tür zu stehen!. »Ich hoffe, du hast kein Problem mit Höhen?« Er schüttelte den Kopf, und dabei hätten sie es belassen sollen, aber Mia setzte noch hinterher: »Oder mit Aufzügen?« Sie war zu sehr daran gewöhnt, solche Fragen zu stellen.
»Gibt es keine Treppe?«, fragte er.
Mia seufzte. Eine Mutter, die keine Treppen mochte, und ein Junge, der etwas gegen Aufzüge hatte - beides war irgendwie schlecht. Also ging es jetzt vier Etagen zu Fuß hoch, denn es wäre wohl ziemlich unhöflich gewesen, ihn allein hochsteigen zu lassen und selbst zu fahren. Nun, vielleicht war das auch ganz gut, denn so eng, wie der Aufzug war, hätte das garantiert für Verlegenheit gesorgt - wenn nicht bei ihm, dann bei ihr. So sorgte es immerhin nur für Atemnot. Mia war zu sehr an Aufzüge gewöhnt, als dass sie noch gern Treppen stieg. Außer in der Schule natürlich, aber da hatte sie keine Wahl. Vier Stockwerke! Wenn dieses Café es bloß wert war!
Lag es an den vielen Stufen oder trog sie die Erinnerung? Aber aAls sie oben angekommen waren, war der einstige Zauber dieses Ortes verflogen. Mia blickte sich ungläubig um und sah einen muffigenrumpeligen, schlecht beleuchteten Raum vor sich liegen, der aussah, als ob jemand das gesamte dessen Mobiliar offensichtlich willkürlich vom Sperrmüll zusammengeklaubt worden warhatte. Der besondere Charme, an den sie sich erinnerte, hatte nicht viel mit dieser schäbigen Wirklichkeit zu tun. Es gab noch zwei andere Gäste, auch an einem Fensterplatz, denn ganz ehrlich, warum hätte man an irgendeinem der anderen Tische sitzen wollen?
Trotzdem bemühte Mia sich, begeistert zu klingen. »Da wären wir. Das ist mein Lieblingscafé!«
»Das freut mich zu hören«, sagte die einzige Kellnerin, obwohl sie nicht gemeint gewesen war, und es gefiel Mia nicht, dass sie sie belauschteinfach zugehört hatte. Aber wenn dies ihr Lieblingscafé war, musste sie auch auf gutem Fuß mit dem Personal stehen. Und hoffen, dass der Junge darauf reinfiel. Es fühlte sich nicht gut an, ihm Theater vorzuspielen - denn auch selbst wenn es nicht gelogen war, es war es doch nicht die Wahrheit. Wenigstens schien er selbst keineswegs abgestoßen zu sein von derieser merkwürdigen EinrichtungUmgebung. Der Grundgedanke war ja auch irgendwie schön: Es mussten keine zwei Dinge auf der Welt und keine zwei Leute gleich sein, um trotzdem zueinander zu passen. Allerdings wäre die Botschaft deutlich besser rübergekommen, wenn die Möbel wirklich auch harmoniert hätten, statt einfach nur bezugslos im gleichen Raum nebeneinander herumzu stehen, nicht wie eine Familie, sondern wie Fremde.
»Es ist schön hier«, sagte der Junge, und sein »schön« klang genau wie dasjenige, das Mia für sein Geigenspiel benutzt hatte: als ob es eigentlich ein größeres Wort dafür geben müsste. Und dann Dann fing er an, die verschiedenen Stühle Möbel zu mustern und Probe zu sitzen. Er suchte sich seinen persönlichen Stuhl aus und trug ihn dann kommentarlos an einen anderen Tisch, der ihm wohl besser gefiel und von dem aus man die Aussicht auf die Stadt genießen konnte,. bBeinahe wie ein alter Stammgast, der längst zum Inventar des Hauses gehörte. Mia schüttelte nur leicht den Kopf, nahm den Stuhl, der jetzt zu viel war, und stellte ihn zu dem anderen Tisch. Es war ja wohl egal, was hier wo stand, und wenn nicht, konnten die das hinterher immer noch zurückräumen. Die Kellnerin sah ihnen zu, stellte aber keine Fragen und schien sich auch nicht groß zu wundern - und das hieß, Mia konnte sich die Erklärungen sparen und die Entschuldigungen erst recht.
Endlich saß sie auf ihrem Stuhl, der ein bisschen kippelte, und schaute aus dem Fenster. Die Scheibe war von außen ziemlich eingedreckt, es war wohl kein Vergnügen, im vierten Stock die Fenster zu putzen, und anstelle der großartigen Aussicht sah Mia vor allem ihr eigenes trübsinniges Spiegelbild. Sie betrachtete es einen Moment lang reglos, bis es auseinanderdriftete und sie sehen ließ, was dahinter lag, eine stille Welt, von der Wirklichkeit durch eine Glasscheibe getrennt, schön und friedlich anzuschauen, nur anschauen, nicht anfassen …
Dann wusste Mia plötzlich wieder, dass sie nicht allein hier war. Der Junge sagte nichts, und auf den ersten Blick sah es beinahe so aus, als schaue auch er aus dem Fenster hinaus über die Stadt, aber in Wirklichkeit beobachtete er Mias Spiegelbild. Als sie das merkte, fasste Mia einen spontanen Entschluss, einfach so. Sonst war sie eigentlich nie spontan, aber an diesem Tag … Das war bestimmt schon das dritte Mal! Der wievielte das heute war, vermochte sie nicht zu sagen, wahrscheinlich der dritte, wenn sie richtig rechnete.
»Kann ich dir etwas erzählen?«, fragte sie beherzttodesmutig. Caro war weit weg und hier saß ein Junge, den sie überhaupt nicht kannte, von dem sie nichts wusste, als dass er so gut Geige spielte wie kein anderer. Aber wenn es einen Menschen gab, dem sie ihr Herz ausschütten konntewollte, dann ihm. Und wenn überhaupt ein geeigneter Moment hierfür existierte, dann … genau jetzt.
Er nickte. »KlarSicher. Erzähl mir etwas.«
Und so erzählte Mia ihm von dem leeren Spiegel.

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